Schlechter Animations- und Zeichenstil, dennoch ein Erfolg

Manchmal möchte man seinen Augen kaum trauen: Einige (Original-)Werke kommen mit so einem derbe schlechten oder billigen Animations- und Zeichenstil daher, dass man ihren Erfolg überhaupt nicht nachvollziehen kann.

»Schlecht« ist natürlich relativ. Ich möchte mich nicht über Geschmäcker streiten. Doch bestimmte Stile wirken so laienhaft/unzulänglich, ohne deren persönlichen Stil untergraben zu wollen, dass man sich fragt: »Meint der das ernst oder kann er es einfach nicht besser?« Ich beziehe mich z. B. auf falsche Proportionen (und zwar nicht Übertreibungen à la One Piece oder Schönheitsideale siehe Sailor Moon), fehlerhafte räumliche Perspektive (fehlender Fluchtpunkt, unstimmige Größenverhältnisse etc.), unsaubere Linienführung (kann aber auch Absicht sein) oder falscher Schattenwurf.

Während ich nun Beispiele recherchiert und die Kollegen gefragt habe, musste ich allerdings feststellen, dass ich kaum etwas finde, was eindeutig als »schlecht« bewertet werden kann. Ich hatte so vieles als grottig in Erinnerung. Trotzdem kann ich keine Top 10 aufzählen, bei der ich nicht ein Aber einwerfen müsste. Folgende Gründe sprechen nämlich dagegen:

  • ältere Werke, die nicht mit heutigen vergleichbar sind
  • Erstlingswerke, die später besser wurden, getreu nach dem Motto »Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.«
  • experimentelle Werke (ob Slice-of-Life oder Fantasy), die mehr oder weniger Elemente moderner Kunstrichtungen oder Animationsverfahren nutzen (Expressionismus, Kubismus, Surrealismus, Rotoskopie)
  • Stile, die keine aktuellen Schönheitsideale bedienen (wie Stupsnäschen, Wespentaille, große Augen)
  • generell Geschmäcker hinsichtlich Outlines, Kolorierung, Schraffur, Details etc.

Deshalb lässt sich oftmals eigentlich nur von Stilen sprechen, die nicht den Massengeschmack treffen oder die gerade nicht im »Trend« liegen. Ich kann nicht einmal Kriterien einheitlich festlegen, die ein Werk per se als hässlich kennzeichnen. So blöd das klingt: Das Gesamtbild muss eben irgendwie stimmen und es muss zum Genre und der Handlung »passen«.

Was ich mit diesem Special jedoch aussagen wollte: Einige Serien sind trotz der (mehr oder weniger berechtigten) Kritik an ihren Zeichnungen ein Erfolg geworden und zogen teilweise zahlreiche Adaptionen nach sich. Und warum ist das so? Weil es eben nicht nur um Ästhetik sondern auch um Narration geht. Ich meine, hallo: Die erfolgreichsten Serien der Welt sind u. a. One Piece und Attack on Titan – also keine Paradebeispiele für außerordentlich »schöne« Zeichnungen. Damit will ich all denen, die sich immer vor mir rechtfertigen, sie könnten ja nicht zeichnen, sagen: D’rauf geschissen! Auf den Inhalt kommt es an! Diese Serien machen es vor:

Attack on Titan

ATTACK ON TITAN © 2010 Hajime Isayama, Kodansha Ltd.
© Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2014

Fangen wir mit dem Titel an, der One Piece vom Thron der meist verkauften Exemplare gestürzt hat. Und bitte steinigt mich nicht für dieses Beispiel.

Hajime Isayamas Titanen sind wahnsinnig erfolgreich. Der Manga zählt in Japan bisher 19 Bände, es gibt bereits diverse Adaptionen für Anime, Live-Action-Filme, Videospiele etc. sowie auch Merchandising und auf jeder Convention laufen ein paar Jäger-Cosplayer rum. Ok, bei der Animation der ebenfalls sehr erfolgreichen Animeserie kann man auch nicht meckern. Aber das Original, der Manga, fällt zeichnerisch leider ab und wird wiederholt dafür kritisiert. Es mag bitter sein, aber da sind die Spin-offs oft besser gezeichnet.

Besonders auffallend ist die häufig liederliche Schraffur, die allerdings in dramatischen und actiongeladenen Szenen positiv zur Dramatik wie auch Dynamik beiträgt. Diese liegen Isayama tatsächlich besser als spannungsärmere Situationen. Mimik, Gestik und Körperhaltung fallen oftmals recht steif und grob aus. Bei sehr kleinen Abbildungen wirken sie achtlos/lieblos hingekritzelt. Der gesamte Manga ist durch einen skizzenhaften Zeichenstil geprägt, der nicht pauschal schlecht ist, doch leider an manchen Stellen etwas zu schlampig wird. Die Qualität ist also nicht durchgängig gut. Vergleicht man Hintergründe mit Figuren, so schneiden ungewohnterweise sogar erstere sehr viel besser, weil professioneller und gründlicher, ab. Über die gewollt grotesken Proportionen der morbiden Titanen muss eigentlich nichts gesagt werden.

Crayon Shin-Chan

Crayon Shin-Chan 1 © 1990 Yoshito Usui/Futabasha Publishers Ltd.

Viele können mit dem vorlauten Bengel Shin-Chan nichts anfangen. Noch mehr stört sie allerdings der Animations- bzw. Zeichenstil.

Yoshito Usuis Original von 1990 umfasst (unabgeschlossen) 50 Bände, von denen es acht nach Deutschland schafften. Die TV-Serie weicht zwar hinsichtlich des schwarzen Humors stark von der Vorlage ab, wurde aber ebenso erfolgreich und hierzulande auf RTL2 gezeigt. Der inzwischen 24. Kinofilm erschien dieses Jahr im April – noch immer kein Ende in Sicht.

Die Zeichnungen des Manga sind sehr banal-kindlich. Sie erinnern an Karrikaturen und die kurzen schwarz-weißen Comicstrips in Zeitungen. Der Bildaufbau ist entsprechend flach, Räumlichkeit wird selten erzeugt und an Hintergründen wurde sehr gespart. Anspruchsvoll ist definitiv was anderes. Kleidung, Frisuren, Gesichter, Gesten etc. sind seeeehr schlicht gehalten. Alles wirkt mehr skizziert. Im Anime ist vieles noch einen Zacken kantiger gezeichnet. Ich habe schon öfter von Otakus gelesen oder gehört, dass sie das schlichtweg hässlich finden. Zu dem Genre Comedy/Slice-of-Life passt dieser Stil natürlich wie die Faust aufs Auge. Vielleicht fehlt manchen Leuten hier einfach der Mainstream-Niedlichkeitsfaktor einer kleinen Katze Chi oder der Peanuts …

One-Punch Man

2015 eroberte der selbsternannte Hobby-Held Saitama oder auch One-Punch Man Deutschland. Nun holt Kazé den Manga hierher – allerdings nicht das Original!

Das dürfte schon ein wenig bitter sein. Ab Oktober 2016 erscheint die Adaption von Yusuke Murata (Zeichnungen) und ONE (Story). Doch das Original von 2009 mit den Zeichnungen von ONE wurde nicht lizenziert. Ist es zu hässlich und befürchtet man deshalb, der Manga kommt beim deutschen Publikum nicht an? Denn schaut man in den originalen Webmanga rein, begegnen einem tatsächlich ziemlich krakelige Figuren. Die kompletten ersten Seiten wirken eher wie ein besseres Scribble, jedenfalls noch nicht fertig, um veröffentlicht zu werden. Dem ausdruckslosen Gesicht des Protagonisten sieht man seine Herkunft an. Wahrscheinlich wäre ONE ohne Yusuke Murata nicht dieser Erfolg gelungen. Zeichenstil also eher »na ja« … aber seine Idee und Story sind einen Beifall Wert! (Manga-Auszug von ONEs Twitteraccount)

One-Punch Man Twitterbild - Zeichenstil
Twitteracount von ONE: One-Punch Man © 2015 ONE/Shueisha

Mob Psycho 100

Vermutlich aufgrund des Erfolgs von One-Punch Man bekommt nun auch die zweite Serie von ONE eine Anime-Adaption.

Die Zeichnungen in Mob Psycho 100 und gerade auch der Protagonist erinnern stark an den Vorgänger. Alles bei dem Manga von 2012 (v. a. die Hintergründe) sieht aber schon wesentlich besser aus. Was mir das zeigt: Die Geschichten des Mangaka haben großes Potenzial und am Zeichenstil lässt sich arbeiten.

Tonkatsu DJ Agetaro

Auf den ersten Blick denkt vermutlich jeder erstmal: »OMG……« Unser Chef-Redakteur Micha feiert diese Serie allerdings. Zurecht!

Tonkatsu DJ Agetaro handelt von Agetaro Katsumata, der im Familienbetrieb arbeitet und von den Tätigkeiten reichlich angeödet ist. Als er eines nachts völlig spontan in die Clubszene Shibuyas eintaucht, trifft es ihn wie ein Schlag: Die Musik des DJs und die Zubereitung eines Schnitzels haben denselben Groove! Von da an entfacht Agetaros Leidenschaft für die Club-Musik und den Schnitzel-Imbiss seines Vaters. So absurd die Story klingt, so passend ist auch der Animations- bzw. Zeichenstil dieser Gag-Serie.

Der skurrile Manga von Iipyao und Yūjirō Koyama erscheint seit 2014 bei Shueisha und umfasst derzeit sechs Bände. 2016 folgte die ebenso verrückte Anime-Adaption (siehe Trailer unten). Die Figuren sind flach gezeichnet/animiert, schlicht koloriert und nicht besonders ansehnlich – wenn nicht gar absichtlich hässlich. Proportionen sind bewusst übertrieben, Schraffuren sehr grob hingekritzelt und Hintergrundfiguren auf einfachste Konturen beschränkt. Bewegungen und Settings sind ebenfalls stark reduziert. Der Stil und Humor des Animes treffen sicher nicht vieler Leute Geschmack. Man würde sagen, sie sind »gewöhnungsbedürftig«. Dafür gelingt der Serie eines auf jeden Fall: aufzufallen, jedoch nicht negativ, sondern auf originelle Weise. Manche Werke sind eben einfach perfekt unperfekt!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here