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»Tokyo Ghoul« Band 9 – Manga-Test

Was war das bloß für eine angespannte Atmosphäre im achten Band von Sui Ishidas Tokyo Ghoul, in dem sich die Lage im 11. Bezirk – das CCG gegen den Phönixbaum und in diesem ganzen Chaos auch noch unser um 180 Grad gewandelter Protagonist Ken Kaneki sowie die Mitarbeiter vom Café Antik – zum zwischenzeitlich finalen Schlagabtausch zuspitzte. Das letzte Wort ist in dieser Angelegenheit nämlich noch lange nicht gesprochen. Vielmehr sind die Ermittler einer geschickt inszenierten Finte erlegen. Aus dem Gefängnis, das Ghul-KZ »Cochlea« im 23. Bezirk, wurden nämlich währenddessen mehrere hochgefährliche Insassen befreit. Veränderung liegt in der Luft. Das gilt genauso für Ken, der sich vom Café Antik lossagt, um begleitet von anderen Ghulen, darunter Gourmet Shu und Banjo, seinen eigenen Weg zu finden. Band 9, der seit 3. September 2015 bei Kazé Manga auf Deutsch erhältlich ist, erzählt, wie es den verschiedenen Lagern nach der gewaltsamen Schlacht ergeht.

Ein halbes Jahr liegt seit dem Vorfall im 11. Bezirk zurück. Amon wird in den Rang eines dritten Fahnders befördert und bekommt einen neuen Partner zur Seite gestellt – dabei handelt es sich bei Akira um die Tochter seines verstorbenen Kollegen Mado. Die Arbeit führt die beiden nicht nur in ein verwüstetes Ghul-Restaurant, sondern auch ins stark gesicherte Gefängnis, welches der Phönixbaum damals attackiert hat. Hier muss Amon einem unliebsamen alten Bekannten, den »Priester«, aus seiner Kindheit verhören.

Ken ist indes auf der Jagd nach Informationen über Liz und Dr. Kano, der ihm einst die Organe der Ghula transplantierte. Die Suche führt ihn zu Madame A. Bevor er diese jedoch befragen kann, greifen ihre Leibwächterinnen ein, welche eine erschreckende Gemeinsamkeit mit Ken teilen.

Sui Ishida fackelt nicht lange damit, dem Leser das neue Setting nach dem sechsmonatigen Zeitsprung zu erklären, wenn es dafür doch eine so viel einfachere Lösung gibt: Der Mangaka wirft uns beinhart ins eiskalte Wasser. Rückblicke machen das Entwirren der Ereignisse kniffliger. Die Aufmerksamkeit des Betrachters ist hier eindeutig gefragt, doch Fans sollten den rapiden Erzählstil bereits aus den früheren Bänden gewohnt sein. Um uns wirklich an allen Fronten auf den aktuellen Stand zu bringen, springt die Handlung im neunten Band zwischen den Charakteren hin und her. Dabei treten nicht nur Hauptfiguren wie Amon und Ken ins Rampenlicht, sondern auch Nebenpersonen, denen man eventuell persönlich bisher eher weniger Beachtung geschenkt hat.

So bekommen wir Kens Freund Hide wieder einmal zu Gesicht, der nach einer wichtigen Rolle im ersten Band von Tokyo Ghoul nur noch vereinzelt für kurze Szenen auftauchte und in der ganzen Hektik der letzten Kapitel total unterging. Dabei ist der Student ein Charakter, dem ich sehr viel Potential zuspreche, nicht nur, weil er Ken nahesteht beziehungsweise dies zumindest in der Vergangenheit tat. Wie ihr Verhältnis gegenwärtig aussieht, erscheint ungewiss. Hide offenbarte bereits eine detektivische Begabung mit scharfen logischen Schlüssen. Mit so aktiven grauen Zellen ist es hoffentlich nur eine Frage der Zeit, bis diese für etwas phänomenal Großes zum Einsatz kommen.

Außergewöhnliches erwarte ich mir auch von vielen anderen Tokyo Ghoul-Charakteren, seien es etwa beim CCG der mysteriöse, aggressive Juzo, welcher nach seinem Sieg über den geschwächten Jason nun endlich eine neue Quinke in einem schaurig-dramatischen Design erhält, Pflichtbewusstsein in Person Amon, der erst einmal in seine höhere Position hineinfinden und den besten Umgang mit der (un)glücklich gewählten Partnerin lernen muss, oder eben Akira selbst. Deren Existenz mag auf den ersten Blick überraschend wirken, wenn wir uns aber an Mados Tod zurückerinnern, zeigte die Szene einen Ehering an seinem Finger. Mit dem Wissen erscheint Nachwuchs im Hause Mado kaum verwunderlich, auch wenn er ein komischer Kauz war. Die junge Frau, welche – kaum dass sie auftritt – schon das Cover in Beschlag nimmt (das komplette Motiv, welches sich über die Rückseite erstreckt, zeigt sie mit Amon), lässt sich trotz oder eben wegen ihres bekannten und kürzlich verstorbenen Vaters nicht in die Karten blicken. Stattdessen gibt sie Rätsel auf und schottet sich offensichtlich von Amon ab. Die Dame hat von Anfang an mein Interesse geweckt, und ich bin schon mehr als gespannt, was sich hinter ihrer aufgesetzten Fassade verbirgt.

Auch auf der Ghul-Seite könnte ich so manchen Namen nennen, der meine Augen gierig aufleuchten lässt. Sui Ishida weiß es, dynamische, facettenreiche Figuren, eine nach der anderen, aus seinem Ärmel zu schütteln, die sich mit ihren individuellen Zügen, angetrieben von den verschiedensten Moralvorstellungen und Zielen, schnell im Herz des Lesers einnisten. Selbst ein Mann wie Nico, den ich anfangs als reinen Gag-Charakter abgestempelt habe, entfaltet mit jedem Auftritt tiefer greifende Schichten seines Wesens. Fun Fact am Rande: Nico hat eine »Thigh Gap«, womit er ein merkwürdiges Modeideal – zumindest für einen Teil unserer modernen, aber manchmal etwas fragwürdigen Gesellschaft – erfüllt. Eigentlich gilt dieses, wenn überhaupt, nur unter Frauen, aber für den Ghul mit dem interessanten Männergeschmack macht wohl jeder gerne eine Ausnahme.

Der Actiongehalt fällt im vorliegenden Band, verglichen zu seinen Vorgängern, geringer aus (Fans stoßen dennoch auf kurze, gewaltsame Auseinandersetzungen). Dies liegt einerseits daran, dass Sui Ishida den Platz bevorzugt dafür verwendet, die aktuelle Lage an den verschiedenen Fronten zu verbildlichen, und andererseits an einem verschwundenen Gegner. Obwohl der Phönixbaum nicht aktiv im Geschehen auftaucht, ist er doch indirekt involviert. Schließlich fragt sich jeder – der Leser inbegriffen -, was die geheimnisvolle Organisation als Nächstes vorhat. Ermittlungen müssen durchgeführt und Vorkehrungen getroffen werden. Ein mulmiges Gefühl liegt durchgehend in der Luft. Ich möchte es gar nicht als Ruhe vor dem Sturm bezeichnen, dafür ist die Angespanntheit, die sich mit jedem Weiterblättern auf den eigenen Schultern niederlässt, viel zu groß. So weiß Band 9 auch ohne größere Kämpfe zu überzeugen.

Sui Ishidas Zeichenstil ist im stetigen Wandel, das habe ich bereits des Öfteren angemerkt. Gerade beim Charakter Hide, der bisher nur vereinzelte Auftritte feierte, kann man das gut erkennen. Er sieht jedes Mal etwas anders aus, was Strichführung, Proportionen und Schattierung betrifft. Nach dem Zeitsprung gab es zudem eine stylische Veränderung in der Frisur und Klamottenwahl. Kleine Designneuerungen erhascht man genauso bei anderen Figuren. Dass Ken nun schickere Kleidung inklusive modischer Augenklappe trägt, darf man wohl Shu anrechnen. Jener ist nicht nur als Gourmet bekannt, sondern fiel bisher ebenfalls durch sein gepflegt edles Äußeres auf. Das umfasst auch Kens aufgepepptes Kampfoutfit – und Mann, hat der Junge Bauchmuskeln, wie ein Schnappschuss des Mischlings nach einer Dusche preisgibt. In manchen Szenen verbergen sich noch immer proportionale Schwächen, was der Mangaka jedoch durch gut durchdachtes Charakterdesign, ausdrucksvolle Interaktionen, dynamische Panelanordnungen und starke Emotionen mehr als ausgleicht.

Zum Abschluss hält der Manga wie gewohnt ein paar lustige Strips bereit, die sich dem WG-Leben von Ken, Banjo und Hinami, Amons Kindheit unter dem Priester, Akiras Erinnerungen an ihren Vater sowie dem Moment vor der ersten Begegnung mit ihrem neuen Partner widmen. Zudem liegen die Profile zu Akira Mado und Seido Takizawa vor.

Ich liebe die Stimmung im neunten Band von Tokyo Ghoul. Die Vorzeichen eines schlimmen Unheils halten sich zwischen den Zeilen verborgen. Jederzeit und überall könnte die nächste Konfrontation entbrennen. So viele Details, Andeutungen und Möglichkeiten sind auf den 208 Seiten eingebaut, dass einem vor Neugierde, wie sich das später alles entwickeln wird, der Kopf schwirrt. Ein gemeiner Cliffhanger am Ende stellt die süße Kirsche auf diesem Eisbecher von Mysterien, neuen Verbindungen und überraschenden Enthüllungen dar. Selbst stehe ich planlos da und kann kaum erahnen, wie die einzelnen Rollen ineinandergreifen werden. Wer wird auf welcher Seite stehen, wenn es darauf ankommt? Fragen häufen sich für mich, und ich hoffe, Sui Ishida findet in den nächsten Volumes den Platz, die wichtigsten davon zu beantworten. Damit verbleibt Tokyo Ghoul der angepriesene Seinen-Titel, der sich verdient einer großen Fangemeinschaft erfreut.

Wir bedanken uns bei Kazé für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Tokyo Ghoul, Band 9.

Details

Titel: Tokyo Ghoul, Band 9
Originaltitel: トーキョーグール (Tokyo Ghoul), Vol. 9
Mangaka: Sui Ishida
Erscheinungsjahr: 2013 (JP), 2015 (DE)
Verlag: Shueisha (JP), Kazé Manga (DE)
Genre: Dark Fantasy, Drama, Horror, Action, Seinen, Psycho, Supernatural
Altersempfehlung: ab 16
Preis: 6,95 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 2889212130&chan=animey&asin=2889212130]

Tokyo Ghoul © 2011 Sui Ishida/SHUEISHA
© 2015 VIZ Media Switzerland SA

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