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Werke von Yoshiharu Tsuge sind erstmals offiziell auf Deutsch erhältlich

Rote Blüten – Die Neuentdeckung einer Manga-Legende

Wenn an legendäre Mangaka gedacht wird, fällt den meisten sofort ein Name ein: Osamu Tezuka. Der bereits verstorbene Künstler gilt regelrecht als Manga-Gott und schaffte es sich weltweit einen Namen zu machen. Neben ihn gibt es allerdings noch einen Mann, der mit seinen Werken den japanischen Comic wie kein anderer beeinflusst hat. Yoshiharu Tsuge gilt besonderes mit seinen Kurzgeschichten und seinem ungewöhnlichen Stil als ein Revolutionär in der Manga-Szene. Vielen dürften Tsuge außerhalb von Japan, trotz seines Kultstatus in der Heimat, kaum bekannt sein. Der Reprodukt Verlag will das nun ändern und bringt mit Rote Blüten die erste deutsche Übersetzung raus.

Bei Rote Blüten handelt es sich um eine Sammlung an Kurzgeschichten. Auf insgesamt stolzen 400 Seiten gibt es 20 Geschichten zu entdecken, die nicht unterschiedlicher sein können. So geht es in den namensgebenden Rote Blüten um das Schulmädchen Sayoko, die sich um einen Teeladen kümmert anstatt zur Schule zu gehen.

Alltägliche Menschen mit ungewöhnlichen Problemen

An einem heißen Tag plagen sie neben der Hitze und der wenigen Gäste auch noch Bauchschmerzen. Ihr Klassenkamerad Masaji kommt vorbei, um sie zu ärgern, er schafft es jedoch zur Abwechslung mal eine Hilfe zu sein und zeigt Sayokos einzigen Kunden eine gute Stelle zum Fischen. Auf dem Rückweg bemerkt er plötzlich rote Blüten im Wasser schwimmen und schaut verwundet nach, wo sie herkommen.

Auch in den anderen Geschichten geht es mehr oder weniger mysteriös zu, wobei einige schon schaurige Züge annehmen, andere hingegen mehr an normale, alltägliche Ereignissen erinnern. Es handelt sich stets um relativ normal wirkende Menschen in einem gewöhnlichen Umfeld der Zeit. So spielen alltägliche Problem eine Rolle, die sich als Gesellschaftskritik lesen lassen.

Aber auch philosophische, poetische und erotische Aspekte tauchen immer wieder auf. Allgemein lassen sich die Storys der Gekiga Bewegung zuordnen, die japanische Comic mit deutlich ernsteren Themen verfassen, um sich vom Begriff Manga abzuheben. Es ist damit klar, dass sich Rote Blüten an ein älteres Publikum richtet und nicht auf leichte Unterhaltung ausgelegt ist. Nicht jedem werden deswegen diese Kurzgeschichten gefallen.

Am Ende bleiben nur die Fragen

Es ist allerdings der Erzählstil, der die einzelnen Storys so besonders macht. Als Tsuge die Kurzgeschichten in den 60er und 70er Jahren schrieb, experimentierte er mit der Ich-Perspektive als Mittelpunkt der Erzählungen. Er war damit einer der ersten Zeichner, der in der Zeit so einen Schritt ausprobierte. Aus dem Grund wird sehr viel Wert auf die Gedanken der Figuren gelegt, die im Mittelpunkt stehen. Gleichzeitig bleiben die Geschichten bei der Wertung der Handlung erstaunlicherweise neutral.

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Das bedeutet jedoch nicht, dass immer nur Gutes geschieht. So wie mit den Aspekten des Alltags herumgespielt wird, so unvorhersehbar sind die Enden, die meist den Leser etwas ratlos zurücklassen. Das ist jedoch im guten Sinne gemeint. Es ist eine Aufforderung, die Handlung zu Ende zu denken und sich selbst Gedanken zu machen. Das ist nur einer der Gründe, wieso sich der Manga mit dem Mainstream nicht vereinbaren lässt, wo es in den meisten Fällen immer eine Antwort auf all die Fragen gibt.

Der Geschmack von Nostalgie

Die Charaktere der Geschichten sind genauso ungewöhnlich, wie die Handlungen und so unterschiedlich wie es geht. Unheimliche Gasthausbesitzerin, ein kleiner Junge der Pilze sammeln will, eine stumme Familie, sprechende Salamander oder ein Reisender, der sich nur entspannen will. Die Figuren sind nicht nur verschieden in ihrem Aussehen, sondern auch in ihrer Persönlichkeit. Die Charaktere müssen dabei allerdings nicht immer skurril sein und es handelt sich um ganz normale Menschen.

In dem Zeichenstil lässt sich deutlich der Look der Manga der 60er und 70er Jahre erkennen, der ein wenig an andere Künstler dieser Zeit erinnert. Einerseits gibt es einfach gehaltene Charaktere mit teilweise wunderbar ausgearbeiteten Hintergründen, die mit Details beeindrucken. Auch bei den Panels bleibt es nostalgisch und es gibt keine Überlappungen und wenig Effekte, dafür großzügigen Freiraum. Die Anzahl pro Seite ist umso willkürlicher und wird je nach Situation angepasst, sodass es immer eine passende Dynamik im Erzählfluss gibt.

Mit Schattierungen zur richtigen Stimmung

Tsuge versteht es dabei vor allem hervorragend mit den Schattierungen zu spielen und es gelingt je nach Szene eine regelrecht bedrückende Stimmung oder ein befreites, friedliches Umfeld zu schaffen. Es entsteht beim Lesen eine gewisse Faszination, wie aus gekonnt gesetzten Strichen Landschaft, düstere Züge und Wohnhäuser entstehen.

Nicht nur vom Inhalt spaltete sich Rote Blüten von herkömmlichen Manga ab, auch die Aufmachung vom Reprodukt Verlag fällt aus der Reihe. Vom Umfang und Format her hat man eher das Gefühl ein Taschenbuch in der Hand zu haben. Irgendwie fühlt sich das beim Lesen auch angemessener an. Dazu kommt das überraschend stabile Flexicover, das zusätzlich einen Hologrammschriftzug versteckt hält.

Fazit

Rote Blüten fällt aus der Reihe von all dem, was es zurzeit auf dem deutschen Manga-Markt zu finden gibt. Auch wenn der Zeichenstil vielleicht an andere Künstler aus der Zeit erinnern mag, ist das gesamte Werk schwer mit anderen zu vergleichen. Die einzelnen Geschichten haben alle ihre ganz eigenen Themen und lassen sich wohl noch am nächsten den Genres Slice of Life und Drama einordnen, obwohl das ihnen auch nicht so ganz gerecht wird.

Am Ende bleibt man vor allem nachdenklich zurück. Man möchte mehr über die Charaktere und ihr Leben wissen, was aber genau der Stil von Tsuge ist. Denn auch im echten Leben bleiben Fragen unbeantwortet. Abschließend lässt sich sagen, dass Rote Blüten eine kleine Perle für Liebhaber ist und wir es kaum erwarten können von Tsuge mehr zu sehen. Er hat nämlich nicht weniger Ruhm in der international Mangaszene verdient, wie andere Legenden seiner Zeit. Gerade, weil es sich aber um ein so ungewöhnliches Werk handelt, wird es nicht die breite Masse ansprechen. Vor dem Kauf empfehlen wir deswegen mit der Leseprobe mal einen kostenlosen Blick zu riskieren.

Info

Rote Blüten

Rote Blüten Cover
Schon auf dem Cover kündigt Rote Blüten an, dass es besonders wird. Bild: Reprodukt Verlag

Von: Yoshiharu Tsuge
Verlag: Reprodukt Verlag
Verfügbar: Einzelband
Preis: 24 EUR
Genre: Drama
Empfehlung:
ISBN:978-3956401916

Story
85 %
Zeichnungen
90 %
Unterhaltungswert
90 %
Preis
95 %

Unser Fazit

Außergewöhnlich, skurril und nachdenklich sind die Worte, mit denen man Rote Blüten wohl am besten beschreiben kann. 20 Kurzgeschichten zeigen das Können von Yoshiharu Tsuge in seinen verschiedenen Facetten. Ein besonderes Band, der vor allem Liebhaber des ernsteren und alternativen Manga anspricht.
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