Die Geschichten vom Vagabunden Kenshin im 11. Jahr der Meiji-Zeit leben wieder auf, wobei für Kenner des 28-bändigen Mangas von Nobuhiro Watsuki der ehemalige Attentäter Battosai aus der Bakumatsu-Ära mit der auffälligen kreuzförmigen Narbe auf der linken Wange wohl nie ganz vergessen war. Mit dem Realfilm Rurouni Kenshin, der in Japan am 25. August 2012 in den Kinos startete und bei uns seit Mai 2013 bei Splendid Film vorliegt, feiert der Schwertkämpfer mit der verkehrten Klinge seine zweite Hochblüte. Auch Nobuhiro Watsuki hat sich am Drehbuch beteiligt sowie mit Rurouni Kenshin – Cinema Edition einen promotenden Manga kreiert, welcher im Original zwei Volumes umfasst und von EMA am 4. Dezember 2014 als 2in1-Band abgeschlossen auf Deutsch herausgebracht wurde.

Der Vagabund Kenshin Himura landet bei seiner Ankunft in Tokio durch ein Versehen mitten in einem Schauduell gegen die Schwertkämpferin Kaoru Kamiya, die den Gewalt abgeneigten Rotschopf schnell besiegt. Kurz darauf lernt Kenshin die Hintergründe kennen: Kaoru muss für den heimtückischen Geschäftsmann Kanryu Takeda zehn Kämpfe vor wetteifrigem Publikum gewinnen, um ihren Dojo zu behalten. Doch dieser hat gar nicht vor, sein Versprechen einzulösen. Kenshin rettet Kaoru dank eines Tipps vom Laufburschen Yahiko vor dem Tod und setzt dem Geschäftsmann gehörig zu.

Takeda sinnt nach der Schmach auf Rache und heuert Männer an, welche Kenshin ins Jenseits befördern sollen. Darunter befindet sich neben dem Raufbold Sanosuke oder dem ehemaligen Shinsengumi-Mitglied Saito Hajime unter anderem auch eine dunkle Gestalt namens Jinne Udo, die den Kampf um Leben und Tod gegen Battosai mehr als alles andere herbeisehnt. Jinne sind alle Mittel recht, um in Kenshin den Samurai von früher wiederzuerwecken.

Es ist ein schönes Gefühl, all die lieb gewonnenen Charaktere wiederzusehen. Nobuhiro Watsuki greift dabei die Anfänge der Handlung auf und erzählt sie – wie die Live-Action – neu. Dabei adaptiert der Manga nicht die Realverfilmung, sondern kommt mit einer eigenen Parallelgeschichte daher. Gemeinsamkeiten sind jedoch zur Genüge vorhanden. So stehen in beiden Fassungen das Aufeinandertreffen mit dem Geschäftsmann Takeda und der Kampf gegen Jinne im Mittelpunkt. Es tun sich aber auch große Unterschiede hervor, welche die Interessierten unter euch gerne selbst entdecken dürfen.

Nobuhiro Watsuki bietet in der Cinema Edition jedoch noch mehr, als Altbekanntes neu aufzuarbeiten. Der Mangaka liefert zudem einen Prolog ab, welcher ein Kapitel umfasst und wenige Tage vor dem Start der eigentlichen Handlung spielt. Zu der Zeit ist Kenshin gerade in Yokohama. Die dortigen Ereignisse üben Einfluss darauf aus, warum sich der Vagabund nach elf Jahren des ruhelosen Wanderns letztlich im Kamiya-Dojo niederlässt. Zudem baut Nobuhiro Watsuki eine Verbindung zu seinem anderen Manga Embalming ein, die er nochmals in seinen Zwischenkommentaren, den »Free Talks«, neben vielerlei andere interessante Informationen erwähnt.

Da die Cinema Edition eine alternative Kenshin-Handlung präsentiert, war sie für mich zum Beginn sehr ungewohnt. In meinem Kopf spukte noch die Originalstory herum. Dort taucht Kanryu Takeda etwa erst im 16. Kapitel (Volume 3) auf, wohingegen Sanosuke vom ersten Band an mit dabei ist und Jinne im zweiten seinen Auftritt feiert. Wer sich an Kenshin erinnert, wird vielleicht noch wissen, dass der Anfang von kurzen Arcs mit dementsprechend knapp gehaltenen, aufeinanderfolgenden Spannungsbögen dominiert ist. Für die Realfilmung und auch die Cinema Edition galt es, die einzelnen Sequenzen zu mixen, um aus den kurzen Abschnitten einen großen zu machen. Neulinge tun sich daher leichter, in die vorliegende Handlung hineinzufinden. Andere, wie ich, werden ein paar Seiten benötigen, um aufzuhören, dem Original nachzuhimmeln, und letztendlich vollkommen in den Bann der dargebotenen Version zu geraten.

Man merkt, dass Nobuhiro Watsuki ein alter Hase im Manga-Geschäft ist. Gekonnt verknüpft er die vielen actionreichen Kämpfe mit humorvollen Unterbrechungen. Gleichzeitig steckt hinter den Gefechten eine Vielzahl von Emotionen. So verbindet Kenshin und Jinne zwar eine ähnliche Vergangenheit, doch charakterlich sind sie Gegensätze. Ihre Anschauungen über das neue Meiji-Zeitalter und ihrem Voranschreiten darin stoßen einander ab. So hat Kenshin innerlich mit seinem einstigen Ich als Battosai, der für die kaisertreuen Patrioten ein Attentat nach dem nächsten verübte, zu kämpfen. Das verpackt Nobuhiro Watsuki auch sprachlich und bildlich schön mit kleinen Metaphern.

Zeichnerisch liegen Welten zwischen dem ersten Band (aus dem Jahre 1994) von Kenshin und der Cinema Edition. Allein hierfür lohnt es sich schon, beide Werke mal nebeneinander aufzuschlagen. Das Charakterdesign bleibt mit kleinen Abänderungen dasselbe. Die Atmosphäre ist jedoch noch dichter, was auch an dem schnellen sowie spannungsgeladenen Erzählstil liegen mag, und die Kämpfe wie gewohnt dynamisch zum Mitfiebern. In einer Zeit des Umbruches, in dem sich wie jeher Gut und Böse gegenüberstehen, brodeln die Gefühle über. Das weiß Watsuki mit seiner jahrelangen Erfahrung problemlos im Auftreten und Handeln seiner oft gezeichneten Figuren widerzuspiegeln. Auf dem Cover sieht man Protagonist Kenshin. Auf der Rückseite ist der Rotschopf ebenfalls abgebildet, aber als Battosai. Das Motiv dient im Original gleichzeitig als Titelbild des zweiten Bandes. Der Umschlag ist innen farbig. Die beiden Illustrationen zeigen einmal Kenshin allein und einmal zusammen mit Sanosuke sowie Saito.

Dass Kenshin noch lange nicht ausgedient hat, zeigt sich ebenfalls an der Fortsetzung der Rurouni Kenshin-Realverfilmung. Der zweiteilige Nachfolger lief 2014 in den japanischen Kinos an und war beide Male ein richtiger Kassenschlager. Hierzulande will Splendid Film Rurouni Kenshin: Kyoto Taika-hen sowie Rurouni Kenshin: Densetsu no Saigo-hen im Laufe des Jahres herausbringen (wir berichteten). Auch für die Fortsetzung griff Nobuhiro Watsuki wieder zur Feder und zeichnete das zwei Kapitel lange Prequel Hono wo Suberu -Rurouni Kenshin: Uramaku-.Ob dieses auch in irgendeiner Form bei uns erscheint, bleibt abzuwarten.

Die Cinema Edition mag zwar nur einen Doppelband umfassen, doch das genügt, um den langjährigen Kenshin-Fans zu beweisen, dass es Nobuhiro Watsuki immer noch drauf hat. Nach spätestens ein paar Seiten findet man sich in den alternativen Handlungsstrang hinein. Kenshin ist zwar etwas ernster sowie melancholischer und Kaoru weniger aufbrausend, aber auch diese Änderungen erwecken eher positives Interesse beim Lesen, weil man sieht, wie sich Kenshin beziehungsweise Nobuhiro Watsuki in den Jahren entwickelt haben. Da die Cinema Edition nicht den Film adaptiert, können beide Werke unabhängig voneinander genossen werden. Sogar Neulinge im Kenshin-Universum dürfen zu diesem Einzelband greifen und kommen dadurch vielleicht auf den Geschmack, im Anschluss die 28-bändige Reihe in Angriff zu nehmen. Lohnenswert wäre sie auf alle Fälle.

Wir bedanken uns bei EMA für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Rurouni Kenshin – Cinema Edition.

Details

Titel: Rurouni Kenshin – Cinema Edition
Originaltitel: るろうに剣心ー特筆版 (Rurouni Kenshin – Tokuhitsuban)
Mangaka: Nobuhiro Watsuki
Erscheinungsjahr: 2012/2013 (JP), 2014 (DE)
Verlag: Shueisha (JP), EMA (DE)
Genre: Abenteuer, Action, Comedy, Drama, Historie, Shonen
Altersempfehlung: –
Preis: 9,99 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 3770484258&chan=animey&asin=3770484258]

Rurouni Kenshin © 1994 Nobuhiro Watsuki/SHUEISHA Inc., Tokyo
Rurouni Kenshin – Cinema Edition © 2014 Egmont Verlagsgesellschaften GmbH