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»Tokyo Ghoul« Band 8 – Manga-Test

Was war das für eine Wendung in Band 7, nachdem wir mitertragen mussten, wie Protagonist Ken Kaneki unter den Foltermethoden des sadistischen Ghuls Gecko langsam begann, den Verstand zu verlieren, bis letztlich sogar seine Haare komplett weiß wie Schnee wurden. Aber dann kam sein großer Moment im Kampf gegen Gecko, den er – was ich wenige Kapitel zuvor nie erwartet hätte – tatsächlich gewann. Bei so einer Umgewichtung der Kräfteverhältnisse kann man nicht anders, als zum nächsten Band zu greifen, der am 2. Juli 2015 bei Kazé Manga erschien, denn darin muss sich Ken nochmals beweisen.

Toka begegnet auf dem Dach ihrem jüngeren Bruder Ayato. Ein Kampf entbrennt, in dem Toka sehr bald unterliegt. Erinnerungen an bessere Zeiten durchdringen ihre Gedanken, als die beiden Geschwister noch Kinder waren und unter der Obhut ihres Vaters standen. Dieser vertrat die Ansicht, dass man mit Anpassung als Ghul friedlich unter den Menschen leben konnte. Das Schicksal nahm jedoch einen dramatischen Verlauf für Toka und Ayato, als ihr Vater eines Tages nicht mehr nach Hause kam.

Die Ghul-Ermittler stoßen auf »die Eule«, hinter welcher sich ohne ihr Wissen der Antik-Chef Yoshimura verbirgt. Laut CCG handelt es sich dabei um einen Ghul der SSS-Klasse, höchste Gefahrenstufe. Um in diesem Kampf überhaupt eine Chance zu haben, greifen die Ermittler Shinohara und Kuroiwa, die vor einigen Jahren schon einmal mit der Eule zu tun hatten, auf eine Geheimwaffe, den Prototyp Arata, zurück. In der Zwischenzeit stößt Ken zu Toka und stellt sich Ayato.

Gleich vorweg: Ich habe diesen Band von der ersten bis zur letzten Seite genossen. Der Leser wird mit Ereignissen, Informationen und Charakteren bombardiert, dass einem der Schädel nur so raucht. Besonders bei den Ghul-Ermittlern ertappte ich mich ein paar Mal dabei, nach vorne zur Handlungs- und Figurenübersicht zu blättern, um mir in Erinnerung zu rufen, wer noch mal wer ist. Das sehe ich aber nicht als negativ an, sondern es spricht vielmehr für Sui Ishidas dicht angelegten sowie rasanten Erzählstil, der darauf getrimmt ist, den Leser nie in Langeweile verfallen zu lassen – und spannungsvoll geht es im vorliegenden Teil allemal zu.

Die Handlung wird dieses Mal von zwei Kämpfen dominiert, welche jeweils auf ihre ganz persönliche Art das Interesse des Betrachters auf sich ziehen. Da haben wir einmal Ken gegen Ayato, wo Sui Ishida erneut zur Schau stellt, wie sehr sich unser Protagonist verändert hat. Vergleicht man ihn mit seinem Selbst aus dem ersten Band, so tun sich zwei vollkommen verschiedene Welten auf. Die drastische Entwicklung offenbart ihre Vorteile im Kampf, wie wir zuletzt bereits bewundernd im Duell gegen Gecko feststellen konnten. Ob sie jedoch tatsächlich zum Besseren gedeiht oder ob Ken dadurch vielleicht etwas Wertvolles verlor, muss sich noch in den verbleibenden sechs Bänden klären.

Ein Rückblick in Tokas und Ayatos Kindheit bringt kurzweilige Ruhe ins Geschehen, erzeugt aber gleichzeitig ein banges Gefühl beim Lesen, schließlich kennt man das gegenwärtige Verhältnis zwischen den Geschwistern nur allzu gut. Was einem – oder zumindest mir – als allererstes ins Auge stach, ist die äußerliche Ähnlichkeit zwischen ihrem Vater und Ken, worauf die moralische Gleichgesinntheit folgt. Bei so vielen Parallelen scheint es im Nachhinein wenig verwunderlich, dass Ayato gegenüber Ken schnell einen Groll hegt. In den Szenen werden herzliche Familienmomente geboten, jedoch ebenso dunkle Augenblicke in der Kindheit von Bruder und Schwester. Die Ereignisse werden unterschiedlich detailliert erläutert. So sind mache in wenigen Panels abgehakt, nur vage angedeutet oder ausführlich über mehrere Seiten unter die Lupe genommen. Alles in allem schließt sich jedoch die Lücke in Tokas bisher immer wieder erwähnten, aber nie durchleuchteten Vergangenheit.

Den zweiten Eckpfeiler bildet die Begegnung zwischen den Veteranen unter den Ghul-Ermittlern und Yoshimura, die Eule. Es hat wohl jedem Leser von Band 1 an ein komisches Gefühl bei Yoshimura ereilt, den so viele Mysterien umgeben und der nie etwas über sich preisgibt. Die Offenbarung, dass es sich bei ihm um einen berühmt-berüchtigten Ghul handelt, der dem CCG in der Vergangenheit große Schwierigkeiten bereitete, mag zwar überraschen, klingt aber gleichzeitig nach dem bisher Gesehenen plausibel und bestätigt eventuell gehegte Verdachtsmomente. Es ist nicht der Kampf als solches, der mich hier so beeindruckt, sondern die unzähligen eingebauten Details sowie kurze Rückblicke, in denen Amons verstorbener Kollege Mado eine kleine Nebenrolle spielt (er taucht ebenfalls in Tokas Vergangenheit auf), zudem rücken andere Charaktere so in den Mittelpunkt, dem Betrachter wird die neueste Quinken-Entwicklung vorgelegt und auch moralische Aspekte werden angeschnitten. Sui Ishida verpackt meisterhaft so viele Elemente in die Handlung, dass man Tokyo Ghoul einfach noch mehr lieben muss, als es bisher schon der Fall war.

Ich genieße Ishida-senseis Zeichenstil, der sich mit dem Fortschreiten der Story immer wieder ein klein wenig verändert und ausreift. Unterschiedliche Schattierungsvarianten erregen etwa die Aufmerksamkeit des wachsamen Auges. So greift er manchmal auf skizzenhaften Strichsetzungen zurück, was die Zeichnungen plastischer hervorhebt und die Figuren dadurch lebendiger erscheinen lässt. An anderer Stelle darf die gute, alte Rasterfolie an, die einen stärkeren Kontrast erzeugt und dadurch auf emotionaler Ebene stimuliert. In der düsteren Atmosphäre kochen die verschiedensten Gefühle über und geben uns ein besseres Verständnis für die Charaktere. Highlights werden mit größeren Panels, gerne auch eine ganze oder gar Doppelseite, gewürdigt, was ich besonders während der dynamisch in Szene gesetzten Kämpfe sowie persönlichen Enthüllungen begrüße. Ungewohnt erscheint es, wenn Ishida – im Gegensatz zur allgemeinen Regelung der schwarzen Umrandung – bei Rückblicken seine eigene Taktik verfolgt, diese zu kennzeichnen.

Der achte Band von Tokyo Ghoul hat mich von Anfang bis zum Schluss mitgerissen. Es passieren so viele Dinge auf einmal, man wird mit einer Fülle von Informationen und Details beworfen, die entweder die Vergangenheit erklären oder Einfluss auf die Zukunft ausüben könnten, dass das Gehirn mit der Verarbeitung all dieser Dinge nur stockend hinterherkommt. Bündnisse werden gebildet, andere zerreißen, Charaktere reifen und verändern sich. Aber gerade das zieht den Leser in den Bann der Handlung. Wer geglaubt hat, das Gefecht im 11. Bezirk sei der große Höhepunkt in Tokyo Ghoul, der irrte sich gewaltig. Etwas Großes braut sich zusammen, das man höchstens vage zu deuten weiß. Nur zu eilig möchte man zum nächsten Band greifen, der seit 3. September vorliegt.

Wir bedanken uns bei Kazé für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Tokyo Ghoul, Band 8.

Details

Titel: Tokyo Ghoul, Band 8
Originaltitel: トーキョーグール (Tokyo Ghoul), Vol. 8
Mangaka: Sui Ishida
Erscheinungsjahr: 2013 (JP), 2015 (DE)
Verlag: Shueisha (JP), Kazé Manga (DE)
Genre: Dark Fantasy, Drama, Horror, Action, Seinen, Psycho, Supernatural
Altersempfehlung: ab 16
Preis: 6,95 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 2889212122&chan=animey&asin=2889212122]

Tokyo Ghoul © 2011 Sui Ishida/SHUEISHA
© 2015 VIZ Media Switzerland SA

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