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Gelesen: Im Eisland, Band 3

Offiziell am 1. März 2016 erschien beim Hinstorff Verlag mit Im Eisland, Band 3: Verschollen das Finale von Kristina Gehrmanns Historie-Graphic-Novel.

In der Vergangenheit habe ich bereits Im Eisland, Band 1: Die Franklin-Expedition und Band 2: Gefangen unter die Lupe genommen und lasse mir daher auch das Finale von Kristina Gehrmanns Trilogie nicht entgehen, welche das tragische Ende der Franklin-Expedition festhält. Ein Stück englischer Seefahrtsgeschichte aus dem 19. Jahrhundert wird zum letzten Mal lebendig.

Worum geht es?

Sir Franklin ist tot und lässt damit die Kapitäne Crozier und Fitzjames mit der Verantwortung über zwei im Packeis gefangene Schiffe und eine bis hinauf in die Offiziersebene unter Skorbut und Bleivergiftungen leidende Besatzung zurück. So fern jeder Zivilisation mit zur Neige gehenden Vorräten fassen die beiden Männer den Entschluss, die HMS Terror und HMS Erebus im Frühling 1848 aufzugeben, um zu Fuß mit einer geschwächten, kränkelnden Mannschaft das kanadische Festland zu erreichen.

In der Zwischenzeit beginnen in London die ersten Vorbereitungen einer Suchexpedition, welche den Verbleib von Franklin und seinen Leuten ergründen sowie Überlebende retten soll. Hilfe ist auch dringend nötig. Crozier und Fitzjames müssen immer mehr Kranke und Tote verzeichnen, während jeder neue Hoffnungsschimmer schnell erlischt und der Tod zu allem Überfluss nach einem ihrer beiden Leben greift.

Die Story

In Band 1 von Im Eisland fand sich ein Literaturverzeichnis, welches offenlegt, wie unglaublich detailliert Kristina Gehrmann für dieses Werk recherchierte. All die vorliegenden Fakten sind in die Handlung eingeflochten. Aber wo in der Realität große Lücken voll Fragezeichen herrschen, gilt es für die Zeichnerin zu improvisieren, indem sie eigene Schlüsse zieht. Dies war zwar bereits in Band 1 und 2 notwendig, aber das Finale fordert mehr denn je, eine eigene Vorstellung und Theorien zu präsentieren, wie sich die einzelnen Personen verhalten und die Ereignisse abgespielt haben könnten.

Kristina Gehrmann baut dabei früher geglaubte Theorien ein und widerspricht diesen durch die Charaktere, wie etwa bei der Frage nach der möglichen Quelle für all die Bleivergiftungen, wenn Fitzjames die Konservendosen verdächtigt und Crozier Argumente dagegen kontert. Selbst die neueste Entdeckung des Wracks der HMS Erebus 2014 findet ihren Platz auf den Seiten des Bandes.

Die Blickwinkel wechseln in Band 3 – und zwar nicht nur zwischen den Besatzungsmitgliedern der Franklin-Expedition wie etwa Crozier, Fitzjames, der aufmüpfige Matrose Sinclair oder Schiffsjunge Evans, sondern auch hinüber nach England zur besorgten Lady Franklin und der ahnungslosen Admiralität sowie zu den Suchexpeditionen, welche sich beginnend 1848 aufmachen, um Licht in die Dunkelheit zu bringen. Die Suche nach Hinweisen beruht auf geschichtlichen Begebenheiten und ist meist in einem knappen, schnellen Stil gehalten. Hier ist Konzentration angesagt, um nachzuvollziehen, wer von wem angeheuert wurde und auf seiner Rettungsfahrt dieses oder jenes entdeckte. Nebenbei lernt man noch, wie der amerikanische Präsident zu seinem Schreibtisch kam, bevor sich der Kreis zu Band 1 schließt. Fans dürften sich erinnern, dass dieser mit Charles Francis Hall begann, der in der Arktis ab 1860 Nachforschungen betrieb.

Neben Ortswechsel gibt es in Im Eisland, Band 3 ebenfalls gehäuft Zeitsprünge. Die Handlung setzt etwa erst fünf Monate nach dem Tod von Sir Franklin ein, zeigt eine kurze Szene mit Kapitän Fitzjames und dem Arzt Dr. Stanley im November 1847, in der schon durchsickert, dass man überlegt, die Schiffe aufzugeben, bevor das Geschehen auf Januar 1848 springt, wo dies in einer Offizierssitzung nochmals besprochen wird. Warum ein zeitliches Loch klafft und was die verschiedenen Mannschaftsmitglieder in diesen Wochen dachten oder taten, bleibt außer Acht.

Ein paar weitere abrupte Sprünge lassen in mir das Gefühl aufkommen, dass Kristina Gehrmann in Band 3 mit Platznot zu kämpfen hatte und dementsprechend manches kurzfasste. Dabei hätte ich von so manchem Charakter gerne mehr gesehen, der ansonsten nur oberflächlich angeschnitten wird.

Die Handlung an sich ist eindringlich und zermürbend nah erzählt, wenn der Leser an die hundert Mann dabei begleitet, wie sie von Mal zu Mal weniger werden und, je weiter die Geschichte voranschreitet, zu immer drastischeren, unvorstellbaren Mitteln greifen, um zu überleben. Da erinnere ich mich gerne an Band 1 zurück, als alle noch frohen Mutes waren, die englischen Gesellschaftsstandards in die Arktis zu bringen. Doch stattdessen frisst der Kampf ums nackte Überleben so manche Moral auf.

Die Charaktere

Eine hundertköpfige Mannschaft im Detail vorzustellen, wäre ein zähes und langweiliges Unterfangen geworden, weswegen der Großteil nur namenlos als Teil der Masse erkrankt und hinwegstirbt. Eine Schockwirkung auf den Leser hat das allemal. Das Schicksal einer Handvoll Personen, welche wir bereits in Band 1 und 2 kennenlernen durften, wird aber näher begleitet.

In dieser Extremsituation offenbart jeder neue Seiten. Kristina Gehrmann präsentiert verschiedene Möglichkeiten, wie die Seemänner auf den nahenden Tod reagieren. Es gibt jene, die bis zum Schluss mit allen Mitteln kämpfen, andere dissertieren, verfallen dem Wahnsinn oder setzen dem eigenen Leben selbst ein Ende.

Speziell Crozier und Fitzjames möchte ich erwähnen, die seit Anfang hervorstechen und bisher in ihren Charakterzügen gegensätzliche Positionen vertraten. In den früheren Teilen neigte ich dazu, den introvertierten und oftmals pessimistisch depressiven Crozier zu bevorzugen, der als anscheinend Einziger Schwierigkeiten und Gefahren auf den Tisch bringt, während die restliche Mannschaft, darunter Fitzjames, vom damaligen Fortschritt Englands geblendet, einer prunkvollen, unbeschwerten Expeditionsreise entgegenblickt.

Dass dieses ungleiche Duo daher am Ende von Band 2 die Verantwortung für die Expedition teilt, schrie danach, dass Crozier als tragischer Held die Zügel in die Hand nehmen würde, während Fitzjames vollkommen überfordert danebenstünde. Aber tatsächlich beweist dieser in Kristina Gehrmanns Version der Ereignisse, dass mehr in ihm steckt als erwartet.

Zeichnung

Kristina Gehrmanns Zeichenstil kennt der Betrachter bereits aus den früheren Bänden von Im Eisland. Da die komplette Geschichte flott erschien (Band 1 kam im Frühling 2015 heraus), gibt es in der Hinsicht keine stilistischen Veränderungen. Kristina Gehrmann verfolgt in der Graphic Novel eine realistische Strichführung, die sich besonders in Nahaufnahmen bewährt. Hier und dort merkt man den japanischen Manga-Einfluss.

Selbst bei namenlosen Mannschaftsmitgliedern, die vor allem als Füllwerk für die Szenen dienen, geht sie in der Gestaltung überraschend tief ins Detail und achtet darauf, einen gewissen Grad an Individualität zu bewahren, statt Klon-Armeen durch die Szenen ziehen zu lassen. Manche Personen sehen sich zwar ähnlich, etwa Dr. Stanley und Assistenzarzt Macdonald, aber die Szenen und Gespräche sind stets so gewählt, dass klar ersichtlich ist, mit wem man es zu tun hat.

Im dritten Band zeigt Kristina Gehrmann die Personen erstmals ausgemergelt, kränklich mit teilweise fehlenden Zähnen und ungepflegt, wobei der steigende Bartwuchs für die Beteiligten, verglichen zu ihren anderen Problemen, das kleinste darstellt. In den Zeichnungen ist das Gesichtshaar aber meist grob hingetupft oder hingekritzelt, was nicht so ganz zum sonst so liebevollen Stil passen mag.

Mehr ins Zeug legt sich Kristina Gehrmann dagegen auf emotionaler Ebene, da man den Personen ihren zerrütteten, verzweifelten Gefühlszustand tatsächlich eindringlich von Mimik und Gestik abliest, was die Atmosphäre ungemein anspannt. Die Zeichnungen übermitteln das Elend der Männer. Einer meiner Lieblingsszenen ist am Ende vom ersten Kapitel, als die Mannschaft Amazing Grace singt. War früher Gesang auf der Expedition ein Ausdruck der Freude, so kann man nun in den Gesichtern Müdigkeit, Hunger und Krankheit erkennen.

Die Panels sind groß und meist in einem schlichten rechteckigen Stil gehalten. Ein wenig Dynamik im Umriss kommt bei bedeutsamen und emotional aufwühlenden Momenten vor. Mir gefällt bei Kristina Gehrmann die Liebe für Hintergründe, was sich bei Schiffsinnenräumen und Außenansichten als aufwendige Arbeit herausstellt, während die karge Eislandschaft der Arktis das Zeichnen sicherlich vereinfachte.

Das Cover ist einfach gewählt, aber gewinnt mit dem Schädel und dem verlassenen Boot im Eis an Bedeutung, wenn man die Geschichte gelesen hat. Waren die früheren Bände von Blau dominiert, entschied man sich dieses Mal für ein Gefahr signalisierendes Rot. Die einzelnen Kapiteltitelbilder zeigen Szenen aus der Handlung und lassen teilweise bereits erahnen, worum es sich auf den folgenden Seiten drehen wird.

Aufmachung

Wie schon seine Vorgänger erscheint Band 3 von Im Eisland im Format 14,8 x 21,0 cm mit einer schicken Klappenbroschur. Zudem fällt das Finale mit 272 Seiten, alle in Schwarz-Weiß, in westlicher Leserichtung wesentlich dicker aus und liegt dementsprechend schwer in der Hand.

Auf den Klappeninnenseiten befinden sich zwei Landkarten, welche die Reise der Franklin-Expedition 1945-1948 sowie die kanadische Arktis heute festhalten. Bei ersterer Karte hätte ich mir mehr Eintragungen gewünscht von Orten, die während der Handlung Erwähnung finden, etwa die Melville-Insel und Fury-Beach, um die besprochenen Pläne besser nachvollziehen zu können. Die Klappentexte zitieren Pressestimmen und halten eine Kurzbiographie von Kristina Gehrmann bereit.

Im Anschluss an die sechs Kapitel erstrecken sich noch sechs Bonusseiten mit Zusatzinformationen mit geschichtlichen Spuren, Fundstellen, entdeckten Gegenständen und Anmerkungen zu Passagen aus dem Band.

Info

Im Eisland, Band 3: Verschollen
Künstlername: Kristina Gehrmann
Erschienen: 1. März 2016
Verlag: Hinstorff
Genre: Historie, Drama
Altersempfehlung: ab 12
Sprache: Deutsch
Leserichtung: westlich
Preis: 18,99 Euro
ISBN:
978-3356020243

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