»Tokyo Ghoul« Band 2 – Manga-Test

Der Juli bietet Tokyo Ghoul-Fans gleich eine gehörige Portion Menschenfresser im Doppelpack, denn neben dem zweiten Band, der seit Anfang des Monats bei Kazé Manga erhältlich ist, könnt ihr im Simulcast auf AoD die Anime-Adaption in Augenschein nehmen. Im ersten Volume berichtete uns Sui Ishida, wie sein Protagonist Ken zum Ghul mutiert und daran fast zerbricht. Verzweifelt und verstört verliert er beinahe seinen besten Freund, findet aber auch ein Stückchen Hoffnung, als der Besitzer vom Café Antik dem Studenten einen Job anbietet. Der Laden ist ein heimlicher Treffpunkt für Ghule. Hier soll Ken lernen, sich in der neuen Welt zurechtzufinden.

Einen guten Kaffee aufzubrühen ist nicht einfach und erfordert Zeit sowie Geduld. Aber Ken muss mehr können, als bloß die Gäste mit Koffein zu versorgen. Als Ghul ist es wichtig, sich in der Öffentlichkeit wie ein Mensch zu verhalten. Das anscheinende Verzehren von normaler Nahrung gehört dabei zum Pflichtprogramm und stellt für Ken eine geschmackliche Tortur dar.

Ghule essen bekanntlich nur Menschen, doch nicht jeder kann einfach auf die Jagd gehen, wie etwa Ryoko und ihre Tochter Hinami. Ihnen wird im Café Antik geholfen, doch die Gefahr ist groß für die beiden. Ermittler, die sich auf das Einfangen und Vernichten von Ghulen spezialisiert haben, sind der kleinen Familie auf den Fersen. Ken schließt Hinami und ihre Mutter ins Herz. Umso aufgelöster sind seine Gefühle, als »Tauben« die zwei Frauen stellen.

Tokyo Ghoul zeichnet sich bisher dadurch aus, dass Sui Ishida seinen Hauptcharakter zwischen zwei Welten stellt. Kein richtiger Mensch mehr aber ebenso wenig ein hundertprozentiger Ghul kennt und vermisst Ken das Dasein als normaler Bürger nur zu gut. Durch die ungewollte Verwandlung bleibt ihm, wenn er überleben möchte, nichts anderes übrig, als sich anzupassen. Im ersten Band stechen die Ghule vermehrt durch negative Handlungen hervor. Das beginnt bereits damit, dass der Protagonist fast von einer dieser Kreaturen vernascht wird und am Ende zusammen mit seinem besten Freund nur knapp dem Tod von der Schippe springt. Gleichzeitig erhascht man als Leser ebenfalls Gründe, warum nicht alle Ghule die blutrünstigen, emotionslosen Monster sind, wie die Medien es verbreiten.

Im zweiten Band kippt die Stimmung endgültig ins Gegenteil. Ken verbleibt die Schlüsselfigur im Geschehen und lernt als Außenseiter, der sich langsam in sein neues Leben einfindet, andere Ghule kennen, die abgesehen von ihren Essgewohnheiten sehr menschliche Gefühle an den Tag legen. Sie trauern um ihre Verstorbenen und reagieren mit Wut, wenn es sich dabei um Mord handelt. Ghule sind Jäger und Gejagte zugleich. Von der eigenen Nahrungsquelle verfolgt – was für eine Ironie und gleichzeitig ein gewaltiges Konfliktpotential!

Es lag, logisch betrachtet, von Anfang an auf der Hand, dass es eine Spezialabteilung für die Bekämpfung der Menschenfresser geben muss. Deren Ermittler werden von den Ghulen als »Tauben« bezeichnet. Kotaro Amon und Kureo Mado gehören diesem Trupp an. Ohne die beiden zu sehr im Detail unter die Lupe zu nehmen, ist es doch erwähnenswert, wie Sui Ishida das Charakter-Design dieser Männer auslegt. Sowohl Amon als auch Mado gehen ihrem Beruf unnachgiebig mit unbändigem Willen und der festen Überzeugung nach, ihre Taten seien über jeden Zweifel erhaben. Dennoch unterscheiden sie sich in wesentlichen Aspekten. In welchen genau ist dem interessierten Leser selbst überlassen nachzuschlagen. Die Handlung regt zum Nachdenken an. Wer so viel wie möglich von der Story mitnehmen möchte, sollte versuchen, sich in die verschiedenen Personen hineinzufühlen, ob nun Mensch, Ghul oder unser Mischwesen Ken.

Fressen oder gefressen werden – für die Action-Liebhaber unter euch gibt es auch wieder ein paar Kampfszenen, obwohl sich diese aktuell im Hintergrund halten und definitiv noch nicht den angestrebten Eskalationslevel erreicht haben. Zumindest liegt die Frage nahe, ob der Zeichner eventuell ein Faible dafür besitzt, Leuten die Köpfe abzutrennen. Wenn man sich ins Gedächtnis ruft, worum es in dem Manga geht, bleibt der Gewaltgrad bisher nahe am Boden. Leser müssen aber mit Blutvergießen rechnen. Jenes wird von Sui Ishida rasch zu Papier gebracht, ohne in große Detailwut zu verfallen. Wer seitenlange grausame Gemetzel mit zigtausend durch die Gegend fliegende Körperteile befürchtet, tut dies zu Unrecht. Vielmehr möchte ich fast behaupten, dass in den ersten zwei Bänden von Tokyo Ghoul nur das Nötigste an Angriffen, Verletzungen und Sterbeszenen gezeigt wird, um die Geschichte auf einer glaubwürdigen Basis voranzutreiben.

Sui Ishida lehrt in seinem Manga ein ums andere Mal, dass die Welt nicht nur aus Schwarz und Weiß besteht. Wer Täter ist, kann auch Opfer sein. Die Frage, wer recht hat, schwebt wie ein Damoklesschwert im Raum, doch keine Antwort mag beide Seiten, Menschen und Ghule, zufriedenstellen. Vielmehr brodelt der Hass zwischen den Lagern langsam immer mehr auf und lässt den Betrachter förmlich an den Seiten festkleben. Die Atmosphäre knistert, erste Auseinandersetzungen durchbrechen die trügerische friedliche Zeit. Das Gefühl der Ruhe vor dem großen Sturm macht sich in den Bildern breit. Neue Charaktere und Informationen zum Leben der Ghule helfen dabei, den Spannungsbogen weiter auszubauen. Wir sind erst am Anfang einer in Japan bisher unabgeschlossenen, zwölfbändigen Reihe, deren einziger, wirklicher Makel zurzeit die teilweise fehlerhaften Proportionen sind – und selbst diese sollten sich mit der Zeit sowie zeichnerischer Übung hoffentlich bessern.

Wir bedanken uns bei Kazé für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Tokyo Ghoul, Band 2.

Details

Titel: Tokyo Ghoul, Band 2
Originaltitel: トーキョーグール (Tokyo Ghoul), Vol. 2
Mangaka: Sui Ishida
Erscheinungsjahr: 2012 (JP), 2014 (DE)
Verlag: Shueisha (JP), Kazé Manga (DE)
Genre: Dark Fantasy, Drama, Horror, Action, Seinen, Psycho, Supernatural
Altersempfehlung: ab 16
Preis: 6,95 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 2889212068&chan=animey&asin=2889212068]

TOKYO GHOUL © 2011 by Sui Ishida/SHUEISHA
© 2014 VIZ Media Switzerland SA