Mit dem vierten Band von Sui Ishidas Tokyo Ghoul brachte Kazé am 6. November den letzten Schub der Menschenfresser für dieses Jahr auf den deutschen Markt. Weiter geht es mit der in Japan bereits abgeschlossenen Reihe dann erst wieder am 15. Januar 2015. Der aktuelle Band, welcher einen neuen Handlungsabschnitt einleitet, hält jedoch einige neue Anreize bereit, um die Fantasie des Lesers, was noch kommen wird, anzustacheln. Allen voran steht ein neuer Charakter, den viele nur den »Gourmet« nennen.

Während Toka und Hinami zuletzt den Ghulermittler Mado getötet haben, ist es Ken gelungen, dessen Kollegen Amon lang genug in Schach zu halten. Dafür erntet er von den nicht-menschlichen Besuchern des Cafés Antik großes Lob, selbst vom sonst so auf Vorsicht bedachten Chef Yoshimura gibt es Worte des Zuspruchs. Die Hektik in Kens Leben legt sich etwas, dennoch muss der junge Student auf der Hut bleiben. Sein Freund Hide beginnt sich verstärkt für Ghule zu interessieren und schließt ungeahnt auf Anhieb richtige, präzise Schlussfolgerungen.

Statt sich Sorgen um andere zu machen, sollte Ken mehr Gedanken auf seine eigene Sicherheit richten. Ein neuer Gast betritt das Antik – zumindest hat Ken das Gesicht zuvor nie gesehen. Für Toka und die anderen ist Shu Tsukiyama ein unliebsamer alter Bekannter, der den Beinamen »Gourmet« trägt. Da sie dieselbe Liebe zur Literatur teilen, geht Ken ohne großes Überlegen auf ein privates Treffen ein. Zu Anfang scheint es sogar recht nett zu werden, aber dann …

Verglichen zum dritten Band wirkt der Großteil des neuen Teils merklich ruhiger. Das liegt hauptsächlich daran, dass sich erst einmal herauskristallisieren muss, in welche Richtung die Handlung weitergehen möchte. Ghulermittler Mado, die treibende Kraft bei der Jagd nach Hinami, ist tot. Sein Ableben im letzten Volume überraschte mich, da er offensichtlich schon mehrere Jahre in seinem Job tätig war, wohingegen seine Gegner salopp gesprochen noch Kinder waren. Doch wie es so oft in Mangas bei Kämpfen gegen erfahrenere Kontrahenten der Fall ist, gilt hier: Der eigentlich Überlegene unterschätzt seine Opfer und hat das Nachsehen. Noch mehr verwundert mich die aktuelle Ruhe, besonders da bei Mados Beerdigung neue Ghulermittler als Charaktere eingeführt wurden. Von jenen – sowie von Amon – fehlt jedoch momentan jede Spur.

Soll das die Ruhe vor dem großen Sturm sein? Dann versteckt sich dieser wirklich gut. Nicht der kleinste Windhauch einer Gefahr seitens der Menschen weht in den Kapiteln auf. Dafür schlägt einen aus einer unerwarteten Richtung ein regelrechter Orkan rücklings nieder. Neuzugang Shu Tsukiyama spielt dabei die entscheidende Rolle, obwohl er selbst nur Teil einer ganzen Gesellschaft ist. Wer bisher geglaubt hat, die Ghul-Welt zu verstehen, darf sich nun eines Besseren belehrt fühlen. Auch mich müsste Ishida-sensei nach diesem Volume tadeln.

Bisher lag das Hauptaugenmerk auf den Personen, die in gewisser Weise dem Café Antik angehören. Chef Yoshimura verfolgt dabei, wie es scheint, eine – so paradox es klingt – möglichst »humane« Politik. So erinnern sich sicherlich alle noch daran, wie Ken im zweiten Volume Yomo begleitet, um die Leichen von Selbstmördern einzusammeln. Bei drohender Konfrontation mit Tauben vertritt Yoshimura das vorsichtsbetonte Ansinnen, sich besser bedeckt zu halten, als selbst die Initiative zu ergreifen. Dennoch will ich den Mann nicht voreilig als Heiligen abstempeln, dafür lässt ihn sein stets aufgelegtes Schmunzeln auf den Lippen zu undurchdringlich wirken. Alles in allem kam man als Leser leicht in die Versuchung, Mitleid mit den Ghulen zu bekommen, die zum Überleben Menschenfleisch essen müssen.

Dieses Mal lernen wir: Nicht jeder Ghul sieht sich in der Rolle des von der Natur bestraften armen Opfers. Diese Lektion erhielt man schon ganz zu Beginn von Tokyo Ghoul mit der gefräßigen Liz, deren Organe Ken seine Mischlingsform zu verdanken hat. Auch der kurz darauf auftauchende Student Nishiki machte keinen allzu positiven Eindruck. Schließlich wollte er Kens besten Freund Hide fressen. Es ist aber mehr als eine bloße Auffrischung. Ishida führt uns tiefer in die dunklen Regionen der Ghul-Gesellschaft ein, wo eine etwas andere, für Außenstehende bedrohliche und grausame Weltanschauung vorherrscht. Die Beschreibung deutet es schon an: In der zweiten Hälfte des Bandes nimmt die Spannung wieder an Fahrt auf.

Sui Ishida verwendet die Seiten des Volumes ebenfalls dafür, dem Leser weitere Gesichtspunkte des Tokyo Ghoul-Universums näherzubringen und diesem so mehr Facetten zu verabreichen. Es sind ein paar Ansätze in den enthaltenen Kapiteln verpackt, die als lose Fäden enden, aber hoffentlich in späteren Abschnitten weitergesponnen werden. Teilweise ergeben sich Zusammenhänge zwischen den einzelnen Anreizen. Bei so vielen Ideen, auch wenn sie für den Anfang eher eine minimale Platzspanne zugewiesen bekommen haben, ist schnell die Neugierde geweckt. Ich bin gespannt, wie Sui Ishida jede einzelne fortführen möchte.

Für ein Erstlingswerk bewegt sich Tokyo Ghoul inhaltlich auf einem sehr hohen Level. Die Zeichnungen sind jedoch noch Schwankungen ausgesetzt. Während die bekannten Gesichter durch die Routine nur noch selten proportionale Makel aufweisen, fallen besonders die Kopfgrößen bei den namenlosen Nebencharakteren oft lieblos überdimensioniert aus. Sui Ishida experimentiert zudem noch bei seinem Stil. Kleine Veränderungen im Design werden ersichtlich, wenn man die bisherigen Volumes miteinander vergleicht.

Das Charakter-Design von Neuzugang Shu Tsukiyama stellt für den Mangaka im Gegensatz zu den unbedeutenden Nebenfiguren keine Probleme dar und scheint im Vergleich zu diesen auch sorgfältiger ausgearbeitet zu sein. Der Zeichner präsentiert einen groß gewachsenen, schlanken Mann mit einem ansprechenden, gepflegten Äußeren. Sein Auftreten in der Öffentlichkeit ist elegant und zuvorkommend, hinter diesem Gesicht verbirgt sich jedoch ein anderes Ich. Shu Tsukiyama prägt dieses Mal das Cover. Der rote Grundton lässt seine innere Mentalität bereits erahnen.

Persönlich möchte ich Neuzugang Shu nie begegnen, für die Geschichte bringt er jedoch ordentlich Schwung und Gefahr mit. Der vierte Band von Sui Ishidas Tokyo Ghoul regt zum Nachdenken an und macht neugierig, wie der Mangaka die vielen begonnenen losen Fäden in späteren Abschnitten einbauen möchte. Bei den Zeichnungen gibt es hier und dort noch proportionale Schwierigkeiten, was das Lesevergnügen jedoch nicht beeinflussen sollte, da sich die Diskrepanzen meist auf unwichtige Figuren beschränken. Der Brutalitätsfaktor steigt in diesem Volume, da es die Handlung erfordert. Gleichzeitig zeigt Sui Ishida wohl absichtlich nicht alle Gräueltaten in ihren vollen Ausmaßen, um den Fokus auf dem Geschehen an sich zu lassen – eine gute Entscheidung, denn Tokyo Ghoul ist ein viel zu nachdenklicher Titel, um ihn einfach ins Gore-Genre abdriften zu lassen.

Wir bedanken uns bei Kazé für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Tokyo Ghoul, Band 4.

Details

Titel: Tokyo Ghoul, Band 4
Originaltitel: トーキョーグール (Tokyo Ghoul), Vol. 4
Mangaka: Sui Ishida
Erscheinungsjahr: 2012 (JP), 2014 (DE)
Verlag: Shueisha (JP), Kazé Manga (DE)
Genre: Dark Fantasy, Drama, Horror, Action, Seinen, Psycho, Supernatural
Altersempfehlung: ab 16
Preis: 6,95 Euro
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TOKYO GHOUL © 2011 Sui Ishida, SHUEISHA Inc., Tokyo
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