»Play Boy Blues« Band 1 – Manga-Test

Mit Play Boy Blues kehrte Shiuko Kano diesen August auf den deutschen Markt zurück, nachdem TOKYOPOP 2012 mit dem vierteiligen Punch Up die hiesigen Pforten für die Boys-Love-Zeichnerin öffnete und schon im Juni 2014 mit dem Einzelband Punch Up + Yaizu Brothers frisches Lesefutter für alle Fans bereitstellte. Die kurze Wartezeit lohnt sich. Wie Kenner nämlich genau wissen, spielt Play Boy Blues zeitlich vor Punch Up. Wer Letzteres also längst in seinem Regal stehen hat, für den sind die jetzigen Protagonisten Junsuke und Shinobu keine fremden Gesichter, weil sie als Nebencharaktere im Nachfolger-Titel vorkommen, der ein anderes Paar näher beleuchtet. So viel sei vorweggenommen: Man muss Play Boy Blues nicht gelesen haben, um Punch Up zu verschlingen.

Shinobu hat seinen Job als erstklassiger Host aufgegeben, um nun auf Baustellen zu arbeiten. Der frei gewordene Thron als Nummer eins im Club geht an seinen Schützling und Mitbewohner Junsuke, welcher sich bei den Frauen ebenfalls großer Beliebtheit erfreut. Dessen persönliches Interesse gilt jedoch dem leichtlebigen Blondschopf mit dem braun gebrannten Körper und der Frage, warum dieser seine lukrative Anstellung so plötzlich in den Wind schoss.

Junsuke und Shinobu schlafen miteinander, doch der ehemalige Host sowie frischgebackene Bauarbeiter landet trotzdem mit dem Architekten Motoharu im Bett. Nach dem Fehltritt wartet Junsuke zu Hause auf den spät Heimkehrenden und merkt sofort, wie Shinobu ihm etwas verheimlichen will. Gleichzeitig muss jener lernen, dass Junsukes Job als Host – welcher auch Sex mit seinen Kundinnen inkludiert – ihm mehr zusetzt, als gedacht.

Wiedersehen macht Freude, heißt ein Sprichwort, das in Play Boy Blues bestätigt wird. Die aus Punch Up lieb gewonnenen Charaktere Shinobu Hishiya und Junsuke Aki geben sich im ersten Band der Reihe von ihrer besten Seite. Shiuko Kano erzählt aus der Sicht beider Männer und wechselt dementsprechend zwischen dem Host-Club sowie der Baustelle, wobei Shinobu durchaus noch in schicke Anzüge schlüpft, um an seiner alten Arbeitsstelle auszuhelfen. So kommen Fans in den Genuss, die Protagonisten zusammen in eleganter Kleidung zu sehen.

Host-Clubs sind ein beliebter Ort in Mangas, der nicht nur aufs Boys-Love-Genre begrenzt ist, auch wenn die Liebe unter Kollegen oder zu männlichen Kunden einen starken Reiz auf die Leserschaft ausüben kann. Das Baugewerbe wirkt da schon weniger verlockend, doch Shiuko Kano gelingt es – speziell in Punch Up – dem Metier mit humorvoller Übertreibung Charme zuzusprechen. Leider ist Play Boy Blues nicht in Farbe, ansonsten hätte man Shinobu in seinem pinken Arbeitsgewand erhaschen können.

Durch ihre Tätigkeit als Hosts besitzen beide Protagonisten gegenüber anderen Menschen ein charismatisches Auftreten, das wenig persönliche Gedanken durchsickern lässt. Interessanter entpuppt sich dagegen der Blick hinter diese Fassaden. Zuerst hat es den Anschein, als wäre Junsuke der Verschlossenere von ihnen. Eine genauere Analyse offenbart jedoch, dass Shinobu einfach besser darin ist, seine Gefühle geheim zu halten und Probleme mit Frohsinn oder Sorgenlosigkeit zu überspielen. Er mag zwar mit wenigen Monaten Vorsprung der Ältere sein, benimmt sich im Kontrast dazu aber oft kindischer und hat Angst davor, sich zu binden oder emotionale Zugeständnisse zu machen. Im Vergleich dazu ist Junsuke ein ernster, zielstrebiger Mann, der vor impulsiven Handlungen nicht zurückschreckt, wenn es der Moment verlangt. Dies bezieht sich besonders auf sexuelle Annäherungen.

Shiuko Kano verwendet bei ihren Zeichnungen einen sehr maskulinen Stil, welcher in Schwarz-Weiß noch intensiver hervorsticht als auf dem Cover oder der enthaltenen Farbseite. Die Mangaka bevorzugt groß gewachsene Kerle mit langen Beinen und muskulösen Oberkörpern. Sowohl Junsuke als auch Shinobu gehören diesen Typus Mann an. Die Schultern fallen sehr breit aus und die Hände in diesem Wirrwarr an Proportionen überdimensioniert. Bei den Gesichtern dominieren ausgeprägte Kinnpartien, volle Lippen und schmale, in die Länge gezogene Augen mit den dazugehörigen dünnen, aber auffälligen Brauen darüber. Mit diesen Merkmalen verpasst Shiuko Kano ihren Figuren ein sehr erwachsenes Aussehen, sodass die Charaktere sogar älter wirken, als man vermuten würde. Bei der Kleiderwahl nehmen Anzüge einen Hauptteil ein. Hier achtet die Zeichnerin auf die Persönlichkeit der Träger und lässt sie ins Design mit einfließen. Betrachter erhaschen zudem Blicke auf Shinobu in seinem Bauarbeiter-Overall. Hintergründe kommen nur sehr spärlich vor.

Obwohl Liebe durchaus das wichtigste Thema im Manga ist, nimmt Play Boy Blues keine allzu romantische Haltung ein. Der sexuelle Aspekt überwiegt und wird auch mehrmals explizit schweißtreibend ausgelebt. Die Beziehung der Männer überzeugt, bewahrt sich dank Shinobus Unerfahrenheit in längeren Liebschaften aber auch frische, kindische Züge. Es ist kein typisches Verhältnis, da Junsuke als Host auch mit Frauen schlafen muss. Dennoch merkt man, dass seine Gefühle voll und ganz bei seinem Mitbewohner liegen. Zuneigung sowie Vertrauen sind wichtige Bestandteile, um diese Verbindung aufrechtzuerhalten.

Die Altersempfehlung ab 18 lässt schon auf einen stark sexuellen Inhalt vermuten. Auch die Erzählvariante fällt mit wenig Humor und dafür ausgereifteren Auseinandersetzungen aus, welche der unsichere Shinobu versucht, mit vorgetäuschter Gleichgültigkeit ohne Erfolg abzuwinken. Shiuko Kano zeichnet mit wenig Kitsch und lässt die rosarote Brille im Schrank liegen. Mit ihrem Stil spricht die Mangaka eine spezielle Leser-Klientel an. Wer detaillierte Sexszenen mag und Männer bevorzugt, die auch wie solche aussehen, kommt hier trotz teils übertriebener Proportionen auf seine Kosten.

Aufgrund des Host- und Bau-Metiers sowie dem nicht ganz ernst gemeinten Umgang damit gelingt es einem nur schwer, sich in die Figuren hineinzuversetzen. Eine gute Unterhaltung, welche sich sogar bleibend ins Gedächtnis brennt, bekommt man trotzdem geboten. Im Vergleich gefällt mir Punch Up bisher besser, während Play Boy Blues als Vorgeschichte die fehlenden Informationen liefert, um insgesamt dem von Shiuko Kano konstruierten Universum noch mehr Fülle zu verleihen. Darum gibt es dieses Mal keine Einzelempfehlung von mir, sondern den Rat, sich die »volle Dröhnung« mit Punch Up und dem Kurzgeschichten-Einzelband reinzuziehen. Vielleicht schafft es dann auch irgendwann der Oneshot Gaten na aitsu nach Deutschland, in dem die Mangaka dem Play Boy Blues-Paar ebenfalls einen Abschnitt gewidmet hat.

Wir bedanken uns bei TOKYOPOP für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Play Boy Blues, Band 1.

Details

Titel: Play Boy Blues, Band 1
Originaltitel: P.B.B., Vol. 1
Mangaka: Shiuko Kano
Erscheinungsjahr: 2007 (JP), 2014 (DE)
Verlag: Libre (JP), TOKYOPOP (DE)
Genre: Boys Love
Altersempfehlung: ab 18
Preis: 6,95 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 3842010044&chan=animey&asin=3842010044]

Play Boy Blues © 2007 Shiuko Kano, Libre Publishing Co., Ltd.
© TOKYOPOP GmbH, Hamburg 2014