Weshalb der Antagonist in »Bleach« dem Helden die Show stiehlt …

Im ersten Teil der Bleach-Themenreihe ging ich auf die Handlungsbögen ein, wiederum werfe ich im zweiten einen Blick auf die Schlüsselfiguren. Tite Kubos Bleach verfügt über einen gigantischen Charakterpool, welchen scheinbar selbst der Mangaka nicht so recht unter einem Hut bekommt. Es existieren viele durchaus attraktive Persönlichkeiten, für die im Geschehen kaum Platz ist, sich zu entfalten. Und dennoch gibt es eine Handvoll an tragenden Schlüsselfiguren, auf die ich gerne eingehen möchte. Warum in meinen Augen der vermeintliche Held der Erzählung – Ichigo Kurosaki – eine eher blasse Hauptfigur darstellt, das möchte ich in diesem Artikel erklären.

Ichigo Kurosaki ist in meinen Augen die »Marionette« im ganzen Spiel, welche zum Helden erkoren wurde. Zu Beginn der Story sehnt er sich noch nach einem normalen Leben. Dieses Ziel verschwindet jedoch im Laufe der Zeit völlig und der Junge mutiert zum Standard-Shonen-Helden, der stärker werden möchte, um seine Freunde und Familie beschützen zu können. Mit dieser Attitüde tanzte Ichigo im Grunde genau nach Aizens Pfeife. Bis auf Machtzuwachs wird der Leser bei dem Jungen keine großartigen Prozesse erleben.

Generell empfinde ich Ichigo ab dem Soul Society Arc bis hin zum Sieg über Aizen eher wie eine von vielen Figuren, die auf das Kampffeld gesetzt wurden. Gezielt im Vordergrund stand der Junge lediglich im ersten Handlungsbogen und in jenem der Fullbringer. Das Geheimnis um Ichigos familiäre Abstammung lüftete Kubo-sensei im finalen Handlungsstrang, sodass der letzte »interessante Funke« an ihm erloschen ist.

Ichigo beschreitet natürlich die wichtigsten Auseinandersetzungen, was ihm die Heldenposition der Geschichte verleiht. Von allen Charakteren hat er die meisten Level-Ups. Der Junge vereint inzwischen so gut wie alle Seelenformen, die Kubo-sensei ins Spiel gebracht hat, ob sie nun auf Training, spirituelle Veranlagung oder sonst was basieren. Doch selbst jetzt, wo es handlungstechnisch auf ein Ende des Mangas zugeht, verschwindet Ichigo aufgrund der vielen platzierten Figuren auf dem Kampffeld in der Versenkung. Er wirkt vielmehr als der »Vollstrecker« der Topgegner. Tite Kubo gelingt es meiner Meinung nach nicht, Ichigo als klare Hauptfigur zu positionieren. Seine Hintergrundgeschichte wirkt in etwa genauso spektakulär wie all jene der vielen anderen Nebenfiguren, die Kubo in Szene setzt. Den Platz der Hauptfigur raubt ihm meiner Meinung nach …

Aizen Sosuke. Dieser ist die tragende Figur im gesamten Geschehen, auch wenn er hier der Antagonist ist und im Vergleich zum Helden nur wenige Soloauftritte hat. Die Story baut – zumindest bis zu seiner Versiegelung – auf seine gesponnenen Pläne auf, welche nach und nach durchleuchtet werden, sodass der Leser stets ein bisschen mehr in Erfahrung bringen konnte, in welchen Aktivitäten der Mann überall verstrickt war.

Unklar ist bisher immer noch, warum Aizen die Seelenwelt verändern und welche Weltvorstellungen er eigentlich umsetzen wollte. Fakt ist, Aizen verfolgte mit seinem Plan nicht nur die Idee, den König der Soul Society zu stürzen, sondern er suchte auch einen ebenbürtigen Gegner. Zu solch einem wollte Aizen Ichigo bewusst machen, da er die familiären Hintergründe des Jungen kannte, großes Potenzial in ihm sah und quasi darauf wartete, dass Urahara Ichigo samt des Hou Gyokus ins Spiel brachte, damit er schließlich zum Zug kam und seine »Show« beginnen konnte. Für seine Ziele manipulierte Aizen auf geschickte Weise, wo es nur ging. Dies bereits seit seiner Zeit als respektierter Shinigami-Kommandant. Die unterworfenen Espada/Arrancar waren im Endeffekt auch nur Marionetten, um seine Pläne zu verwirklichen.

Übrigens, im finalen Storyabschnitt mischt Aizen im Kampfgeschehen ebenso mit. Welche Bedeutung er hier bekommen wird (oder ob es einfach nur ein verzweifelter Versuch ist, diesen Handlungsbogen interessanter zu gestalten), ist allerdings noch unklar.

Zu guter Letzt möchte ich ebenso Urahara Kisuke erwähnen, der mehr oder weniger unauffällig im Geschehen ist. Doch ohne ihn wäre die gesamte Story von Bleach gar nicht erst ins Rollen und der Held der Geschichte nicht auf die Welt gekommen.

Urahara entwickelte in seinen Jahren als Shinigami-Kommandant das sogenannte Hou Gyoku, fand während dieser Zeit heraus, dass Aizen Hollow-Experimente an Shinigamis durchführt, welche bezwecken sollten, dass diese ihr Machtlimit durchbrechen können. Zwar bewahrte Urahara mehrere Kommandanten und Leutnants, welche Aizen auf die Schliche kamen, vor dem sicheren Tod, wurde aber gleichzeitig für die Entwicklung des Hou Gyokus aus der Soul Society verbannt, und nicht zuletzt auch deswegen, da Aizen ihm seine Experimente in die Schuhe schob. Dieser erfuhr in dem Zusammenhang ebenfalls vom Hou Gyoku und sehnte sich fortan danach, um an mehr Macht zu gelangen.

Während seiner Zeit im Exil bewahrte Urahara Ichigos damals noch junge Mutter Masaki mithilfe von Isshin vor dem Tod, nachdem diese ebenfalls ein Opfer von Aizens Hollow-Experimenten wurde. Die beiden wurden danach ein Paar und Masaki brachte Ichigo sowie die Zwillinge Yuzu und Karin auf die Welt.

Das Spiel wurde dadurch ins Rollen gebracht, dass Urahara Hou Gyoku in Rukia platzierte, nachdem diese dem jugendlichen Ichigo begegnete und ihre Kräfte verlor. Die Ereignisse waren von Urahara kalkuliert, da er Ichigo zur Schlüsselfigur gegen Aizen machen wollte. Im Endeffekt war es auch Uraharas Kidou, welches den nach dem finalen Kampf geschwächten Aizen versiegelte. So schließt sich irgendwo der Kreislauf zwischen den beiden Herren, könnte man meinen.

Doch das ist noch nicht alles: Ohne Urahara wäre der Held der Geschichte – Ichigo Kurosaki – gar nicht erst auf die Welt gekommen. Denn er bewahrte dessen Mutter Masaki mithilfe von Isshin vor dem Tod, nachdem diese ebenfalls ein Opfer von Aizens Hollow-Experimenten wurde.

Nun mag sich natürlich jemand fragen: Was ist mit den vielen Fanlieblingen wie Rukia, Renji, Byakuya, Hitsugaya, Ulquiorra, Grimmjow und Co.? Sicherlich schenkt Kubo-sensei diesen Figuren – dem einen mehr, dem anderen weniger – Aufmerksamkeit. Bleach ist nicht umsonst eine lange Reihe. Ich würde sie jedoch eher als »Schmuck« für die Handlung bezeichnen. Die Charaktere dienen einem (oder auch mehreren) gewissen Zweck und steigern die Dramaturgie. Sie sind irgendwo »ersetzbar«, demzufolge Nebendarsteller, die dem Geschehen mehr Würze verleihen, weil die Figuren auf irgendeine Weise verknüpft sind und quasi ihre persönliche Story erzählen.

Jetzt bist du dran: Bist du derselben Auffassung, wie ich?

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