Special: Wie weit darf das Medium gehen?

Ich würde nicht sagen, dass ich einen Faible für das Psycho-Horror-Genre habe, trotzdem habe ich einiges aus der Sparte konsumiert, wo es auch in der Gewaltdarstellung oft herber zugeht.

Meistens haben solche Geschichten eine Komponente, die dem ganzen Treiben einen Sinn geben oder die anderweitig einen gewissen Reiz ausüben. Zudem überzeugen Titel aus dieser Ecke häufig mit einer außerordentlichen Charakterzeichnung, weil die Protagonisten in der Extremsituation an ihre Belastungsgrenze gedrängt werden und ungeahnte Facetten zum Vorschein kommen.

In Higurashi no Naku Koro ni stecken die Charaktere in einer Zeitschleife fest, während sie immer wieder durchleben müssen, wie ein verheerendes Unheil über sie hineinbricht. Trotzdem steht nicht der Auslöser der Katastrophe im Fokus, sondern das Verhalten der Charaktere. Wie ein schlummerndes, negatives Gefühl wie Neid oder Misstrauen in ihnen heranwächst, bis sie völlig die Kontrolle verlieren und unverzeihliche Dinge tun. Es geht auch viel um die individuelle Wahrnehmung und obendrein sind die emotionalen Ausbrüche besonders stimmgewaltig und eindringlich inszeniert.

© Spike Chunsoft Co., LTd.

Ein anderer Visual Novel-Vertreter Danganronpa geht eine ganz andere Richtung. Hier wird eine Gruppe Teenager von der Außenwelt abgekapselt und gezwungen in einem mörderischen Spiel teilzunehmen, in dem sie einen Kameraden unbemerkt das Leben nehmen müssen. Trotzdem ist das Ganze ziemlich abgedreht, schon allein für den schrägen Antagonisten, bei dem es sich um einen verspielten, sadistischen Teddybären handelt. Außerdem sind die Hinrichtungen, die immer passieren, wenn ihr einen Mörder entlarvt habt, wie in einer verrückten Gameshow dargestellt. Oh und auch das Blut ist (absichtlich) pink eingefärbt.

Wieder bitterernst aber nicht weniger bizarr geht es in der Visual Novel Kara no Shojo zu sich. Eine konservative Mädchenschule wird von einer grausamen Mordserie erschüttert, in der die Opfer auf makabere Weise kunstvoll hergerichtet werden. Trotz dieser verstörenden Ereignisse bleiben die Schüler durch ihre unnahbare, disziplinierte Art auffällig ruhig und das fördert die greifbar-angespannte Atmosphäre, die euch in der Mystery-Novel konstant begleitet. Zudem trägt die Erzählung einen fast schon poetischen Ansatz über das wahre Ich einer Person und die tiefen Abgründe der Menschheit.

Das Survival-Horror-Adventure Corpse Party würde ich noch am ehesten in die Kerbe von Higurashi no Naku Koro ni einordnen, wobei der Titel noch mal eine Schippe drauflegt, was die explizite Gewalt angeht. Dieser Aspekt wird schon durch das Szenario in die Höhe getrieben – einer Zwischendimension, in dem sich die Verzweiflung und Leid der Gefangenen wie in einer Spirale anhäuft, einem Nexus, in dem die Geister ihre grauenvollen Tod immer wieder durchleben müssen. Eine bestimmte Szene fand ich dabei besonders unangenehm und grenzwertig. Auch wenn keiner der Protagonisten direkt involviert ist, gibt es hier eine SPOILER-Warnung, falls ihr die Geschichte ganz unvoreingenommen erleben wollt.

© Team GrisGris/5pb.

Aus den Augen eines verstorbenen Kindes wird sein schreckliches Ableben geschildert. Zusammen mit ein paar anderen Kindern wird es geknebelt in einem Kellergewölbe gehalten. Ihr könnt nur zuhören, wie sie einer nach dem anderen durch diverse Torturen Verletzungen erleiden, die noch nicht so schwer sind, dass sie davon erlöst werden. Erst als ihre Zungen vom Nacken aus abgetrennt werden, sterben sie einen grauenvollen Erstickungstod. Auf diese unerdenklich Weise den Tod zu finden verbunden mit der Machtlosigkeit, fand ich die Szene enorm aufwühlend und geschmacklos. Vor allem bei Kindern ist das eine empfindliche Angelegenheit.

Nun stellt euch mal vor so eine Tat in einem echten Horrorstreifen dargestellt zu bekommen, das wäre einfach zu krass, selbst für hartgesottene Horror-/Slasher-Liebhaber, wenn es bei uns nicht sofort auf dem Index fallen würde. In Corpse Party wird es etwas durch die Darstellung abgemildert, trotzdem reicht die Soundkulisse und die unangenehmen Todesschreie aus, um die Wirkung nicht zu verfehlen. Auch wenn es „nur“ eine fiktionale Geschichte ist, geht das für euch zu weit? Wo zieht man die Grenze?