»Tiger Kiss« – Manga-Test

Die Auswahl an Boys-Love-Titeln im deutschen Raum ist beachtlich, besonders an Einzelbänden trifft man eine nicht zu knappe Anzahl an. Preislich stellen diese Oneshots keine allzu große Hürde dar, schließlich ist alles mit einem Volume erledigt, eine einmalige Zahlung also. Nur sind diese Kurztitel nicht nur schnell gekauft, sondern ebenso rasant gelesen – und eventuell auch nach einiger Zeit wieder komplett vergessen. Ob letzteres Phänomen ebenfalls bei Tiger Kiss von Saeko Kamon auftritt oder ob das Werk genug Reize beim Leser hinterlässt, um sich einen Platz im Gedächtnis zu erringen, erfahrt ihr in den folgenden Abschnitten. EMA brachte den Einzelband am 3. April 2014 heraus.

Der Jurastudent Toshiaki Kuniba ist Jahrgangsbester. Allerdings sieht es in dessen Portemonnaie eher düster aus. Mit der Wohnungsmiete liegt der junge Mann auch schon zwei Monate im Rückstand, während seine Arbeitgeber einer nach dem anderen pleitegegangen sind. Ein Job muss her und das so schnell wie möglich. Sein Studienkollege Morioka weiß Rat in Form einer lukrativen Nachhilfe, doch die Sache hat einen Haken. Dieser tritt in Form von Aki Kurusu auf, der sich im ersten Jahr befindet und Gerüchten zufolge nur dank guten Beziehungen sowie Schmiergeldern bisher durchs Studium gekommen ist. Als wäre so eine Vergangenheit nicht besorgniserregend genug, entpuppt sich Toshiakis Schützling als Männerhasser schlechthin, der einen Kerl nur aus der Ferne ertragen kann.

Toshiaki schafft es mit Mühsal, eine Verbindung zu Aki aufzubauen und ihn zum Lernen zu motivieren. Die schicksalshafte Prüfung steht bevor, bei der Bestehen oder Durchfallen entscheidet, ob die aufreibende Nachhilfe entlohnt wird. Anstatt jedoch auf der Uni alles zu geben, entdeckt Toshiaki Aki in seiner Wohnung und muss sich mit der Beschuldigung konfrontieren, nur den Job angenommen zu haben, um Morioka zu gefallen. Aki mag zwar der Jüngere von beiden sein, doch deswegen ist er noch lange kein leicht zähmbares Kätzchen, sondern in Wahrheit ein wilder Tiger, dessen Gefühle ungebändigt aus ihm heraussprudeln. Sein Herz schreit nach Toshiaki, und diesen will er sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln schnappen.

Beim Namen Saeko Kamon könnte es bei manchen von euch klingeln. Bereits 2012 brachte EMA ihr Werk Royal Fiancé heraus, das 2009 in Zusammenarbeit mit Risai Asuma entstand. Während Tiger Kiss der zweite Titel aus ihrer Feder ist, der es nach Deutschland schafft, nimmt Saeko Kamons Portfolio an bisher veröffentlichten Arbeiten in Japan vollkommen andere Dimensionen an. Der vorliegende Manga heißt im Original Koi Suru Tora wa Kisu Suru und erschien in Kadokawa Shotens Magazin Asuka Ciel, bevor die Kapitel als Sammelband zusammengefasst im Februar vor zwei Jahren auf den Markt gebracht wurden. Neben der Hauptstory enthält Tiger Kiss die Kurzgeschichte Er ist die Braut sowie das fünfseitige Extra Nächtliche Studien, welches sich noch einmal Toshiaki und Aki widmet.

Beim Aufschlagen des Volumes sticht dem Betrachter sofort die Farbseite ins Auge. Die Illustration zeigt die beiden Protagonisten von Tiger Kiss. Fast hätte es das Bild so nicht gegeben. Im Dezember 2013 hieß es von EMA nämlich, dass bei manchen Titeln die Farbseiten gestrichen werden. Zwei Monate später im Februar gab es ein Einlenken seitens des Verlages und eine damit verbundene Preiserhöhung. Zusammen mit Die Sargprinzessin ist Tiger Kiss somit die erste Veröffentlichung aus dem heurigen Sommerprogramm, welche diese Zusatzkosten betrifft. Statt des anfänglich geplanten Preises für einen Manga ohne bunte Illustration heißt es nun bei 7,50 Euro ein Plus von 50 Cent draufzulegen.

Das Cover und die Farbbeilage verdeutlichen bereits, was beim Weiterblättern offenkundig wird: Saeko Kamon besitzt einen wunderschönen, ausdrucksstarken Stil, den man einfach gesehen haben muss. Die Zeichnungen sind geprägt mit viel Liebe zum Detail. Eine klare, präzise Linienführung setzt die Charaktere imposant und dynamisch in Szene. Im Hintergrund wird oft auf die Umgebung eingegangen, was Tiefe erzeugt, während die präsentierten Emotionen makellos sitzen und den Betrachter mühelos von sich überzeugen. Der Gebrauch von gut gesetzter Rasterfolie haucht den Seiten zusätzliche Frische und Lebendigkeit ein. Auch in den Proportionen der Figuren gibt es fast nichts auszusetzen, nur manchmal wirken die Hände zu groß. Andererseits sind in einem Boys-Love-Manga ausladende Greifer nie verkehrt.

Beim Charakter-Design besteht Saeko Kamon mit ihren Protagonisten auf Anhieb. Gegenteile ziehen sich bekanntlich an – und in diesem Fall natürlich auch aus. Ein armer, aber intelligenter Schlucker, der für sich selbst aufkommen muss, wird einem reichen, distanzierten Schönling gegenübergestellt, welcher durch das finanzielle Polster ein sorgenfreies Leben führt und allerlei Privilegien genießt. Während Toshiaki seine Gefühle meist im Zaum hält, lässt Aki diese frei heraus. Das Zusammenspiel des erwachsenen, in sich gekehrten Vorzeigestudenten mit dem wilden, unerschrockenen Männerhasser lässt die Spannung zwischen den beiden knistern. Erwartungsvoll beobachtet man, wie Aki langsam einen Teil seiner vorherrschenden Verbitterung fallen lässt und dank Toshiaki beginnt, auf eigenen Beinen zu stehen. Dass unser heißblütiger Krösus dabei der jüngere ist und im Bett trotzdem die aktive Position innehat, macht die Handlung nur noch reizvoller.

Die Geschlechtsakte sind kurz gehalten und fügen sich unaufdringlich ins Geschehen ein, dennoch dürfen sich Fans auch auf ein paar explizitere Darstellungen bereit machen. Weniger erfreulich entfaltet sich die Geschichte an sich. Statt einfach die Beziehung zwischen Toshiaki und Aki allein in den Mittelpunkt zu stellen, um deren Entwicklung zu verfolgen, baut Saeko Kamon klischeehafte Hindernisse ein, die der Spannung ganz im Gegenteil zur eigentlichen Absicht sogar eher abträglich sind. Ebenso wirkt Akis Männerhass ziemlich konstruiert und trotz Erklärung unverständlich. So ein Stolperstein gleich zu Beginn wirft den Leser erst einmal aus der Story raus, auch wenn durch diese extreme Abneigung das Verhältnis mit Toshiaki an Charme gewinnt.

Saeko Kamon legt in Tiger Kiss ein vielversprechendes Charakter-Design vor und kann auch mit ihrem überwältigenden Zeichenstil auf voller Linie punkten. Einbußen erlebt der Einzelband jedoch bei der Story-Entwicklung, die an manchen Stellen Einbrüche beim Verständnis vorweist und mit langweiligen Klischees daherkommt. Dennoch kann das aufreibende Verhältnis zwischen den Protagonisten, die so verschieden sind wie Tag und Nacht, in vielerlei Hinsicht den Karren aus dem Dreck fahren, wenn auch nicht vollkommen. Tiger Kiss mag weit davon entfernt sein, das Wort »perfekt« zu verdienen, trotzdem empfehle ich Boys-Love-Fans, einen Blick zu riskieren und sich von Saeko Kamons Zeichnungen verzaubern zu lassen. Die Preiserhöhung mag im Allgemeinen schmerzen, sollte aber beim Einzelband kein Stimmgewicht für oder gegen den Kauf haben.

Wir bedanken uns bei EMA für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Tiger Kiss.

Details

Titel: Tiger Kiss
Originaltitel: 恋する虎はキスをする (Koi Suru Tora wa Kissu Suru)
Mangaka: Saeko Kamon
Erscheinungsjahr: 2012 (JP), 2014 (DE)
Verlag: Kadokawa Shoten (JP), EMA (DE)
Genre: Boys Love, Romance, Comedy
Preis: 7,50 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 3770482549&chan=animey&asin=3770482549]

Koi Suru Tora wa Kissu Suru © 2012 Saeko KAMON/KADOKAWA SHOTEN
Tiger Kiss © 2014 Egmont Verlagsgesellschaften mbH