»Tokyo Ghoul« Band 1 – Manga-Test

Mit Tokyo Ghoul schnappt sich Kazé Manga das Erstlingswerk von Sui Ishida, welches seit 2011 in Shueishas Young Jump läuft, aktuell elf Bände zählt und noch keinen Abschluss gefunden hat. Teil zwölf ist für den 19. Juni in Japan angekündigt. Eine Anime-Adaption wurde im Januar 2014 verlautbart, die schon bald im Juli anlaufen soll. Zudem erhielt das düstere Drama eine Nominierung für den 38. Kodansha-Manga-Preis in der Kategorie »Allgemein«, zog letztendlich aber gegenüber Showa Genroku Rakugo Shinju von Haruko Kumota den Kürzeren. Seit 2. Mai könnt ihr den ersten Band von Tokyo Ghoul auf Deutsch kaufen. Zum Gratis Comic Tag 2014 gab es zudem eine Leseprobe des Mangas zu ergattern, die das erste Kapitel umfasst und mit drei Farbseiten aufwartet.

Der 18-jährige Student Ken Kaneki ist ganz im Gegensatz zu seinem besten Freund Hide ein Stubenhocker und eine Leseratte. An Mädchen zeigt der junge Mann dennoch Interesse, besonders an der hübschen Liz Kamishiro, welche ein ebenso großer Büchernarr zu sein scheint wie er. Ken glaubt, das goldene Los gezogen zu haben, als es tatsächlich zu einer Verabredung kommt. Doch dieser Traum ist zu schön, um wahr zu sein. Liz‘ Interesse gilt nämlich gar nicht Ken als Person, sondern seinem leckeren Fleisch. Der Student muss sich als Beute eines gefräßigen Ghuls wiederfinden, der zusammen mit seinen Artgenossen die Tokyoter Nächte mit ihren tödlichen Streifzügen unsicher macht.

Doch für unseren Protagonisten ist dies nicht das Ende. Auch wenn Liz ihm als Ghul kräftemäßig mühelos schlägt, steht das Glück auf Kens Seite. Ein herabfallendes Stahlgerüst begräbt Liz unter sich und tötet sie. Ken ist jedoch schwer verletzt und bekommt in einer Notoperation die Organe der Verstorbenen transplantiert. Schnell muss der junge Erwachsene lernen, dass die Körperteile des Ghuls zwar sein Überleben gesichert haben, aber zu welchem Preis? Alles, was Ken isst, schmeckt verdorben, dennoch bleibt anfänglich das Hungergefühl tagelang aus. Stattdessen dürstet es den Studenten bald nach Menschenfleisch.

Mit mehr als zehn Bänden wagt sich Sui Ishida mit Tokyo Ghoul bereits gleich bei seinem ersten Werk an ein großes Projekt. Der Manga vereint viele Genres unter sich. Fans finden in der dramatischen Story Horror- als auch Action-Elemente. Aufgrund der Ghule und deren besonderen Fähigkeiten fühlt sich das Werk ebenso im Dark-Fantasy-Bereich beheimatet. Anstatt bloß den Konflikt zwischen der normalen Bevölkerung und den menschenfressenden Wesen einseitig oder abwechselnd aus verschiedenen Sichten darzustellen, wirft Sui Ishida seinen Protagonisten mitten hinein. Weder wirklich das eine noch das andere, aber trotzdem zur Hälfte je einer der beiden Lager zugehörig steht Ken zwischen den Stühlen und möchte am liebsten sein altes Leben zurück. Der Bücherwurm leidet unter der Veränderung und beginnt, sich von der Außenwelt abzuschirmen. Literarische Vergleiche geben der Handlung eine philosophische Note. So finden etwa Franz Kafkas Die Verwandlung und Hermann Hesses Demian Erwähnung. Letzteres Werk könnte den Boys-Love-Fans unter euch bereits bekannt im Ohr klingen, schließlich tritt es titelgebend für Mamiya Okis Manga Das Demian-Syndrom auf, der bei CARLSEN MANGA! erscheint.

Tokyo Ghoul ist das Eintauchen in eine vollkommen andere Welt, welche sich im Schatten der Nacht entfaltet und bei Tageslicht verborgen hält. Im Gegensatz zum geläufigen Bild sind Sui Ishidas Ghule äußerlich von Menschen nicht zu unterscheiden und gehen wie jeder andere auch einer Arbeit nach oder studieren. Der einzige und dafür große Unterschied besteht im Speiseplan. Wie Ken am eigenen Leib erfährt, schmeckt typische Nahrung verrottet und löst einen Würgereiz bei ihm aus. Der Duft von Menschenfleisch dagegen lässt ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. Je mehr er gegen den innerlichen Drang ankämpft, dem kannibalischen Trieb zu widerstehen, desto wahnsinniger wird sein Verlangen danach. Für Ghule ist die Jagd nach Menschen ein Überlebenskampf. Um einander zu schützen, gibt es Regeln und Strukturen, was im krassen Gegensatz zu dem steht, was die Öffentlichkeit über die Wesen weiß.

Fesselnd beschreibt Sui Ishida das Dilemma des Protagonisten mit Wort und Bild. Ausdrucksstarke Zeichnungen bringen dem Betrachter die Handlung näher. Dynamische Posen verleihen den actionreicheren Szenen Spannung und Lebendigkeit, während sich die Emotionen in der Mimik der Charaktere tadellos widerspiegeln. Besonders Ken ist in dieser Hinsicht ein offenes Buch. Sui Ishida gelingt es gekonnt, die pure Verzweiflung der Figur hervorzukehren und damit die Aufmerksamkeit des Lesers einzufangen. Das Charakter-Design bleibt bisher auf einem hohen Grade individuell, sowohl was das Aussehen als auch die persönlichen Züge angeht. Probleme gibt es dagegen noch bei den Proportionen, besonders was die Größe von Händen und Kopf betrifft. Dies sollte aber kein Grund sein, die Finger von Tokyo Ghoul zu lassen.

Wenn Ghule ihr wahres Wesen nach außen kehren, verfärben sich ihre Augen rot. Da Ken zur Hälfte noch ein Mensch ist, betrifft dies bei ihm nur die linke Seite, wie man auf dem Cover klar erkennt. Im Manga selbst erscheint der Kontrast noch stärker, weil hier die Augäpfel schwarz hervorstechen. Wer den ersten Band sorgfältig liest, dem wird zudem auffallen, dass Seiten, in denen Ken in der Welt der Ghule verkehrt, dunkel umrandet sind. Wie Sui Ishida diese Unterscheidung regelt, wenn für den Mischling Ken die Grenze zwischen den beiden Lebensformen zu verschwimmen droht, wird sich zeigen.

Tokyo Ghoul legt einen grandiosen Start hin. Das Werk bietet einen facettenreichen Genremix aus Drama, Dark Fantasy, Action und Horror untermalt mit nachdenklichen Ansätzen. Die düstere, verstörende Atmosphäre zieht den Betrachter in ihren Bann, während der Zwiespalt und die Angst des Protagonisten abfärben. Wer sind die Guten und wer die Bösen? Die Welt besteht nicht nur aus Schwarz und Weiß. Was als Monster bezeichnet wird, ist dem Menschen auf erschreckende Art und Weise sehr ähnlich, muss aber dennoch ein Leben im Verborgenen fristen. Ein Gleichgewicht zwischen dem psychischen Kampf des Protagonisten mit sich selbst sowie blutigen, actionreichen Einlagen hält die Spannung hoch und sorgt für Abwechslung. Wer ein Faible für die früher genannten Genres hat, sollte sich Tokyo Ghoul auf keinen Fall entgehen lassen.

Wir bedanken uns bei Kazé für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Tokyo Ghoul, Band 1.

Details

Titel: Tokyo Ghoul, Band 1
Originaltitel: トーキョーグール (Tokyo Ghoul), Vol. 1
Mangaka: Sui Ishida
Erscheinungsjahr: 2012 (JP), 2014 (DE)
Verlag: Shueisha (JP), Kazé Manga (DE)
Genre: Dark Fantasy, Drama, Horror, Action, Seinen, Psycho, Supernatural
Altersempfehlung: ab 16
Preis: 6,95 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 288921205X&chan=animey&asin=288921205X]

TOKYO GHOUL © 2011 by Sui Ishida/SHUEISHA
© 2014 VIZ Media Switzerland SA

3 KOMMENTARE

  1. Ist der “Gore”-Faktor eigentlich so groß, dass Leute, die zwar keine strikte Ablehnung demgegenüber haben, aber nicht sooo sehr darauf stehen, doch eher abgeschreckt werden könnten?

    • Mal abgesehen davon, dass ich den Begriff “Gore” gerade googeln musste, kann ich nur für den ersten Band sprechen, und da musste ich gerade echt überlegen, ob man den überhaupt als Gore bezeichnen kann. Tendiere stark zu Nein. Da gibt es keine hervorquillenden Organe oder Eingeweide. Ein abgetrennter Arm ist mal im Bild, aber auch den empfand ich nicht als abschreckend. Ein gewisser Brutalitätsgrad ist zwar in den Kämpfen da, aber auch die halten sich im ersten Band in Grenzen und fallen nicht schlimmer aus als in so manchen anderen Action- oder Shonen-/Seinen-Titeln.

      Ich hoffe, ich kann dir damit weiterhelfen und habe nicht zu viel vom Geschehen vorweg genommen. “Tokyo Ghoul” ist wirklich ein vielversprechendes Werk und setzt im ersten Band sehr auf den seelischen Zustand des Protagonisten statt auf irgendwelche Blutgemetzel. Ich hoffe, Sui Ishida hält diese Linie bei.

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