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Reprodukt bringt zweites Werk von Mangalegende Yoshiharu Tsuge nach Deutschland

Der nutzlose Mann: Ein Mangaka verliert den Glauben an sich selbst

Bereits im Mai hatten wir das Vergnügen uns mit Yoshiharu Tsuge erstmals auf Deutsch auseinanderzusetzen. Nachdem Rote Blüten uns mit seiner überraschend einzigartigen Art so begeistert hatte, mussten wir natürlich auch einen Blick auf Der nutzlose Mann werfen. Es wurde uns dabei schnell klar, dass Tsuge mit diesem Manga persönlicher wird als je zuvor.

In Der nutzlose Mann steht der Mangaka Sukegawa Sukezo, der eigentlich ein angesehener Künstler ist, im Mittelpunkt. Aus persönlichen Gründen gibt er jedoch das Zeichnen auf und sucht auf neuem Weg sein Glück. Doch weder der Handel mit alten Kameras, noch seine Arbeit als Fährmann oder sein Verkauf von Steinen bringen wirklich was ein.

Seine Familie verliert mit der Zeit die Geduld und das Verhältnis bröckelt immer mehr, wie Sukezo’s Lebensfreude. Auch als sich die Situation weiter verschlimmert, weigert er sich trotzdem wieder zu zeichnen und hält weiterhin an seinen irrsinnigen Träumen fest, das große Glück zu finden.

Der verzweifelte Mangaka und sein verzweifelter Protagonist

Es dürfte ziemlich schnell auffallen, dass Tsuge mit Der nutzlose Mann eine besondere Verbindung aufbaut. Während seine anderen Werke eher Kurzgeschichten mit rätselhaften oder offenen Enden sind, verfolgte Der nutzlose Mann eine ganz andere Erzählweise. Hier haben wir es mit einer fortlaufenden Handlung zu tun, die sich durch ihren düsteren, schon regelrecht depressiven, Ton auszeichnet.

Tsuge ist dafür bekannt erwachsene Geschichten mit erwachsenen Themen zu erzählen, was auch hier genau der Fall ist. Dazwischen spürt der Leser jedoch, dass es hier deutlich persönlicher zugeht. Auch wenn der Protagonist nicht Tsuge’s Namen trägt, stellt er in vielen Punkten sein Spiegelbild dar. Schon zu Beginn seiner Karriere leidet der berühmte Mangaka unter Depressionen, Selbstzweifeln und tiefer Armut.

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Diese Faktoren lassen sich auch in Der nutzlose Mann wiederfinden. In den 80ern zeichnet Tsuge vermehrt über sein Privatleben und lässt seine persönlichen Ereignisse in die Storys hineinfließen. Als Der nutzlose Mann 1985 erscheint, zeichnet sich bereits das zukünftige Schicksal des Zeichners ab. 1987 gibt auch Tsuge die Kunst komplett auf und hat seitdem nie wieder etwas veröffentlicht.

Die schleppende Suche nach dem großen Glück

Die Probleme eines Künstlers auf Abwegen werden in Der nutzlose Mann zum Mittelpunkt gemacht. In erster Linie geht es durchgehend um das Geld, dem Sukezo verzweifelt nachjagt. Wie in einer Biografie wird dabei die Lebensgeschichte von ihm aufgedröselt und wie er immer mehr abrutscht. Erzähler ist Sukezo selbst, sodass es auch direkte Einblicke in seine Gedankenwelt gibt. Es treffen Depressionen mit Midlife-Crisis und Bequemlichkeit aufeinander, ohne dass es wirklich laut gesagt wird.

Die Story ist trotz der fortlaufenden Handlung auf mehrere einzelne Abschnitte unterteilt, die in den meisten Fällen von Situationen handeln, welche die derzeitige Lage von Sukezo genauer beleuchten. Es wird dabei durchaus zwischen Rückblenden und Gegenwart gewechselt, was zu Beginn ein wenig verwirrend sein kann. Trotzdem ist das Erzähltempo fast so träge wie der Protagonist selbst, was aber genau richtig ist. Aufgelockert wird das Ganze teilweise mit verstecktem Humor und geradezu absurden Momenten.

So kann die Schwere der eigentlichen Handlung auf den Leser wirken, der versucht, Sukezo zu verstehen. Tatsächlich handelt es sich wohl um eins der zugänglichsten Werke von Tsuge, da alles sehr direkt erzählt wird, ohne große Mysterien zu spannen. Das einzige Rätsel, dem nachgejagt wird, ist Sukezo’s Suche nach dem Sinn seines Lebens und seine verkrampfte Flucht vor dem Künstler-Sein. Wie üblich gibt es dafür am Ende keine Antwort.

Wenn das Leben verzweifeln lässt

Sukezo ist dabei einer dieser Charaktere, die mit ihrer Art bei den Lesern für Kopfschütteln sorgen. Trotz alledem hat man irgendwie noch so etwas wie Sympathie für den Künstler übrig, der eigentlich nur wissen möchte, was er denn nun genau will. Er stellt das Gefühl dar, das viele schon einmal hatten – Selbstzweifel. Vielleicht ist gerade das auch der Grund, wieso der ganze Manga trotz seines langsamen Tempos und der Frustration nicht langweilt.

Doch nicht nur Sukezo kämpft mit seinem Leben. Im Laufe der Erzählungen tauchen zahlreiche andere Figuren auf, die mehr oder weniger vom Leben gezeichnet sind. Sie zeigen, dass der Protagonist nicht alleine ist, auch wenn er sich so fühlt.

Umso tragischer scheint die Rolle der eigenen Familie zu sein, die mit der Zeit immer weniger Verständnis für Sukezo hat. Seite für Seite wird aus der glücklich verliebten Ehefrau jemand, der nur noch in Verzweiflung lebt. Wie üblich gelingt es Tsuge dabei einzigartige Figuren zu schaffen, ohne übertrieben ausfallend zu werden. So einfach die Grundhandlung ist, so einfach und normal sind die Charaktere.

Ein zeitloser Zeichenstil

Unverkennbar wie der Erzählstil von Tsuge sind die Zeichnungen. Charaktere sind simpel gehalten, während Hintergründe dank vieler Details vor Leben strotzen. Besonders Naturszenen sind beeindruckend gezeichnet. Auf der anderen Seite bringen die simplen Figuren trotzdem ihre Emotionen auch nur in wenig Details rüber.

Erneut beweist die Mangalegende, was ein perfekt gesetzter Pinselstrich und großflächige Schattierungen für Auswirkungen auf die Stimmung haben können. Es ist genau diese Balance zwischen Grobheit und Filigranität, die sich perfekt für Der nutzlose Mann eignet und den Manga zu dem macht, was er ist.

Hintergrundinfos zum Original

Wenn etwas genauso hochwertig wie Tsuges Geschichten ist, dann die Lokalisierung von Reprodukt. 416 Seiten gibt es im matten Softcover mit verstecktem Hologrammschriftzug. Japanische Fremdwörter werden wie üblich am Ende in einer Liste erklärt, damit zusätzliche Textboxen nicht beim Lesen stören.

Explizit wollen wir dazu noch das Nachwort erwähnen. Auf 17 Seiten befasst sich Ryan Holmberg mit Tsuge genauer, was für eine persönliche Verbindung der nutzlose Mann zu ihm hat und was heute mit der Mangalegende ist. Ein wunderbares Extra, das nochmal einen besseren Einblick in das Gesamtbild gibt.

Fazit

Der nutzlose Mann ist eine schwere Lektüre, die beim Lesen so viel Melancholie ausstrahlt wie der Hauptcharakter Sukezo. Es ist ein Wechselbad der Gefühle, während man das ungeschönte Auf und Ab des ehemaligen Künstlers mitverfolgt. Deutlich lässt sich dabei der persönliche Verweis zu Tsuge’s eigenem Leben erahnen und so wird Fiktion mit der Realität vermischt. Eingefangen wird die Stimmung durch seine Zeichnungen, die sich vom Stil her perfekt auf die Erzählung einlassen.

Die ganze Handlung mag zwar weniger skurril und verworren sein als die anderen Werke von Tsuge, trotzdem kann es durchaus zu Verwirrungen kommen. Vor allem sollte der Leser nicht so viele Antworten erwarten, denn die gibt der Mangaka bekanntlich nur ungern. Trotzdem ist Der nutzlose Mann gerade aufgrund seines hohen Anspruchs und der Thematik sehr lobenswert.

Es ist eine dieser Geschichten, die einen nicht aufgrund des Tempos atemlos zurücklässt, sondern weil sie einen langsam erdrückt. Von unserer Seite aus jedenfalls für alle eine Empfehlung, die mal einen etwas anderen Manga in den Händen halten wollen. Wer sich unsicher ist, dem empfehlen wir wie üblich die kostenlose Leseprobe zum Manga.

Info

Der nutzlose Mann komplettes Cover
Der nutzlose Mann von Yoshiharu Tsuge ist ein weitere klassischer Leckerbissen. Bild: Reprodukt

Der nutzlose Mann

Von: Yoshiharu Tsuge
Verlag: Reprodukt Verlag
Verfügbar: Einzelband
Preis: 24 EUR
Genre: Drama
Empfehlung:
ISBN: 978-3956402159

Kaufen bei Amazon

REVIEW OVERVIEW

Story
85 %
Zeichnungen
90 %
Unterhaltungswert
80 %
Preis
100 %

Unser Fazit

Tsuge's persönlichstes und wohl beginnerfreundlichstes Werk ist schwere Kost und damit meinen wir nicht den Umfang von mehr als 400 Seiten. Trotzdem ist der Klassiker mit seiner bedrückenden Art und Thematik einzigartig. Eine dichte Atmosphäre trifft auf den berühmten Zeichenstil Tsuge's und die Frage, was man eigentlich vom Leben will.
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