»Tokyo Ghoul« Band 3 – Manga-Test

Am 18. September erschien in Shueishas Young Jump das letzte Kapitel zu Sui Ishidas Tokyo Ghoul. Der abschließende 14. Band ist in Japan für den 17. Oktober vorgesehen. Hierzulande stehen Fans noch am Anfang der Reihe. Vor einem Monat brachte Kazé Manga am 4. September das dritte Volume heraus, in dem das Abenteuer des Ghul-Mensch-Mischwesens Ken weitergeführt wird. Zuletzt wurde die Mutter der jungen Hinami von den »Tauben« getötet und Toka bei einem unüberlegten Rachefeldzug verletzt. Ken möchte lernen, die von Liz geerbte Kralle zu kontrollieren, um ebenfalls kämpfen zu können.

Toka hat vor, beim CCG, dem Hauptquartier der Ghul-Jäger, falsche Informationen über den Aufenthaltsort von Hinami zu streuen, um die Ermittlungen zu stören. Dafür verkleiden sie und Ken sich als Mittelschüler. Zuerst scheint der Plan aufzugehen, doch dann stoßen die beiden auf Mado, der schnell einen Verdacht schöpft. Zu allem Überfluss steht in dem Gebäude ein Kontrolltor, das Ghule von Menschen unterscheiden kann. Wie kommen Toka und Ken aus dem Schlamassel wieder raus?

Hinami verlässt heimlich das Café Antik und läuft davon. Toka möchte das Mädchen retten, doch Mado lauert mit einer grausamen Falle schon auf sein Opfer. Zwar ist der Mann allein, doch seine Waffen, »Quinken« genannt, sind die einstigen Krallen von Hinamis Eltern. Die Kellnerin bestreitet erneut einen Kampf mit ihm, während andernorts Ken versucht, Amon aufzuhalten.

Sui Ishida knüpft an den Handlungsbogen rund um Hinami an. Während man zu ihrer Mutter Ryoko im zweiten Band aufgrund ihres baldigen Todes keinen wirklichen Draht herstellen konnte, geht einem das Schicksal der allein zurückgebliebenen Tochter schon näher. Ihr kindliches Wesen und das Unwissen, wie man sich als Ghul unter Menschen benimmt, machen sie schutzbedürftig. Die Sympathie des Protagonisten zum Mädchen überträgt sich automatisch auf den Leser. Komplett entgegengesetzte Gefühle weckt jedoch der geradezu manische CCG-Ermittler Mado. Skrupellos tritt er seiner Beute gegenüber und empfindet grenzenlose Freude beim Töten.

Mit Kens und Tokas getarntem Eindringen in die Zentrale der Tauben bekommt der Betrachter einen Einblick und ein besseres Verständnis, wie die Menschen dort ticken. Mado ist mit seiner Haltung kein Einzelfall, ein Sonderling unter seinen Kollegen bleibt er dennoch – und somit etwas Besonderes in der Handlung. Beim Lesen fiel es mir schwer, Ryokos Ermordung zu rechtfertigen, aber in Sui Ishidas Tokyo Ghoul gibt es kein Schwarz und Weiß. Die Welt ist nicht nur einfach in eine gute und eine böse Hälfte geteilt. Das mussten wir schon im ersten Band erfahren, und jeder neue Teil unterstreicht diese Tatsache.

Hinami mag zwar süß sein und Mado ein Widerling, aber Toka hat ebenfalls aus Rache heraus im zweiten Volume einen Ermittler getötet, dessen Gedenkfeier im aktuellen Band zu finden ist. Auch er wurde von anderen geliebt und sah in seinem Beruf eine Möglichkeit, die Leben derer, welche im wichtig sind, zu beschützen. Einen ähnlichen Gerechtigkeitssinn besitzt Amon, der am rechten Auge von Tokas Angriff eine Wunde davontrug. Während Ken als Mischwesen bei den Ghulen im Café Antik lebt, wirkt Amon wie die Schlüsselfigur auf der Jäger-Seite. Der kräftige, groß gewachsene Mann hat hohe Ideale und sieht in seiner Arbeit einen Kampf, um die Welt ein Stückchen besser zu machen. Sieht man Mado durch seine Augen, erstrahlt der Verrückte in einem anderen Licht. Kens und Amons Betrachtungsweise der Ghule sind grundverschieden, aber beide hoch emotional.

Die Entwicklung des Protagonisten schreitet schnell voran. Im ersten Band noch überfordert bis verzweifelt, gelang es ihm etwas Fuß in der Ghul-Welt zu fassen und sogar langsam eine Verbindung zu den menschenfressenden Kreaturen aufzubauen. Nun zeigt sich der frischgebackene Kellner aktiv im Zwiespalt mit den Tauben involviert. Sein Verhältnis zur abweisenden Toka bessert sich durch die gemeinsamen Unternehmungen, und er wird sich selbst bewusst, was für eine große Rolle ihm als Mischform zukommt. So verlockend Kens erste Schritte in die Selbstständigkeit erscheinen, so liegt doch noch ein langer, beschwerlicher Weg vor ihm.

Genaues Lesen ist bei Tokyo Ghoul von Vorteil. Hier und dort streut Sui Ishida nämlich kleine Szenen rein oder lässt nebenbei Informationen in Dialogen vom Stapel, die mit der aktuellen Handlung direkt nichts zu tun haben, aber einen doch zum Aufhorchen alarmieren. Eventuell sind sie für spätere Abschnitte relevant. Natürlich ist der dritte Band nicht nur dazu da, Mutmaßungen zu tätigen, was noch alles passieren wird. Das Hauptaugenmerk liegt stattdessen auf der spannenden Fortführung der Geschichte rund um Hinami und zwei damit verbundene, parallel laufende Kampfeinlagen. Käufer müssen sich auf abgetrennte Körperteile gefasst machen, wie es in den vorigen Kapiteln schon der Fall war. Wie bisher versucht Sui Ishida dabei, die Darstellungen möglichst neutral zu halten, anstatt den Blutrausch als Gewaltspektakel auszuschlachten.

Sui Ishidas Zeichnungen sprechen eine deutliche Sprache von Trauer und Zorn. Negative Emotionen kochen über, und die Situation eskaliert. Protagonist Ken ist in der Welt der Ghule noch ein Küken, das gerade einmal aus seinem Ei schlüpfte und sich schon bemüht zu fliegen. Ähnlich ergeht es mir als Leser. Langsam werden Informationen aufgedeckt, während die Figuren ums Überleben kämpfen. Auf beiden Seiten gibt es Jäger, doch jeder sieht sich als Opfer. Blut fließt, und Leben erlischt. Dennoch bleibt die Hoffnung, dass Ken, der wie ein Auserwählter in dem trostlosen Krieg zwischen zwei Arten erscheint, eine Lösung findet – so utopisch das auch klingen mag. Der dritte Band von Tokyo Ghoul setzt die Reihe überzeugend fort.

Wir bedanken uns bei Kazé für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Tokyo Ghoul, Band 3.

Details

Titel: Tokyo Ghoul, Band 3
Originaltitel: トーキョーグール (Tokyo Ghoul), Vol. 3
Mangaka: Sui Ishida
Erscheinungsjahr: 2012 (JP), 2014 (DE)
Verlag: Shueisha (JP), Kazé Manga (DE)
Genre: Dark Fantasy, Drama, Horror, Action, Seinen, Psycho, Supernatural
Altersempfehlung: ab 16
Preis: 6,95 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 2889212076&chan=animey&asin=2889212076]

TOKYO GHOUL © 2011 Sui Ishida, SHUEISHA Inc., Tokyo
© 2014 VIZ Media Switzerland SA