»Rurouni Kenshin – Trust & Betrayal« – DVDonTest

Im Sommer startet in den japanischen Kinos eine zweiteilige Live-Action rund um den Kyoto-Arc aus Nobuhiro Watsukis Kenshin. Das Herbstprogramm von EMA beinhaltet einen 2in1-Sonderband des Zeichners, der 2012 anlässlich der Realverfilmung Rurouni Kenshin entstand. Auch aktuell arbeitet der Mangaka an einem Titel aus dem Universum des rothaarigen Samurais mit der kreuzförmigen Narbe auf der Wange. Bei solchen Neuigkeiten aus der Manga-Szene und Filmindustrie wirken die Animestudios ziemlich still, aber andererseits haben Gallop und Deen auf dieser Ebene mit einer TV-Serie, einem Movie und drei OVAs vor Langem bereits stark vorgelegt. Bis auf den 95 Episoden langen Anime fanden die anderen Titel dank Kazé schon längst ihren Weg nach Deutschland. Den Anfang machte dabei die vierteilige OVA Rurouni Kenshin – Trust & Betrayal im Juli 2012, welche Kenshins Vergangenheit als Attentäter Battôsai und seine erste Frau Tomoe in den Mittelpunkt rückt. Neben der DVD-Version bietet Kazé auch eine Blu-ray-Variante an.

Unruhige Zeiten herrschen in Japan. Wegelagerer überfallen einen Trupp von Menschenhändlern, unter deren Waren sich auch der Junge Shinta befindet. Er überlebt als Einziger den blutdurchtränkten Angriff, da ihm der Schwertmeister Seijuro Hiko noch rechtzeitig zur Hilfe eilt. Von dann an ist der Weg des Knaben, der von seinem Retter den neuen Namen Kenshin erhält, durch die Klinge bestimmt. Jahre später schließt er sich den kaisertreuen Rebellen aus Choshu unter der Führung Kogoro Katsuras an und vollführt in dessen Auftrag Attentate an wichtige politische Personen. Bei solch einer Unternehmung kreuzt er eines Nachts die Klinge mit einem Samurai namens Kiyosato, dem es trotz seiner tödlichen Niederlage gelingt, Kenshin eine Narbe auf der Wange zuzufügen, die immer wieder aufbricht und blutet.

Wenige Zeit später beobachtet die junge Frau Tomoe Kenshin bei einem Mord. Der Samurai kann sie nicht einfach laufen lassen, daher nimmt er die angetrunkene Schönheit mit in ein Gasthaus. Dort findet die Heimatlose kurzweilig ein Zuhause und Arbeit. Als kurz darauf die Rebellen angegriffen werden, müssen Kenshin und Tomoe fliehen. Auf eine Nachricht wartend, wie es nun weitergehen soll, führen die zwei nach außen hin das Leben eines Ehepaares. Was Kenshin nicht weiß: Tomoe war die Verlobte von Kiyosato.

Rurouni Kenshin – Trust & Betrayal spielt weit vor der Handlung des Mangas. Lieb gewonnene Charaktere wie Kaoru, Sanosuke oder Yahiko weisen hier keinen Auftritt auf. Wer noch ungefähr die Alter der Beteiligten im Kopf hat, wird wissen, dass diese zu der Zeit noch in den Kinderschuhen steckten oder nicht einmal auf der Welt waren. Auch der sonst so friedliebende, sanfte Kenshin zeigt sich hier in seinen jungen Jahren in einem vollkommen anderen Licht. Fans treffen in Trust & Betrayal nämlich nicht auf den umherziehenden Vagabunden, sondern auf dessen früheres Ich, das sich als Attentäter Battôsai in der Bakumatsu-Zeit einen Namen machte. In der 28 Bände starken Manga-Reihe wird Kenshin bis zum letzten Handlungsbogen von seiner Vergangenheit immer wieder wie von einem dunklen Schatten verfolgt, bis jene dem Leser in den Kapiteln 165 bis 179 detailliert offenbart wird. Dieser Abschnitt dient als Grundlage für die OVA, die als Prequel zur eigentlichen Serie angesehen werden kann.

Regie führte, wie bei der TV-Serie, Kazuhiro Furuhashi bei Studio Deen. Verglichen zur Manga-Vorlage merkt man der Animation eine deutlich ernstere Atmosphäre an, auch der Stil wirkt verglichen zu Nobuhiro Watsukis realistischer. Das Charakter-Design in Trust & Betrayal stammt von Masahide Yanagisawa. Während die Handlung im Manga als Vorgeschichte und Erklärung für das Geschehen im letzten Abschnitt, der Kampf gegen Enishi, diente, erhält die Thematik in der OVA die volle Aufmerksamkeit, sodass sich den Fans eine viel größere Gefühlswelt offenbart. Veränderungen zum Original machen sich nicht nur in der ausführlicher ausgelegten Handlung bemerkbar, sondern auch in den Charakterzügen des Paars. Die Macher von Trust & Betrayal haben sich nur allzu deutlich in die damalige Zeit (Ende des 19. Jahrhunderts) hineinversetzt und versucht nachzuempfinden, wie die Welt für einen 15-jährigen Attentäter und eine junge, alleinstehende Frau aussehen mag. Kenshin tritt ruhiger und nachdenklicher auf. Umso klarer erfasst man, was für eine große Verantwortung, welche teilweise eine noch viel schlimmere Last ist, auf seinen jungen Schultern weilt. Die Schönheit aus einer Samurai-Familie, welche den Duft von Pflaumenblüten trägt, präsentiert sich schwach, verletzlich, zögernd sowie zurückhaltend, aber auf ihre persönliche Art und Weise auch sehr entschlossen, den Weg zu gehen, den sie gewählt hat.

Trust & Betrayal stammt aus dem Jahr 1999. Dass es sich um keine Neuverfilmung handelt, merkt man der OVA schnell an, ein Alter von knapp fünfzehn Jahren überrascht dennoch. Szenen bei Nacht wirken teils sehr düster und befremdlich, da etwa Kenshins rote Haare einen fast schwärzlichen Ton annehmen oder die blasse Gesichtsfarbe der Charaktere regelrecht kränklich erscheint. An anderen Stellen wurde bei der Grafik experimentiert, sodass in ein paar Fällen die verwendeten Texturen anecken. Besonders interessant zu beobachten ist dagegen die Darstellung von Wasser, ob nun als fließender Bach oder als Tropfen auf einem nassen Schwert. Um die örtliche Distanz wiederzugeben, sind hin und wieder die Umgebungen teils unscharf beziehungsweise unangenehm verschwommen gestaltet. Der Umgang mit den Hintergründen ist sehr liebevoll und aufwendig. So trifft der Zuschauer auf sehr simple Designs bis hin zu detaillierten Szenerien, welche alle auf ihre eigene Art zu bezaubern wissen. Der Betrachter bekommt dadurch einen guten Einblick, wie Japan am Ende des 19. Jahrhunderts aussah und wie die Menschen lebten.

Die vierteilige OVA hat ein FSK 16 erhalten. Das erklärt sich durch die blutigen, schonungslosen Kampfszenen, mit denen man unter anderem gleich ganz am Anfang überrumpelt wird, aber auch im späteren Verlauf auftreten. Diese sind meist, bis auf die Schlusssequenz, kurz gehalten und nur vereinzelt anzutreffen, sodass der Zuschauer vor längeren Gemetzeln bewahrt bleibt. Um die Lage zur damaligen Zeit getreu wiederzugeben, gehören solche Szenen dazu.

Disc

Da die OVA 1999 herauskam, verwundert es wohl niemanden, dass die Animation im 4:3-Format daherkommt. Die vier Teile umfassen insgesamt eine Laufzeit von 118 Minuten, also knapp zwei Stunden, welche Kazé gleichmäßig auf zwei Discs verteilte. Zuschauer können sich bei der Sprache für OmU oder Deutsch entscheiden. Beides ist jeweils in DD 2.0 vorhanden. Bei den Untertiteln gibt es nur Deutsch zur Auswahl.

Kenshin wird im Japanischen von Mayo Suzukaze gesprochen, die in dieser Rolle bereits in der TV-Serie zu hören war und auch in den anderen Animationen auftritt. In Japan ist es nicht untypisch, dass ein männlicher Shonen-Protagonist von einer Frau gesprochen wird. Für mich gehört Kenshin aber zu den Charakteren, wo diese Herangehensweise fehlschlägt. Trotz seiner jungen Jahre in der OVA ertönt Kenshin einfach zu weiblich. Während ich also die Klangfarbe als problematisch erachte, gefällt mir Mayo Suzukazes stimmtechnische Darbietung außerordentlich gut. Sie verleiht Kenshin eine sehr gefühlvolle, philosophisch angehauchte Interpretation, die ihm in Gesprächen abschirmt, aber gleichzeitig verdeutlicht, wie er mit der Gesamtsituation innerlich hadert und leidet. Zusammen mit Junko Iwao als Tomoe Yukishiro, welche die Schönheit dem Auftreten entsprechend zärtlich und verletzlich, aber dennoch entschlossen ertönen lässt, bekommt der Zuschauer auf der Gefühlsebene ganz großes Kino geboten.

Auf der deutschen Sprecherseite findet man für Kenshin und Tomoe René Dawn-Claude beziehungsweise Antje von der Ahe vor, die ihre Rollen solide vollführen. René hat eine jugendhafte, leicht kratzige Stimme für den Samurai in petto, die diesem erwachsen und gegenüber anderen Menschen etwas schroff erscheinen lässt. Es ist verglichen zu Mayo Suzukaze eine neue Interpretation des Rotschopfs. Der Kern von Kenshins Wesen, seine Isolation von der restlichen Welt sowie sein Unbehagen mit der Situation in Japan, wird jedoch beibehalten. Auch bei den wichtigsten Nebencharakteren wurden meist passende Sprecher engagiert. Einzig allein Sven Gerhardt als Tatsumi, ein Mitglied der Yami no Bu, fällt im letzten Teil der OVA sehr negativ ins Gewicht, da der Zuschauer zwar einen älteren Mann zu Gesicht bekommt, aber von der Stimme her jemanden hört, der mindestens zwanzig Jahre jünger sein müsste. Da gab es bei der Besetzung leider einen eindeutigen Fehlgriff.

Bonus

Der DVD liegt ein zwölfseitiges Booklet bei. Das kleine Heftchen gibt Aufschluss zu den wichtigsten Charakteren, eine Inhaltsangabe zu den vier Folgen und ein Interview mit dem Regisseur Kazuhiro Furuhashi. Unter dessen Antworten befinden sich ein paar sehr interessante Informationen zum Inhalt von Trust & Betrayal, die mir persönlich geholfen haben, die Geschichte besser zu verstehen (Stichwort »Tante Rosa«, aber auch bezüglich Kenshins Narbe).

Verpackung

Rurouni Kenshin – Trust & Betrayal kommt mit Digipack und Schuber daher. Letzteres zeigt auf dem Cover Kenshin und Tomoe in einer farbintensiven Darstellung, welche nicht die Bildqualität der OVA widerspiegelt, sodass Käufer aufpassen müssen, hier keinem Irrtum zu erliegen. Die Illustration wurde nachträglich 2011 anlässlich der Blu-ray-Version angefertigt. Das Digipack zeigt außen das Paar in der Schlussszene. Kenshin hält die tote Tomoe in den Armen, auf seiner Wange prangert die kreuzförmige Narbe, aus der Blut austritt. Der bösartige Blick darunter gehört zu Tomoes kleinem Bruder Enishi. Das Innere ist sehr schlicht in Weiß und Lavendel gehalten. Die Umrisse von Blüten sind zu erkennen, höchstwahrscheinlich von einem Pflaumenbaum.

Rurouni Kenshin – Trust & Betrayal ist ein eindeutiges Must-have für alle Kenshin-Fans. Das vierteilige Prequel verarbeitet die Geschichte rund um den Attentäter Battôsai und seine erste, tragische Liebe Tomoe in einer tiefgründigen, realistischen Atmosphäre voll Metaphern, welche das Herz des Zuschauers zu rühren vermag, auch wenn diesem das Ende aus dem Manga bereits bekannt ist. Obwohl die Handlung vor dem eigentlichen Geschehen aus Nobuhiro Watsukis Werk spielt, sollte man dieses trotzdem zuvor gelesen haben, um manche Zusammenhänge besser verstehen zu können. So erscheinen das Shinsengumi-Mitglied Hajime Saito und Tomoes jüngerer Bruder Enishi in einem vollkommen anderen Licht, wenn man weiß, wie es mit den beiden in Zukunft weitergeht. Ebenfalls vom Vorteil sind ein paar Kenntnisse aus der Zeit, in der Trust & Betrayal spielt, um die Lage besser zu sondieren und die einzelnen Gruppierungen der richtigen Seite – Shogunatsanhänger oder kaisertreue Patrioten – zuzuordnen. Die OVA hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel, weiß aber mit ihren detaillierten Szenerien und der melancholischen Musik immer noch die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu erregen.

Wir bedanken uns bei Kazé für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Rurouni Kenshin – Trust & Betrayal.

Details

Titel: Rurouni Kenshin – Trust & Betrayal
Originaltitel: るろうに剣心 追憶編 (Rurouni Kenshin Tsuioku-hen)
Produktionsjahr: 1999
Genre: Action, Historie, Drama, Romance
Animationsstudio: Deen
Regisseur: Kazuhiro Furuhashi
Publisher: Kazé
Länge/Episoden: 118 Minuten, 4 Folgen/2 Discs
Sprachen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Ton: DD 2.0
FSK: 16
Preis: circa 29,95 Euro
Bestellen:[amazon text=ASIN: B00840GV1U&chan=animey&asin=B00840GV1U]

Rurouni Kenshin, Tsuioku-hen © N.Watsuki/Shueisha, Fuji TV, Aniplex Inc.
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