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Weltall-Special: Wenn deutschsprachige Manga-Zeichner nach den Sternen greifen

Welche Manga-Zeichner aus der deutschsprachigen Szene zieht es in ihren Werken ins Weltall oder holen Besuch von außerhalb auf unseren Planeten?

Zu den großen Menschheitsfragen zählt auch das noch unbeantwortete Mysterium, ob wir in diesem gigantischen, sich stetig ausbreitenden Universum ganz alleine sind. Die Wahrscheinlichkeit spricht gegen dieses Einsiedlertum. Auch Forscher haben mittlerweile potentiell bewohnbare Planeten entdeckt. Aber wie sieht es mit außerirdischen Lebensformen aus, speziell jene komplexer Natur, die dem menschlichen Intellekt gleichkommen oder ihn gar überschreiten?

Während die Wissenschaft daran arbeitet, das All zu ergründen, tun die Filmindustrie und der Literaturbereich, egal ob Romane, Comics oder Manga, das ihrige. Doch zieht da auch die deutschsprachige Manga-Szene mit? Welche Zeichner erzählen Geschichten mit Aliens oder Reisen durchs Universum?

Wo bleiben die Aliens 2016?

Natürlich ist es immer etwas schwierig, deutsche Manga-Produktionen in ihrer Gesamtheit zu analysieren, da neben den bekannten Verlagswerken auch der Dojinshi-Bereich mit allerlei Selbstpublikationen ins Gewicht fällt. Für das Jahr 2016 bemüht sich Sumikai, eine möglichst vollständige Übersicht aller Produktionen in der deutschsprachigen Manga-Zeichner-Szene zusammenzustellen – Verlagsmanga, Dojinshi, Artbooks und Co., was eben alles so anfällt.

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© 2016 Luisa Velontrova

Mit dieser Übersicht als Quelle sieht es, auf das diesjährige Jahr bezogen, bisher mehr als karg aus. Tatsächlich gibt es nach aktuellem Stand nur einen Titel, welcher dem angesprochenen Themenbereich angehört, nämlich der Dojinshi Parallax von Luisa Velontrova. Dieser erschien Anfang Juni auf der Anime Messe Berlin. Eine Leseprobe steht online auf Animexx zur Verfügung.

Doch auch wenn in dem Werk ein Mädchen mit Antennen auf den Kopf auftaucht und die Welt vor dem Untergang steht, ist Parallax alles andere als ein klassischer Sci-Fi-Alien-Titel. Vielmehr verfolgt Luisa Velontrova einen ruhigen, emotionalen Erzählstil mit philosophischer Schönheit, der das Schicksal und die Gedanken einer einzigen Person verfolgt. Einen ähnlichen Charme findet man in ihrem Dojinshi Filament (erschienen zur Connichi 2015 und mittlerweile komplett auf Animexx lesbar), dessen Story sich unter anderem mit Superclustern und Filamenten beschäftigt.

Ihr seht: 2016 ist kein Alien-Jahr in der deutschsprachigen Manga-Zeichner-Szene. Ähnliches ergab Recherche für die Zeit davor. Alien- und Planeten-Abenteuer-Geschichten lassen sich nur sehr verstreut in der Historie deutscher Manga-Eigenproduktionen ausmachen.

Planetenreisen und Aliens in Verlagsmanga

Dabei fing es für das Alien-Genre hierzulande vielversprechend an. Robert Labs gehört zu den ersten deutschen Manga-Zeichnern, die sich einen Namen gemacht haben. Sowohl sein Erstlingswerk Dragic Master (2001 bis 2004 bei Carlsen Manga!, zwei Bände) als auch sein zweites Projekt Crewman 3 (2003 bis 2004 bei Carlsen Manga!, Abdruck in der BANZAI! und zwei Bände) widmen sich voll und ganz dem Sci-Fi-Genre, inklusive Rassenkriegen, anderen Dimensionen, feindliche Aliens, ein bedrohter Planet Erde und Raumschiffen.

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KEYLA © by Nicole Klementz, Nhung Vu/Carlsen Verlag GmbH Hamburg 2008

Neben Lob mussten die zwei Werke von Robert Labs aber auch allerhand Kritik aufgrund von Story und Zeichnungen einstecken. Das Lager der Manga-Leser war gespalten, und Robert Labs verschwand für wenige Jahre in der Versenkung, bevor er 2009 bei Tokyopop mit Domicile Band 1 kurz seine Rückkehr feierte. Fans müssen heute noch auf eine Fortsetzung der Story warten, welche im Gegensatz zu früheren Arbeiten in den Genres Horror, Fantasy und Historie angesiedelt ist.

Über die Jahre wirft Carlsen Manga! zwei weitere deutsche Eigenproduktionen in den Ring, die in unser gesuchtes Schema fallen. 2008 bis 2009 veröffentlichte der Verlag mit Keyla eine zweibändige Kurzreihe von Nicole Klementz und Nhung Vu, in welcher die zwölfjährige, titelgebende Protagonistin beschließt, den Heimatplaneten zu verlassen, um die Bevölkerung vor dem Verhungern zu retten.

Eine wesentlich humorvollere Prämisse bietet dagegen der nur als E-Manga verfügbare Vierteiler Sunshine Chronicles von Stephan Lorse und Tom Kirchgäßner, den Carlsen Manga! im Laufe von 2015 herausbrachte. Erzählt wird die irrwitzige Fahrt vom Protagonisten-Duo Albert und Moses durch den Weltraum.

Erwähnenswerte Titel
Skull Party 1 © Melanie Schober, Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2013 Hamburg

Während ich persönlich Keyla und Sunshine Chronicles nicht gelesen habe, liegt dagegen ein anderer Manga aus österreichischer Feder in meinem Regal, der erwähnenswert ist: Skull Party (2013 bis 2015 bei Carlsen Manga!, vier Bände) von Melanie Schober. Auch wenn das Weltuntergangsszenario mit seinen mysteriösen Kristallschädeln und Reinkarnationen doch eher in der Fantasy/Mystery-Ebene beheimatet ist, schmuggeln sich tatsächlich im Laufe der Handlung Aliens ein, zumindest in der Hintergrundgeschichte.

Ähnlich gibt es einen Alien-Kurzauftritt im Werk einer anderen bekannten Zeichnerin. Während ich selbst noch dabei bin, mir Martina Peters‘ Sci-Fi/Boys-Love/Mystery-Manga KAE zu Gemüte zu führen, hat mir ein Vögelchen aus der Redaktion gezwitschert, dass in der Fortsetzung TEN (2013 bis 2016 bei Cursed, drei Bände) auch ein Alien vorkommt.

Zu den bekanntesten männlichen Gesichtern in der aktiven Manga-Zeichner-Szene zählt David Füleki. Dieser macht sich seit 2001 einen Namen und hat bereits eine erstaunliche Anzahl an Werken veröffentlicht. Eines davon ist das seit 2015 bei Delfinium Prints erscheinende Entoman: Amikoverse Heroes, welches aktuell aus zwei Heften besteht. In der Reihe trifft David Fülekis charismatischer und populärer Charakter Entoman auf den Minihelden Gumbaman, welcher extra aus einer anderen Dimension, dem Amikoverse, gekommen ist, um Entoman in sein Superheldenteam zu holen.

Was hat die Dojinshi-Szene zu bieten?

Abgesehen von den bereits erwähnten Titeln Filament und Parallax von Luisa Velontrova stehen auf meiner Liste der Alien-/Weltall-Manga aus der deutschsprachigen Dojinshi-Szene, das heißt selbst publizierte Manga, gerade einmal drei Werke. Und diese kommen alle aus dem Boys-Love-Genre. Nur ein Titel weist zumindest ein Alien auf, ein anderer spielt im Weltall und der letzte involviert Raumschiffe, konzentriert das Geschehen aber auf die Erde.

© by Safaia

Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang und die Kombination Boys-Love/Sci-Fi erfreut sich tatsächlich Beliebtheit. Aber wahrscheinlicher ist meine Recherche einfach nur unausgeglichen, da speziell meine eigene Sammlung von deutschen Manga-Titeln eine wichtige Quelle darstellt. Und bei dieser nimmt Boys Love einen essentiellen Anteil ein.

2012 erschien die Sci-Fi-Anthologie Endeavor, welche drei futuristische Kurzgeschichten von verschiedenen Zeichnerinnen enthält: Die letzte Blume von Sophie Kaldinski, Spes von Safaia-Millenion und Anonymus Online von Laycii. Das Augenmerk möchte ich auf den zweiten Titel lenken. Spes spielt im Jahr 2372. Die Erde steht vor dem Ende, und die Menschheit beschließt, ins All auszuwandern. Forscher schicken ein Erkundungsraumschiff los, um einen potentiell bewohnbaren Planeten – Spes – zu untersuchen. Doch ein Mannschaftsmitglied hat andere Pläne.

Safaia-Millenion lieferte 2014 mit Spes 2.0 eine Neuauflage inklusive eines neuen Kapitels ab. Eine Leseprobe steht auf Animexx zur Verfügung, auch wenn der dazugehörige Account deaktiviert wurde. Safaia-Millenion ist heute noch als Manga-Zeichnerin aktiv, auch wenn sie zwischenzeitlich pausiert hatte, und nennt sich mittlerweile Astariel. Im März 2016 startete sie zusammen mit Zeichnerkollegin Mondfalter das selbst publizierte Artbook-Projekt Cyberpunk, damals noch unter dem Künstlernamen LumiHolm.

Zur DoKomi 2014 veröffentlichte das Duo Bakana-Dyuetto, von welchem heute nur noch die Zeichnerin Isamu (Katatsumuri-kun) aktiv ist, das erste Kapitel des Boys-Love-Werks Outta Space Outta Love. Im Boys Love/Sci-Fi-Manga beobachtet Protagonist Makoto Arizono, wie etwas vom Himmel fällt. Er begibt sich zum Einsturzort, um der Sache auf den Grund zu gehen. Die Leseprobe auf Animexx wurde mittlerweile entfernt. Ob es jemals eine Fortsetzung gibt, steht in den Sternen.

© 2015 Danse_Macabre

Zuletzt möchte ich Blutrecht – ius sanguis von Danse_Macabre anführen. Band 1 der Genre-Kombination aus Fantasy, Sci-Fi und Steampunk erschien zur Leipziger Buchmesse/Manga-Comic-Con 2015. Eine Leseprobe liegt auf Animexx vor. Es ist zwar ein Boys-Love-Manga, dabei war jedoch das Genre, wie Danse_Macabre in einem Interview gestand, anfangs gar nicht geplant. Im Manga treffen wir auf Weltraumpiraten unter dem Kommando von Captain Samuel Davenport in einem Steampunk-Sci-Fi-Universum der Zukunft, in dem die Erde vom britischen Empire regiert wird. Vampire dürfen in so einem Setting natürlich ebenso wenig fehlen.

Ich bin mir nicht sicher, ob im Universum von Blutrecht Platz für Aliens oder Erkundungsfahrten durchs Weltall bleibt, wenn auf der Erde die Vampire wüten, aber Weltraumpiraten klingt allemal cool. Wann Band 2 erscheint, ist nicht bekannt. Auf Facebook zeigt die Künstlerin aber immer mal wieder Zeichnungen mit Blutrecht-Charakteren.

Was bringt die Zukunft?

Ich gehe nicht davon aus, dass in nächster Zeit der große Sci-Fi-Boom ausbricht. Es ist schließlich auch kein Zeichner dazu verpflichtet, seine Charaktere ins Weltall zu schicken und/oder Alienrassen zu erfinden. Manche können eben einfach nichts mit dem Genre anfangen.

Andere interessieren sich vielleicht dafür, weichen aber vor dem Arbeitsaufwand zurück. Schließlich muss da allerlei entworfen und designt werden. Es mag in den Grundzügen der Erschaffung einer komplexen Fantasy-Welt gleichen – nur mit viel mehr Technologie und Futurismus hineingepackt. Dennoch sollte am besten alles noch irgendwo realistisch, ansprechend und im gewissen Sinne nachvollziehbar sein sowie das richtige Maß an physikalischen Gesetzen unseres Universums eingehalten werden. Kein Wunder, wenn Zeichner vor solchen Mammutprojekten zurückweichen.

Es gibt sie aber doch, wie die Vergangenheit bereits bewiesen hat. Man darf auch nicht vergessen, dass die deutsche Manga-Zeichner-Szene noch immer recht jung und voller Potential ist. Alle Türen stehen offen.

Sollte es mal wieder einen neuen Alien-Manga oder ein Weltall-Abenteuer aus deutscher Feder geben, dann ist Sumikai da und wird davon berichten (wie über jede andere Manga-Eigenproduktion).

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