Sind »schöne« Zeichnungen für einen Manga wichtig?

Mangaka Hajime Isayama (Attack on Titan) gehört zu den Kandidaten, die recht häufig wegen ihrer Zeichenkünste negativ kritisiert werden. Im November 2014 stellte Isayama in einem Interview mit dem japanischen Männermagazin Brutus die These auf: Es sei wichtiger, eine unvergessliche Kunst zu besitzen — auch wenn es eine merkwürdig schlechte wäre — und aus der Masse hervorzustechen. Wir gehen diesem Statement etwas genauer auf dem Grund.

Dies einmal vorweg: Generell ist es eine rein subjektive Meinung, ob einem die Zeichnungen eines Mangaka gefallen, oder eben nicht. Denn es gibt im Auge des Betrachters stets eine andere Definition, was man als »schön« empfindet. Aber hängt die Qualität eines Manga tatsächlich von der Kunst ab bzw. sollte man nur wegen der schicken Zeichnungen zu einem Manga greifen?

Wenn wir von einem Manga reden, dann dürfte dem Leser klar sein, dass es sich um eine Bildergeschichte handelt. Dies wiederum bedeutet: Die Qualität eines Manga wird anhand der Zeichnungen und der Erzählung bestimmt. Beides sollte harmonisch zusammenwirken. Ein Titel mit schicken und filigranen Artworks besitzt nicht automatisch eine interessante Story, und auch ein Werk mit dezenten Zeichnungen mag sich im Endeffekt als unterhaltsam entpuppen.

Gehen wir doch einfach mal ein paar Beispiele durch. Yusuke Muratas und ONEs Seinen-Manga One-Punch Man feiert weltweit Erfolge. Doch wusstet ihr, dass das Original aus dem Jahr 2009 mit Zeichnungen von ONE kommt? Vergleicht man die Optik beider Werke miteinander, dann dürfte klar sein, was das Erfolgsrezept von Muratas Version ist. ONEs Originalzeichnungen entpuppen sich als unförmig und grob, den Figuren fehlt es an Ausdruck. Dennoch gebühren dem Autor Lob und Anerkennung für die Geschichte. Und da wir gerade bei ONE sind: Auch in Mob Psycho 100 erinnern die Artworks sehr an sein Vorgängerwerk One-Punch Man. Allerdings haben sich seine Zeichnungen verbessert.

Was sagt uns das? Mangaka entwickeln ihren Zeichenstil über die Jahre weiter. Einer dieser Vertreter ist übrigens auch Tite Kubo. Vergleicht man Band 1 mit aktuellen Zeichnungen, dann ist das schon ein Unterschied. Seine Charakterdesigns — insbesondere das Gesicht und die Darstellung des Körpers — stechen aus der Masse heraus. Recht oft wird bemängelt, Kubo ignoriere zu sehr die Hintergründe und Kulissen, was zugegebenermaßen auch Fakt ist. Aber mal ehrlich, wer in der Story mit seinen Charakteren trumpfen möchte, der muss auch keinen großen Fokus auf das Drumherum legen. Natürlich spielt der Erscheinungsrhythmus der Einzelkapitel ebenso eine Rolle. Im Falle von Kubo sollte jedoch erwähnt werden: Zwar haben sich seine Zeichnungen bis zum Abschluss von Bleach stark verbessert, allerdings wurde die Erzählung immer unspektakulärer.

Skip Beat! Band 35Oftmals fehlt vor allem den Zeichnungen von Shojo-Mangaka ein gewisser Wiedererkennungswert. Diese Kritik kann man allerdings nicht an Yoshiki Nakamura weitergeben. Ihre Figuren fallen groß und schlank aus, besitzen dagegen recht kleine Köpfe. Die Proportionen sind teilweise merkwürdig, was sicherlich nicht jedermanns Geschmack ist. Ungeachtet dessen gibt es jedoch etwas, das die Faszination ihres Zeichenstils ausmacht. Besondere Beachtung verdienen die eindrucksvolle Gestik und Mimik der Figuren. Auch stechen die detailliert gezeichneten Augen heraus. Sicherlich sind Nakamuras Zeichnungen shojotypisch aber im Gesamtbild dennoch eine Marke für sich. Dazu kommt, dass sich ihr Stil im Laufe der Jahre immer mehr verbessert hat und die Geschichte von Skip Beat! spannend bleibt. Dennoch muss sich der Leser aufgrund des langsamen Erzähltempos in Geduld üben.

Sehr erfolgreich und populär ist die Shojo-Mangaka Arina Tanemura. Sie glänzt in ihren vielen Werken mit schönen filigranen Illustrationen, wobei sich ihre Charakterdesigns von Serie zu Serie sehr ähneln. Dies muss aber nicht unbedingt negativ bewertet werden. Tanemura hat nun mal ihren eigenen unverkennbaren Stil. Wo ihre Zeichnungen konstant geblieben sind, verlieren jedoch die neueren Erzählungen der Mangaka im Vergleich zu jenen ihren Frühwerke etwas an Reiz. 

Attack on Titan, Band 19Kommen wir zu guter Letzt auf Hajime Isayamas Zeichenstil in Attack on Titan zurück. Ins Auge fallen beispielsweise skizzenhafte Grafiken und unsaubere Linien, die jedoch in actiongeladenen Szenen der Dramaturgie zugutekommen. Demzufolge liegen Isayama beim Zeichnen die spannungsgeladenen Momente. Der Ausdruck der Charaktere fällt dagegen eher steif aus. Überraschenderweise wissen jedoch die Kulissen und Hintergründe mit Gründlichkeit zu begeistern. Die gewollt grotesken Proportionen der Titanen, sprechen wohl für sich. Demnach kann die Qualität der Zeichnungen nicht durchgängig als gut bezeichnet werden, aber auch nicht als schlecht.

Das Fazit aus dieser Thematik: Ein individueller Zeichenstil verhilft einem Mangaka dazu, aus der Masse hervorzustechen. Welche Zeichnungen »gut« oder »schlecht« sind, das ist eine rein subjektive Ansicht. Der persönliche Geschmack ist aber für die Qualität eines Manga nicht zwangsläufig wichtig. Im Endeffekt zählt der Gesamteindruck und diesen machen sowohl die erzählerische als auch die künstlerische Gestaltung aus.

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