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Vergessenes Leid der japanischstämmigen Amerikaner

They called us Enemy – Kindheitserinnerungen gegen das Vergessen

In der Geschichte des Science-Fiction lässt sich eine Serie nicht mehr wegdenken. Star Trek veränderte die Welt und das nicht nur mit seinen Geschichten. Teil der vielfältigen Crew unter Captain Kirk war George Takei, der als Captain Hikaru Sulu weltberühmt wurde. Bevor er jedoch als Mitglied einer Raumschiffsbesatzung zum Star wurde, erlebte er als kleiner Junge wohl eins der finstersten Kapitel in der Geschichte der USA. In They called us Enemy: Eine Kindheit im Internierungslager arbeitet er erstmals seine Geschichte in Bildern auf.

They called us Enemy fällt gleich mit der Tür ins Haus. Ohne weitere Erklärung beginnen die Erinnerungen des vierjährigen Takei damit, dass Soldaten vor der Haustür in Kalifornien stehen und seiner Familie zehn Minuten zum Packen geben. Erst danach stellt sich ein nun erwachsender Takei vor und fängt seine Geschichte mit seiner Geburt und dem Leben seiner Eltern an.

Es folgt der Kriegsbeginn mit dem Angriff auf Pearl Habor und Executive Order No. 9066, eine Erklärung dafür, wieso die Familie Takei mitgenommen wird. Ihr einziges Verbrechen ist nämlich, dass sie Japaner sind, die in den USA leben. Über Nacht wird Takei’s Familie plötzlich zum offiziellen Staatsfeind.

Kindliche Unschuld hinter Stacheldraht

Zusammen mit seinen Eltern, seinem Bruder, seiner Schwester und mindestens 120.000 weiteren japanischstämmigen Amerikanern muss er drei Jahre in Internierungslagern verbringen. Für den jungen Takei und seinen Bruder scheint das Ganze dabei ein Abenteuer zu sein. Nur am Rande bemerken sie die bedrückten Erwachsenden und dass irgendetwas nicht stimmt.

Trotzdem machen sie sich nicht zu viele Gedanken über den „Urlaub“, wie sein Vater den Abtransport nennt, und haben unbeschwert Spaß. Es sind die kindlichen, unschuldigen Momente, welche die erdrückende Geschichte auflockern.

Während vieles aus Sicht des kleinen Takei mit sehr viel Naivität betrachtet wird, ist es der erwachsende Schauspieler, der auf die Probleme und das Leid aufmerksam macht. Als Erzähler erklärt er die historischen Aspekte und zeigt, was die Menschen alles über sich ergehen lassen mussten. Kein Detail soll vergessen werden, der Leser soll spüren, was die Menschen damals empfanden und wie tief der Rassismus ging.

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Takeis Mutter sowie Vater hatten beide bei dem Loyalitätstest zwei bestimmte Fragen mit Nein beantwortet und galten nun als Abgründige. So wird die Familie Takei aus dem Lager in Rohwer Arkansas abtransportiert und ins berüchtigte Tule Lake War Relocation Center in Kalifornien verlegt. Takei macht deutlich, wieso die Menschen, egal bei welcher Antwort, nur falsch liegen konnten.

Was ist heute?

Mit dem Kriegsende und der Entlassung aus den Lagern ist das Leid der Menschen jedoch nicht vorbei. Es gibt für sie kein Leben zum Zurückkehren und zusätzlich stellen sich für einige, wie Takei’s Mutter, weiter Probleme auf. Doch mit dem Ende der Lager kommt noch etwas anderes, Hoffnung. Takei erzählt wie er die folgenden Jahre erlebt, wie er mit seinem Vater die Geschichte aufarbeitet und vor allem, wie er nicht aufgibt gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen.

They called us Enemy endet mit einem Blick in die Gegenwart, die eine Mahnung und Hoffnungsschimmer zugleich ist. Die Botschaft ist deutlich: Schaut nicht weg und glaubt an die Kraft der Demokratie der Menschen.

Einfache Figuren, starke Hintergründe

Erst richtig lebendig wird die berührende Geschichte von Takei durch die Zeichnungen von Harmony Becker. Mit einem einfachen und scharfen Stil schafft sie es, auch den nebensächlichen Charakteren Persönlichkeit zu geben. Auf beeindruckende Art schafft sie es dabei trotzdem, die Emotionen der Figuren einzufangen. Harmony setzt großzügig Schatten und Rasterfolien ein, die zu der jeweiligen Stimmung beitragen.

Dazu gibt es eine sehr gut ausbalancierte Verwendung von detaillierten Hintergründen. Während simple Unterhaltungen oder nebensächliche Ereignisse im Hintergrund leer bleiben, strotzen umso wichtigere Momente mit der Liebe zum Detail und Fülle. Die Aufteilung der Panels bleibt dafür umso traditioneller und vermeidet fließende Überschneidungen.

Qualitativ hochwertig

Sparsamer werden dazu Lautmalereien verwendet, sodass der Leser sie fast übersehen kann. Auch wenn They called us Enemy als Graphic Novel bezeichnet wird, erinnert der Gesamtstil an eine Mischung aus japanischen Manga und amerikanischen Comics, was vermutlich auch genauso gewollt ist.

So viel Wucht wie die Geschichte besitzt, hat auch die Aufmachung des Werks. Cross Cult hat sich für eine komplett gebundene Fassung mit massivem Pappdeckel entschieden. Als Papier wurde ebenfalls eine dickere Version gewählt, die für Comics üblich ist. Der Preis von 25 Euro ist damit mit 208 Seiten gerechtfertigt.

Wir persönlich waren nur von dem eher ungewöhnlichen Format überrascht, das zwar größer ist als ein Manga, aber kleiner als ein reguläres Buch erscheint. Sonst können wir bezüglich Qualität in keiner Hinsicht etwas aussetzen. Die Seiten sind gut geschnitten, geklebt und gedruckt.

Fazit

They called us Enemy ist eine Graphic Novel, die fesselt, schockiert und einem ans Herz geht. Es ist eine Geschichte über eine große Ungerechtigkeit, über die man nicht so wirklich laut sprechen will – weder die Täter noch die Opfer. Gerade zu überwältigend erscheint die Einfachheit der Zeichnungen, welche trotzdem in keiner Weise das Leid mindern, was den Menschen widerfahren ist. Das Werk schaffte es trotz seiner Ausführlichkeit und Details in der Erzählung zu keiner Sekunde zu langweilen.

Das bedrückende Thema wird dazu immer wieder aufgelockert, ohne jedoch die eigentliche Nachricht aus den Augen zu verlieren. They called us Enemy will aufrütteln. Nicht nur in Bezug auf ein Stück amerikanische Geschichte, die weiterhin im Schatten steht, sondern auch in Hinsicht auf die Gegenwart. „Nie wieder“, rufen die Deutschen, „Nie wieder“ ruft Takei und trotzdem schauen die Menschen immer noch weg, wenn Menschen hinter Stacheldraht gehalten werden. Die Graphic Novel ist damit so aktuell wie noch nie und wir können das Werk mehr als nur weiterempfehlen. Wie üblich ist es möglich vorab schonmal in das Werk kostenlos reinzugucken.

 

Info

They called us Enemy: Eine Kindheit im Internierungslager Cove
They called us Enemy: Eine Kindheit im Internierungslager erzählt von einem dunklen Stück japanisch-amerikanischer Geschichte. Bild: Cross Cult

They called us Enemy: Eine Kindheit im Internierungslager

Von: George Takei, Harmony Becker, Justin Eisinger,Steven Scott
Verlag: CrossCult
Verfügbar: Einzelband
Preis: 25 EUR
Genre: Autobiorgrafie, Graphic Novel
Empfehlung:
ISBN: 978-3966580397
Amazon

REVIEW OVERVIEW

Story
95 %
Zeichnungen
90 %
Unterhaltungswert
85 %
Preis
95 %

Unser Fazit

Ein wichtiges Stück Geschichte in einer packenden und berührenden Graphic Novel, die ihresgleichen sucht. Selten waren wir so von einem Werk begeistert, das dazu noch aktueller ist als je zuvor.
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