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Sherlock Holmes als Androide

„I am Sherlock“ – Detektiv in einer neuen Zeit?

Kaum eine Geschichte auf der Welt ist so bekannt und so oft adaptiert worden wie die um den berühmten Meisterdetektiv Sherlock Holmes. Seit Sir Arthur Conan Doyle den eigenbrötlerischen Detektiv und seinen Compagnon Dr. Watson Ende des 19. Jahrhunderts erfunden hat, wurden sie immer wieder in Büchern, Filmen, Serien, Videospielen und auf viele andere Arten dargestellt.

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Auch in Japan erfreuen sie sich großer Popularität, sodass es kein Zufall ist, dass es mit der vierteiligen Reihe „I am Sherlock“ von Kotaro Takata und Naomichi Io vier der bekanntesten Fälle als Adaption in einen Manga geschafft haben. Der erste Teil erschien 2017 in Japan und schaffte es 2019 bei Carlsen Manga zu uns nach Deutschland. Wir haben für euch einen Blick auf den ersten Band geworfen.

Sherlock Holmes als Androide

Der Manga bedient sich der spätestens durch die BBC-Serie Sherlock bekannt und beliebt gewordenen Idee, die Geschichte um den Meisterdetektiv in die Moderne zu verlegen. Tatsächlich sind beim Titelschriftzug der deutschen Ausgabe sehr deutliche Anleihen zum Stil des Sherlock Schriftzugs zu erkennen. Doch im Gegensatz zur BBC-Serie wird Sherlock Holmes nicht nur in unsere Zeit versetzt, sondern in eine nahegelegene Zukunft. Und es gibt einen weiteren, sehr starken Unterschied zu den bisher bekannten Sherlock Holmes Adaptionen: Bei Takata und Io ist Sherlock nicht ein brillant deduzierender Mensch, sondern ein Androide, der geschaffen wurde, um von den Menschen zu lernen.

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Androiden sind in der Welt des Manga keine Seltenheit, sie sehen aber eigentlich noch aus wie Roboter und nicht wie Menschen und werden durch eine zentrale KI gesteuert und vor allem für bestimmte Haushaltstätigkeiten verwendet. Sherlock hingegen wurde von Dr. Emma, die, wie man im Verlauf des ersten Bandes erfährt, die Tochter von Inspector Lestrade ist, entwickelt und ist nicht ständig online, sondern arbeitet mit einer anderen Art KI, bei der er Erfahrungen direkt von seinem Umfeld speichert und nach diesen handelt.

Die Zeichnungen sind sehr gelungen
Die Zeichnungen sind sehr gelungen.

Zu Beginn trifft er auf den aus Afghanistan zurückgekehrten Dr. Watson, mit dem er sich nach dem Willen von Dr. Emma eine Wohnung teilen soll, da dieser der größte Versager Londons sei und Sherlock eben genau diese Unvollkommenheit lernen soll.

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Nach einigen Startschwierigkeiten finden sich die beiden schließlich zusammen und gründen ein Detektivteam und ehe man sich versieht, stecken sie auch schon in ihrem ersten Fall: Eine Studie in Scharlachrot. Dieser gilt gemeinhin als erster Fall von Holmes und wird daher vielfach als Beginn einer neuen Adaption verwendet. In diesem Manga handelt es sich bei den zu lösenden Fällen um eine Reihe von Selbstmord(versuch)en, die von den Personen scheinbar ohne jeden Grund begangen wurden. Auffällig ist nur, dass alle Opfer kurz vor ihrer Tat eine E-Mail bekommen haben, die sich automatisch gelöscht hat …

Alle bekannten Figuren sind dabei

Mehr soll hier zum Inhalt auch gar nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu verderben. Stattdessen widmen wir uns kurz dem Personal, das zumindest namentlich von Sir Arthur Conan Doyle originalgetreu übernommen wurde: Wir haben Sherlock Holmes, den Androiden, der aussieht wie ein etwa 15-jähriges Kind, was auch John Watson anfangs sehr überrascht. Er ähnelt vom Charakter her seiner Romanvorlage stark, Holmes typische Rationalität und Gefühlskälte werden hier damit erklärt, dass er eben keine Gefühle hat, da er kein Mensch ist.

Allerdings arbeitet er weniger stark mit Deduktion und Beobachtung, sondern vor allem mit der Nutzung und Auslesung von Datenströmen, die etwa die Inspectoren vom Scotland Yard nicht nutzen können, weil sie ihnen nicht zur Verfügung stehen. Auch hängt er noch weniger an seinem Leben als sein berühmtes Vorbild, da er der Meinung ist, alles Wichtige von ihm sei ohnehin als Datenkopie jederzeit verfügbar.

John Watson ist, wie in der Romanvorlage auch, ein ehemaliger Militärarzt, der im Krieg verwundet wurde. Im Gegensatz zu dem treuen, bodenständigen, manchmal etwas kleingeistig wirkendem Partner, den Arthur Conan Doyle geschaffen hat, ist der Watson dieser Geschichte aber eher ein Tunichtgut und draufgängerischer Weiberheld, der auf der einen Seite zwar versucht, Holmes menschliche Regungen wie Instinkt und Freundschaft näher zu bringen, auf der anderen Seite aber selbst häufig sehr idiotisch handelt.

Auch die Nebenfiguren stimmen überein, es gibt Mrs. Hudson, die aber statt einer gesetzten ältere Dame als Haushälterin eine junge Frau ist, die versucht, mit freizügigen Bildern Instagram-Likes zu generieren, und die beiden Inspectoren Lestrade und Gregson vom Scotland Yard, die ähnlich unfähig wirken wie in den Original-Geschichten. Lestrade erhält aber zusätzlich eine Tochter und das typische Aussehen als Fernseh-Kommissars als heruntergekommener Kettenraucher. Auch der Täter ist vom Namen her identisch mit dem ersten Fall aus Doyles Feder, mehr sei aber nicht verraten.

Mensch vs. Maschine

In der Art der Falllösung gibt es starke Unterschiede. Zwar wird auch hier Holmes zu Rate gezogen, weil die Polizei auf der falschen Fährte ist, hier aber auf Intervention von Lestrades Tochter Emma. Die Polizisten schätzen die Fälle falsch ein und Holmes ist als Einziger im Stande zu ihrer Aufklärung beizutragen – aber dieses Mal nicht, da er die Wissenschaft der Deduktion anwendet, sondern da er durch seine Fähigkeiten als Androide nicht nur zu rationalen Analysen sondern auch zum Auswerten und Wiederherstellen von Daten in der Lage ist. Die Inspectoren hatten also tatsächlich keine Chance auf die gleichen Ergebnisse zu kommen wie Holmes.

Sherlock analysiert Daten
Sherlock analysiert Daten

Obgleich ihn diese reine Rationalität am Ende vor ein Problem stellt, das er ohne menschliche Hilfe nicht lösen kann, nimmt diese Fähigkeit der Person viel von dem, was sie faszinierend macht. Holmes kann all diese Dinge eben, weil er ein Android und damit weiterentwickelt ist als die Menschen. Dabei war das spannende an Sherlock Holmes eben, dass er auf den ersten Blick ein Mensch wie jeder andere ist und all seine Deduktionen auf Beobachtungen fußten, die jeder gesehen hat. Theoretisch wäre also auch jeder in der Lage gewesen, die gleichen Schlüsse zu ziehen, was seine Begabung noch mehr herausstellte.

Das Problem der Charaktere

Leider ist dies auch nicht der einzige Kritikpunkt an der Umsetzung. Allerdings ist es vor allem die Gestaltung der Charaktere, die negativ ins Auge fällt. Die Darstellung der Inspectoren wirkt zu klischeehaft und Mrs. Hudson als freizügiges Instagram-Modell ist auch eher verstörend und passt nicht zu der Figur, die Sicherheit und Rückhalt geben soll. Die angedeutete Liebesgeschichte zwischen ihr und Lestrade ist zwar nett, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Manga scheinbar eine hübsche junge Frau brauchte, die man den männlichen Lesern präsentieren konnte.

Am meisten stört allerdings die Darstellung von Dr. Watson. Dieser ist in den Sherlock Holmes Geschichten nicht ohne Grund der Erzähler: Er bietet dem Leser eine Projektionsfläche, als er kann man sich identifizieren. Arthur Conan Doyles Dr. John H. Watson ist nicht dumm, im Gegenteil, er ist ein sehr guter Arzt, aber im Vergleich zu Holmes wirkt auch er unbeholfen. Dafür ist er in zwischenmenschlichen Belangen wesentlich versierter, er ist so etwas wie die gute Seele, derjenige, der Holmes auf dem Boden hält und ihn mit seiner Art unterstützt.

Der Watson des Mangas ist nicht nur wesentlich jünger, was in Ordnung wäre, sondern wirkt die ganze Erzählung lang wie ein Volltrottel. Er wird als größter Versager Londons bezeichnet, was schon eine ziemliche Beleidigung für einen Militärarzt ist, und tut die Geschichte über auch leider fast alles, um das zu beweisen. Er dient eigentlich nur dazu zu zeigen, wie man es nicht machen sollte – damit Sherlock dann das Gegenteil tun kann. Und auch seine Versuche, Sherlock Holmes die Bedeutung von Gefühlen und Partnerschaft zu erklären, wirken gekünstelt, da zwischen den beiden einfach keine Chemie entsteht.

Schöne Ergänzungen, angenehmer Stil

Positiv zu erwähnen sind hingegen die Story und auch der Zeichenstil. Die Adaption der Geschichte in die nahegelegene Zukunft funktioniert bis auf das Androiden-Problem gut, einige neue Ideen sind eingeflossen und geben der Erzählung einen neuen Dreh. So ist das Ende zwar großteilig altbekannt, der Weg dorthin ist aber ein anderer und auch die Hintergründe der Taten unterscheiden sich.

Die Charaktere wirken in den Zeichnungen leider alle etwas jung, aber es wird angenehm auf Details (etwa auf die Pfeife) geachtet und die Emotionen sind in einem normalen und nicht zu übertriebenen Maß dargestellt. Auch Sherlocks Fähigkeiten sind, wenn er sie anwendet, gut und nachvollziehbar kreiert.

Fazit

Es ist immer so das Problem mit Adaptionen: Bleibt man zu nah am Original, bietet man nicht genug Abwechslung und die Leser sind enttäuscht, nichts Neues geboten zu bekommen. Entfernt man sich zu weit, läuft man Gefahr alte Fans zu vergraulen und den Figuren unrecht zu tun. „I am Sherlock“ leidet vor allem unter dem letzteren Problem: Grundsätzlich kann die Idee, Sherlock Holmes in die Gegenwart oder sogar Zukunft zu holen, durchaus klappen. Hier wurden die Figuren aber einfach zu stark abgewandelt, sodass vom Charme der Werke nicht mehr viel übrig bleibt. Sherlock Holmes Genialität kommt einfach nicht so sehr heraus, wenn er ein Androide und somit ohnehin übermenschlich ist, und John Watson dient dem Leser nicht mehr als Identifikationsfigur, wenn er zu sehr ins negative Extrem abgleitet. Darunter leidet auch die Chemie zwischen den beiden und warum sie sich am Ende plötzlich mögen, ist schwer nachvollziehbar.

Die Geschichte ist gut, im Grunde aber nun Mal auch von Arthur Conan Doyle erdacht. Es gibt allerdings auch gelungene Ergänzungen und der Zeichenstil weiß zu gefallen, sodass der Manga eigentlich keine Enttäuschung ist – Fans der Originalgeschichte sollten sich aber von ihren Vorstellungen lösen und vielleicht ist der Manga doch eher etwas für Menschen, die mal eine ganz neue Sicht auf Holmes und Watson bekommen wollen.

Info

I am Sherlock Holmes

I am Sherlock
I am Sherlock – Band 1. Bild: Carlsen


Verlag: Carlsen Manga
Erscheinungsjahr: 2017 (Japan), 2019 (Deutschland)
Story & Illustrationen: Kotaro Takata und Naomichi Io
Seiten: 208
Preis: 7,00 Euro

Genre: Action; SciFi; Krimi
ISBN: 978-3-551-71098-7
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Unsere Meinung

Geschichte
70 %
Zeichenstil
80 %
Figuren
10 %
Originalität
40 %

Fazit

Es ist eine mutige Idee - die leider an manchen Stellen hakt. Die Story ist gut, nah an Arthur Conan Doyles Geschichte, aber mit pfiffigen Ergänzungen. Auch der Zeichenstil gefällt. Aber vor allem die Figuren machen dieses Bild kaputt, durch sie bleibt kaum etwas vom ursprünglichen Charme der Geschichte um den Meisterdetektiv bestehen.
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"I am Sherlock" - Detektiv in einer neuen Zeit?Es ist eine mutige Idee - die leider an manchen Stellen hakt. Die Story ist gut, nah an Arthur Conan Doyles Geschichte, aber mit pfiffigen Ergänzungen. Auch der Zeichenstil gefällt. Aber vor allem die Figuren machen dieses Bild kaputt, durch sie bleibt kaum etwas vom ursprünglichen Charme der Geschichte um den Meisterdetektiv bestehen.