Top 20 deutscher Manga Starts 2015 (Teil 1)

2015 war ein gutes Jahr für die deutschsprachige Manga-Zeichner-Szene – und für mich als Fan. Hier präsentiere ich euch meine Top 20 deutscher Manga Starts 2015.

In meinen Regalen stapeln sich die Errungenschaften. Darunter befinden sich viele neu gestartete Reihen beziehungsweise in 2015 veröffentlichte Einzelbände, aus denen ich euch hier meine 20 liebsten Titel vorstellen möchte, die mich am meisten mitgerissen haben, in welchem Sinne auch immer.

Es kann durchaus vorkommen, dass ein Manga mit einem vielversprechenden Setting, interessanten Charakteren und durchgeknallten Ideen, aber mit einer kleinen Seitenanzahl, von mir einen höheren Rang erhält als ein dickes Taschenbuch. Ob nun bei einem Verlag erschienen oder privat vom Zeichner in den Druck geschickt, spielt keinerlei Rolle.

Anthologien wurden von mir nicht berücksichtigt, wohl aber Geschichten, bei denen zwei Zeichner kooperiert haben. Die Auswahl beruht auf meinem persönlichen Geschmack, daher sind manche Genres stärker und andere weniger vertreten. Nebenbei bemerkt lege ich mehr Wert auf eine gute Story als einen »perfekten« Zeichenstil. Bitte seht mir nach, dass ich nicht jeden deutschen Manga gelesen habe, der 2015 als Printversion herauskam. Dafür ist das Angebot bereits viel zu gigantisch, und selbst als Redakteur übersieht man leider so manche Veröffentlichung trotz aller Informationsquellen.

In diesem Teil stelle ich euch die Plätze 20 bis 11 vor.

  1. Karten auf den Tisch! (Band 1) von Bonny Rumsfield
© 2015 Bonny Rumsfield

Der Manga hat mich aus mehreren Gründen positiv überrascht, dabei habe ich ihn mir damals zusammen mit Bonny Rumsfields Tameless Heart, Band 1, eher in einem Kaufrausch nach der LBM/MCC 2016 so nebenbei gegönnt. Das Cover, wie die Handlung selbst, ist in einem ausgeprägten Shojo-Stil gezeichnet, was wenig verwunderlich erscheint. Bonny Rumsfield hat sogar in der zweiten Ausgabe der Shojo-Anthologie KAWAii!! eine Kurzgeschichte mit dem Titel Blue Skies beigetragen. Persönlich stoßen mich Shojo-Geschichten mit ihrem oftmals niedlichen Stil, bei dem die Charaktere viel jünger erscheinen, als sie tatsächlich sind, und die speziell im Romance-Sektor gerne mit allerlei Kitsch sowie Klischees ausgestattet sind, normalerweise ab. Daher bin ich bei Karten auf den Tisch! bereits mit allerlei Vorurteilen belastet ans Lesen gegangen.

Mit 140 Seiten bepackt, hält man für einen deutschen Manga aus verlagsloser Produktion einen wuchtigen Band in den Händen, der aus vier Kapiteln besteht. Die Handlung erzählt von den drei jungen Erwachsenen Yero, Henna und Rae, welche sich zu Beginn durch einen gefährlichen Zufall, der zum Glück ein gutes Ende nimmt, kennenlernen. Eine Freundschaft entsteht. Wäre Karten auf den Tisch! ein normaler Manga aus Japan gewesen, der bei einem der deutschen Verlage erscheint, ich hätte ihn aufgrund vom Zeichenstil und der alles-und-nichts-bedeutenden Inhaltsangabe keines Blickes gewürdigt. Etwas, was ich jetzt im Nachhinein bereut hätte.

Mit einer beneidenswerten Leichtigkeit lässt Bonny Rumsfield die Handlung Seite für Seite voranschreiten und präsentiert dabei die drei Charaktere mit einer liebenswerten Natürlichkeit, dass man am liebsten selbst gleich Freundschaft mit ihnen schließen möchte. Statt hochkomplexer, melodramatischer Schicksalsschläge sind es die Probleme des Alltags im Leben eines jungen Erwachsenen, die sich in den Vordergrund drängen: die Suche nach Freunden, Stress im Studium, in der Ausbildung oder mit Teamkollegen und kleine, persönliche Geheimnisse, welche man einander mit der Zeit anvertraut. Ich kann mich in die Sorgen der Charaktere mühelos hineinversetzen. Einmal angefangen zu lesen, konnte ich den Manga nicht mehr aus der Hand legen. Auch wenn mich andere Zeichenstile mehr ansprechen, bewundere ich Bonny Rumsfields klare Strichführung, welche von viel Erfahrung beim Zeichnen spricht. Die Gefühle sitzen, der Humor kommt an und die emotionalen Stellen verfehlen ihre Wirkung nicht. Bonusseiten mit zusätzlichen Informationen zu den Figuren sowie Guestarts von bekannten Namen aus der Szene, darunter KAWAii!!-Anthologie-Leiterin Norchen, runden das Bild ab.

  1. Shadow Kid (Einzelband) von Minou
© 2015 Minou

Die Zeichnerin Minou fiel mir erstmals durch ihre Zusammenarbeit mit Pearsfears, welche in dieser Auflistung ebenfalls vertreten ist, an der süßen Kurzgeschichte Katzenprinz auf. Diese erschien zusammen mit dem zweiten Kapitel zu Minous Boys-Love-Manga Taciturn Heaven zur LBM/MCC 2014. Ein Jahr später folgte zur selben Veranstaltung der Titel in der Überschrift: Shadow Kid. Dabei springt einem bereits das aufwendig skurril schöne Titellogo auf dem Cover ins Auge.

Die Geschichte von Shadow Kid besteht aus gerade einmal 23 Seiten. Das klingt nach nicht viel, aber es genügt, um eine rührende Story aus der Kindheit der Protagonistin Olivia, damals keine sieben Jahre alt, zu erzählen, als sie vom Jungen Alex als Babysitter beaufsichtigt wird. Dieser kann gut zeichnen, und das Bild eines Kindes, welches sich im Schatten vorm Sonnenlicht verbirgt, erregt sofort ihre Aufmerksamkeit. Das muss doch ein Superheld sein. Shadow Kid ist geboren.

Minous Zeichenstil hakelt stark in den Proportionen, speziell Olivia als Kind mit dem großen Kopf und den winzigen Händchen sowie kleinen Stummelfüßchen wirkt mehr als bizarr. Dennoch gelingt es der Künstlerin mühelos, unterschwellige Töne perfekt in der Handlung zu verpacken, die dem Leser die wahre Tiefe der Story und die Wahrheit hinter der ersten Zeichnung von »Shadow Kid« verdeutlichen. Statt einer liest man hier zwei Geschichten, wenn auch nur ein Geschehen, doch aus verschiedenen Perspektiven. Einerseits sind es Olivias unbeschwerte, euphorische Bemerkungen, die Unschuld eines Kindes, welche alles in einem vergnügten, harmlosen Licht erstrahlen lassen, und andererseits erzählen die Panels, besonders geprägt durch Alex‘ Gestik sowie Mimik, die traurige Wirklichkeit über eine tragische Krankheit. Doch bevor man es sich versieht, beginnen diese beiden Welten zu kollidieren und aufeinander einzuwirken.

Shadow Kid ist trotz der unterschwellig harten Kost keine traurige Geschichte, sondern zeigt, dass man selbst in dunklen Zeiten mit der richtigen Unterstützung Mut fassen kann. Als Extras enthält die Printversion aus privatem Druck ein paar Guestarts, darunter eines von der vorher Platzierten Bonny Rumsfield und Katzenprinz-Kollegin Pearsfears.

  1. SCARS (Einzelband) von Mikiko Ponczeck
SCARS © Mikiko Ponczeck, 2015
© Christian Allmann & Jörg Nettekoven GbR, Bonn 2015

Ich habe weder Mikiko Ponczecks Einzelband Lost and Found, geschweige denn das Artbook, noch das zweiteilige Crash ‘n‘ Burn gelesen, was alles bei TOKYOPOP herausgegeben wurde. Umso jungfräulicher bin ich an SCARS herangetreten, was erst Ende November 2015 bei PYRAMOND, selbst erst im letzten Jahr gegründet worden, erschien. Die erste Auflage war ratzfatz weg. Für Fans hieß es daher, kurz Geduld aufzubringen. Seit 1. Januar ist der zweite Druck draußen. Sogar eine englische Printversion stellt der Verlag nun zur Verfügung. Wir führten ein Interview mit Mikiko.

Bei SCARS handelt es sich um einen 48-seitigen Hentai-Manga mit einer Altersempfehlung ab 18 – für das Genre nur natürlich. Dabei suggerieren die ersten Seiten des Werks zuerst ein vollkommen anderes Bild. In der Fantasy-Welt mit einem mittelalterlichen Setting herrscht Krieg. Wir lernen die Kommandantin Tova kennen – eine starke Frau, die, von Rache und Wut getrieben, in der Schlacht allein einen Oger zur Strecke bringt, aber ebenso gefühlvoll. Der Tod ihrer Kameraden geht Tova nahe. Die Trauer über all die Verluste, darunter einer ihrer besten Freunde, lassen sie zweifeln – an den Göttern, dem Krieg, an allem …

… ob es ein Schäferstündchen mit Hauptmann Aasim richten kann? Es folgt eine mehr als zehnseitige Sexszene, welche keine Wünsche unerfüllt lässt. Die Zeichnungen sind explizit, das Paar innig wild und die Atmosphäre prickelnd heiß. Mikiko Ponczeck weist einen wunderschönen Stil vor, in den ich mich von Anfang an verliebt habe. Die Figuren bewegen sich dynamisch durch die Szenen, egal ob mit der Rüstung übers Schlachtfeld oder nackt über den Boden des Gebetshauses. Der Übergang in den Hentai-Abschnitt erfolgt jedoch ziemlich plötzlich, besonders da mich die Handlung der vorherigen Seiten schon eingenommen hatte. Ich hätte gerne mehr von der kriegerischen Tova in ihrer detaillierten Rüstung, mit ihrem eiskalten Blick und ihrem Kampf gegen die Gegner, aber auch gegen die eigenen Zweifel gelesen.

  1. Demon King Camio (Band 1) von CHASM
© 2015 Egmont Manga/CHASM

Da wäre auch schon der nächste Verlagsmanga – und mit EMA im Rücken einer der großen Herausgeber. Schließlich ist Demon King Camio die zweiteilige Fortsetzungsreihe zum Einzelband Demon Lord Camio. Hinter CHASM verbirgt sich dabei ein Duo bestehend aus Marika Herzog (Art) und Michel Decomain (Story). Diese Kombination findet man übrigens ebenfalls in der Zombie-Anthologie DEAD ENDS vom Zwerchfell Verlag, für die Michel Decomain die Storys verfasste, welche dann von vier Zeichnern, darunter Marika Herzog, umgesetzt wurden. Die Künstlerin könnten zudem die ein oder anderen von ihrem älteren, vierteiligen Manga Grimoire kennen.

Demon King Camio setzt dort an, wo die Vorgeschichte endete. Die Welt befindet sich in Gefahr, da Camios frisch befreiter Bruder Belial gegen Gott in den Krieg ziehen möchte. Und wer soll den Tag retten? Richtig: Unser kleiner Dämonenlord, der stets so wundervoll humorvoll auf dicke Hose macht, während Terry verzweifelt nach einer sinnvollen Lösung sucht und Luna erst einmal ihr neues Dasein als höllisches Wesen erforschen muss. Zum Glück scheint Oberboss Luzifer einen Plan zu haben, der (leider?)auf Camio baut.

Noch nie in der Geschichte war der Oberteufel wohl so eine sympathische Sahneschnitte, da muss ich glatt mit Luna mitschmachten. Demon King Camio ist wie sein Vorgänger ein Schmunzelmanga, der mit Comedy-Momenten um sich wirft. Camio muss man einfach liebhaben, während ich ihm in so mancher Szene aber auch gerne den Hals umdrehen würde. Bei der ganzen Situationskomik vergisst man beinahe, dass die Erde und all ihre Bewohner in Gefahr schweben. Das große i-Tüpfelchen in Herzform stellt Marika Herzogs professioneller, Detail verliebter Zeichenstil dar, der sowohl Charaktere als auch Hintergründe großzügig bedenkt. So richtig kommt die Handlung im ersten Band jedoch nicht voran, dafür wird zu viel mit Slapstick herumgespielt. Erst gegen Ende hin beginnt die eventuelle Rettung der Welt Form anzunehmen.

  1. Strange Habit (Band 1) von RoseNose
© 2015 RoseNose

Strange Habit ist der erste Manga in dieser Liste, bei dem ich allein bei der Inhaltsbeschreibung Feuer und Flamme war, wobei Zeichnerin RoseNose für mich keine Unbekannte ist. Zur Leipziger Buchmesse 2014 veröffentlichte sie den Boys-Love-Manga Blumensprache, der in meinem Besitz verweilt und nebenbei erwähnt gerade neu als Flourishing Flower aufpoliert wird. Ein Jahr später folgte auf derselben Veranstaltung mit dem ersten Band von Strange Habit ein etwas anderes Shojo-Werk aus privater Eigenproduktion, welches zwar nicht Boys Love ist, aber alle Fans des Genres dennoch begeistern dürfte. Schließlich ist die Protagonistin eine von uns!

Sarah liebt Boys-Love-Mangas, sie sind eine ihrer größten Leidenschaften. Doch die Passion wird langsam zum Problem im Alltag. Sarah kann nicht anders, als jeden hübschen Burschen, der ihr über den Weg läuft, in ihren Gedanken zu verschwulen. Da sabbert die holde Dame schon einmal bei solchen Fantasien. Ihr Gegenüber wird dabei von dem unerklärlichen Verhalten mehr als abgeschreckt. Wie soll Sarah so bloß ihren Traumprinzen finden?

Die Story im ersten Band von Strange Habit ist gerade einmal 52 Seiten lang, den Rest des Printwerks nimmt Bonusmaterial ein. Beim Lesen musste ich nicht nur herrlich über die Protagonistin sowie ihren überspitzten Tick schmunzeln, sondern fühlte mich auf eine positive Art und Weise an der eigenen Nase gefasst. Als würde man selbst parodiert, kam es mir vor. Da konnte ich gar nicht anders, als Sarah von Anfang an sympathisch zu finden. Und schließlich zeichnet RoseNose selbst Boys-Love-Mangas. Wer weiß, ob sie sich da nicht sogar selbst ein bisschen aufs Korn genommen hat. Der Manga enthält die ersten zwei Kapitel von Strange Habit. Auf Animexx pausiert der Titel leider aktuell. Persönlich kann ich nur hoffen, dass RoseNose nach der Fertigstellung von Flourishing Flower dieses Prunkstück der Unterhaltung für alle Boys-Love-Fans, die über sich selbst lachen können, wieder in Angriff nimmt.

  1. Blutrecht (Band 1) von Danse_Macabre
© 2015 Danse_Macabre

Und da wäre es auch schon. Wenn zuvor die Macken von uns Boys-Love-Fans humorvoll in einen Manga integriert wurden, muss in diese Aufzählung natürlich ein Vertreter des Genres eingebaut werden – und es ist sicherlich nicht gleichzeitig der letzte. Wobei ich vorweg nehmen muss, dass Blutrecht im ersten Band Boys Love gerade einmal mit viel Fantasie, die unserer Sippschaft in Strange Habit von RoseNose so liebevoll unterstellt wird, erahnen lässt. Dabei war das Genre, wie Danse_Macabre in einem Interview gestand, anfangs gar nicht geplant.

Stattdessen treffen wir auf Weltraumpiraten unter dem Kommando von Captain Samuel Davenport in einem Steampunk-Sci-Fi-Universum der Zukunft, in dem die Erde vom britischen Empire regiert wird. Vampire dürfen in so einem Setting natürlich ebenso wenig fehlen. Die Geschichte nimmt seinen Lauf, als Samuel eine Einladung zu einem Debütantinnenball erhält. Der erste Band weist gerade einmal 36 Seiten vor. Wir lernen die Crewmitglieder von der Fialar, Samuels Schiff, kennen und begeben uns auf einen Ball, bei dem schnell auf eine andere Art getanzt wird. Ihr merkt schon, so wirklich weit gelangt die Handlung nicht, aber der Ersteindruck sitzt.

Ich musste nur wenige Seiten im Manga blättern, um zu wissen: Das ist Liebe – zwischen mir und Blutrecht. Danse_Macabre bringt in diesem Werk gleich mehrere Punkte unter, welche mich mitten ins Herz treffen: Weltraumpiraten, Steampunk, Boys Love, elegante, detaillierte Kleidung, ausgefallene, ausdruckstarke Posen und ein sexy Rotschopf. Mit Vampiren habe ich es persönlich nicht so, aber bei so vielen positiven Eindrücken lasse ich mich gerne auf ein Abenteuer mit den Blutsaugern ein.

  1. Orange Hickey Dad (Einzelband) von Pearsfears
© 2015 Pearsfears

Von 2013 bis 2015 hat die Künstlerin Pearsfears, neben anderen Werken wie Still Yours und Katzenprinz, die Boys-Love-Trilogie remains, remorse und remedy herausgebracht. Mit Orange Hickey Dad blieb sie dem Genre treu – und ich ihr als Leserin. Es ist eine süße Geschichte, welche wie ihre bisherigen Titel privat veröffentlicht wurde und keine 60 Seiten ausmacht. Der Manga ist in Englisch gehalten, um so an ein internationales Publikum herangetragen zu werden. Die Geschichte handelt vom frisch umgezogenen Savino, der in Italien jeglichen Appetit verloren hat, bis er auf das Restaurant von Vincenzo und seiner Tochter Gianna stößt.

Orange Hickey Dad erzählt vom frischen, plötzlichen Verliebtsein trotz eines großen Altersunterschiedes. Pearsfears nimmt sich die Zeit, die Handlung gemächlich voranschreiten zu lassen und verzichtet dafür auf sexuelle Komponenten. Dadurch wirken die Geschehnisse in ihrer langsamen Entwicklung inklusive kleiner Missverständnisse natürlicher. Es sind gerade einmal die drei Figuren auf dem Cover, welche die Story bilden und mit ihren verschiedenen Temperamenten schnell einen Platz im Herzen des Lesers finden. Speziell Tochter Gianna, die wie wir eher nur ein Beobachter der sich wandelnden Interaktionen zwischen ihrem Vater und diesem merkwürdigen neuen Kunden ist, sammelt bei mir mit ihren gereizten Kommentaren Sympathiepunkte.

  1. GoForIt! (Band 1) von Christina Plaka
© Christina Plaka / Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2015

Dass dieser Titel in meiner Aufzählung auftaucht, hätte ich bis vor Kurzem nicht erwartet. Sportmangas und –animes sind in Japan ein florierendes Genre. Im deutschsprachigen Raum führen sie dagegen ein Nischenleben. Captain Tsubasa und Mila Superstar wären gerade einmal zwei Werke, die mir auf die Schnelle einfallen, welche es hierzulande zu einer Lizenz – und sogar erfolgreich – geschafft haben. Dass Christina Plaka 2015 einen Romantik-Manga mit Sportthema Volleyball starten wollte und tat, erschien mir daher von vornherein gewagt. Persönlich war ich dem Werk gegenüber sogar negativ gesinnt. In der Schule habe ich Volleyball gehasst (und eigentlich den gesamten Sportunterricht). Im Mai 2015 brachte CARLSEN MANGA! zum Gratis Comic Tag eine Leseprobe zu GoForIt! heraus, welche ich mir geholt habe. Man hat ja trotz allem eine gewisse Restneugierde im Hinterkopf, ob einem der Titel nicht vielleicht doch gefallen könnte. Aber nein, auch nach der Lektüre war der Liebesfunken leider ausgeblieben. Gegen Jahresende, als ich dabei war, meine Sammlung an deutschen Manga-Eigenproduktionen aufzustocken, kam es dann doch noch dazu, dass es GoForIt!, Band 1, in meine Hände schafft. Und ich muss sagen: Der Titel ist gut, kein Schmäh.

Nike ist Teil der Mädchen-Volleyballmannschaft und Assistentin des Jungenteams. Dort spielt auch ihr Schwarm Victor. Doch Nike hat ein Problem: Sie sucht einen Ersatzspieler für die Burschen. Ein Glück, dass das Mädchen in dem brasilianischen Austauschschüler Jona ein Volleyballass entdeckt. Doch der Junge ist nach einer Trainingseinheit völlig unbegeistert. Dies möchte Nikes Bruder Benni, der seine Worte zufällig mithört, nicht einfach so auf sich sitzen lassen und fordert Jona zu einem Duell heraus …

Das hört sich nun auf den ersten Blick nach verdammt viel Volleyball auf fast 180 Seiten an – und der Sport wird natürlich mit genug Platz gewürdigt, aber je länger die Handlung läuft, umso mehr kommen die Emotionen zu tragen, die zwischen den Spielern vorherrschen. Speziell das Verhältnis zwischen den Protagonisten, Nike und Jona, ist einem stetigen Wandel unterzogen. Nike hält mit ihren Gefühlen nicht zurück und steht vor allem dem Team bei, dessen Mitglieder sie gut kennt sowie ihnen vertraut, schließlich sind darunter wichtige Personen wie ihr Bruder Benni, Freund Viktor als auch der herzkranke Theo, den Jona auf dem Feld ersetzt. Letzterer wiederum hat nicht nur mit seiner Vergangenheit in Brasilien zu kämpfen, sondern ebenso mit seiner Stellung in der Mannschaft. Der Manga mag etwas klischeehaft anfangen – ein Team mit einem fehlenden Spieler und der brillante Austauschschüler -, doch entfaltet der Titel mit der Zeit sein wahres Potential in der Beziehungsecke. Da könnte noch mächtig dicke Luft auf uns zukommen, und ich freue mich darauf.

  1. Wunderherzen (Einzelband) von Salamandra und HolzEsserin
© 2015 Anna HolzEsserin Backhausen & Sophie Salamandra Schönhammer

Salamandra und HolzEsserin gehören zu den fleißigsten Vertretern der deutschen Manga-Zeichner-Szene. Die beiden Zeichnerinnen haben bisher nicht nur eine Fülle von eigenen Werken kreiert, sondern stehen auch als Leiter hinter den Anthologien VERnarrt, blueprint und It’s Shonen Time. Erstere geht dieses Jahr bereits in die vierte Runde, während die Boys-Love-Kurzgeschichtensammlung blueprint zur DoKomi 2015 ihre Premiere feierte. Momentan arbeiten sie nicht nur mit Ich dich auch an der Hauptstory zum Universum ihrer Charaktere Tom und Lars, welches bereits aus den Titeln One for the way, Get this Straight, Petrichor sowie Tom’s stille Momente besteht, sondern mit Sternensammler an ihrem ersten Verlagsmanga, welcher seinen Platz im kommenden Programm von TOKYOPOP findet (Animando führte bereits ein Interview mit den beiden dazu).

Auf 26 Seiten erzählt Wunderherzen von einem jungen Pärchen, Elias und Hanna, das sich wieder einmal streitet. Dabei war ihre rasant gestartete Beziehung anfangs so funkelnd strahlend wie die Wunderkerzen, welche Hanna, von Elias geschenkt bekommen, in einem Glas aufbewahrt. Wenn sie traurig ist, wird eine angezündet, damit ihre Funken die düsteren Gedanken vertreiben. Doch nun, nach so vielen Streitigkeiten über banale Nichtigkeiten, ist nur noch eine Wunderkerze übrig.

Wunderherzen – ihr dürftet schon erraten haben, dass der Titel ein emotionales Reimwort auf die symbolstarken Wunderkerzen in der Geschichte bildet – hält einen typischen Moment in einer Beziehung fest, welche nach einem überwältigenden Hoch ein erstes Tief erreicht hat, und drückt diesen gefühlvoll aus. Trotz des geringen Umfangs hinterlässt die Story einen starken Eindruck. Der Manga schwimmt abseits des Mainstreams, unterhält weniger und stimmt vielmehr nachdenklich.

  1. Fading Colors (Einzelband) von Nightmaker
© Tokyopop

Mit Nightmaker ist dieser Boys-Love-Band von einer Landsfrau aus Österreich gezeichnet worden. Bei der deutschen Manga-Zeichner-Szene mischt eben nicht nur Deutschland mit (nebenbei erwähnt gibt es natürlich tolle Schweizer Zeichner, auch wenn ich persönlich oftmals die Leute nicht einmal dem Land zuordnen kann. Aber eine Schweizer Vertreterin haben wir mindestens in dieser Top 20, kleiner Spoiler: Sogar in der Top 10!). Aber zurück zum Manga Fading Colors, der seit 13. Juli 2015 bei TOKYOPOP erhältlich ist.

Nachdem der Kater Alik bei einer Verfolgungsjagd sein Handy verliert, auf dem sich peinlicherweise deutlich anzügliche Fotos befinden, beginnt ein neuer Lebensabschnitt für ihn. Denn Tavis, ein reinrassiger Kater, findet das Handy und fängt beim Anblick der Fotos sofort an, sich für die Welt des gefleckten Artgenossen zu interessieren. So taucht dieser in Aliks Leben ein und ist einerseits fasziniert, andererseits voller Unverständnis über die Ausgrenzung der Mischlinge. Rassentrennung ist bei den Katzen großgeschrieben, sodass die Freundschaft, welche sich nach und nach zwischen den beiden entwickelt, keineswegs unter einem guten Stern steht.

Während die Zeichnerin Kamineo mit ihren Mangas Beware of the Dog sowie noch herausragender ALPHA² (Autor: Kamoi) die Kombination Werwölfe und Boys Love in Deutschland gepusht hat, etabliert Nightmaker nun sich liebende Catboys, ein in Japan schon lange existierendes Phänomen, bei uns. Gleichzeitig bringt sie im Einzelband ein wichtiges Thema zur Sprache: Diskriminierung aufgrund des Aussehens, was bis zu einer ideologischen Rassentrennung in der Bevölkerung, in dem Fall nach der Anzahl der vertretenen Farben im Fell, führt. Da gibt es die einfarbigen Reinblüter, so eine Art Mittelschicht der Zweifarbigen und letztendlich die gesellschaftlich verstoßenen Gefleckten. Soziale Unterdrückung und Hass zwischen den Gruppierungen zieht sich als roter Faden durch die Handlung, ohne daraus eine zu schwere Kost zu machen, sondern immer noch einen frohgesinnten Unterhaltungsfaktor vorzuweisen, der sich aus der frisch gegründeten Kameradschaft zwischen den beiden Protagonisten, die vom Stand her Welten trennen, ergibt. Hier und dort hätte ich gerne noch mehr vom Fading Colors-Universum gesehen. Im Großen und Ganzen präsentiert Nightmaker in ihrem Debütwerk jedoch eine runde Geschichte mit einer klaren, bedeutenden Message. Ein bisschen Boys-Love-Fanservice gibt es als Extra noch obendrauf.

Den zweiten Teil mit der Top 10 deutscher Manga Starts 2015 findet ihr hier.

4 KOMMENTARE

  1. HA und HH besitze ich sogar beides. So weit es eben als Print herausgekommen ist. High Angle, so weit ich mitbekommen habe, wird ja von Yaa total neu gezeichnet. Aber ja, Eishockey kommt da eher an einer marginalen Position zum Tragen. HARDBEAT von Lysosoup hat auch Sportthemen, ist aber wie HH viel mehr Richtung Boys Love unterwegs.

  2. Mir ist beim lesen des Christina-Plaka-Teils gerade eingefallen, dass auch „Nike“ bzw ANike Hage mal einen ziemlich guten, deutschen Spotmanga rausgebracht hat. Ich habe sie leider nicht mehr und es ist schon ein Weile her, aber ich habs geliebt 😀

    • Du meinst sicher „Gothic Sports“. Das erschien von 2006 bis 2010 bei TOKYOPOP in fünf Bänden. Das scheint schon eine Ewigkeit her o.o Ich muss gestehen, den Manga habe ich noch gar nicht gelesen, das muss ich unbedingt nachholen. Genauso wie „Die Wolke“. So viele alte Titel, die es noch zu lesen gibt *.*

      Der Charakter in GoForIt! heißt übrigens eigentlich Anike, wird aber meistens nur Nike genannt. Zufall? Wahrscheinlich. Ich vermute, Christina Plaka hat den Charakter eher wegen eines Wortspiels im Manga so genannt.

      • Japp genau, Gothic Sports wars. Verdammt ist das schon so lang her, ich habs damals noch auf der Buchmesse erstanden. Und da war ich noch ein Teenie. Jaja, die Eingebung.
        Ansonsten gibts da ja auch noch High Angle und Hockey Homo von Yaa, wobei die Magie da woanders zu liegen scheint. HA ist ja eher Shonen/Sportmanga-Satire, HH Porn.

        (Und ich kann mir gut Vorstellen, dass neben Zufall auch ein kleiner Tribut seitens Christina in der Namensgebung zu finden ist ;D)

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