16. Nippon Connection – eine Filmzusammenfassung

Auf der Nippon Connection hatte ich in den viereinhalb Tagen meiner Anwesenheit die Möglichkeit, insgesamt vierzehn Aufführungen und ein Filmemachergespräch zu Hibana mitzuerleben.

Nun folgt eine kleine Zusammenfassung und mein Eindruck sowie Ergebnisse der Q&A-Runden zu den Streifen. Die Filmauswahl ist eine Mischung aus Komödie, Drama, Fantasy-Film, Yakuza-Film, Anime/Animation, Romanze und Horror. Einzig ein Dokumentarfilm fehlt, dieses Genre hat meine Kollegin übernommen. Die Reihenfolge der folgenden Darstellung ist nach den Aufführungszeiten gewählt und soll keine Bewertung wiedergeben.

1) Love & Peace

love & peace
© 2015 “Love & Peace” Production Committee

Dies ist eine schräge Fantasy-Komödie über einen Besitzer und seine Schildkröte, die ihn so sehr liebt, dass sie seinen Wunsch nach einer erfolgreichen Musikkarriere wahr werden lässt.
Die Geschichte sowie die Charaktere wirken sehr überzogen. Dieses Übertriebene ist vom Hauptcharakter auch überzeugend so dargestellt. Mehrere Mythen und Hinweise auf andere Filme findet man auch hier. Auffällig ist der geringe Einsatz von Computertechnik. Man arbeitet stattdessen viel mit Puppen und Modellen.

2) Gonin Saga

gonin saga
© Kadokawa Pictures, Pony Canyon

Hier kommt die Fortsetzung des in den 90ern erschienenen Film Gonin, in dem das Schicksal verschiedener Yakuza dargestellt wird. In dem neuen Streifen stehen deren Familien, v.a. die Söhne, im Mittelpunkt, welche sich am Tod ihrer Väter rächen wollen.
Da Gonin Saga auf den Ereignissen von 19 Jahren zuvor aufbaut, beginnt der Film mit vielen Flashbacks und Erklärungen, wer mit wem was zu tun hat. Das macht den Anfang sehr verwirrend, vor allem, wenn man den Vorgänger nicht kennt, Gonin gesehen zu haben, ist für das Verständnis der Personenkonstellationen sicherlich sinnvoll. Ein vollkommenes Verständnis über die Ereignisse erlangt man sicherlich auch erst nach mehrmaligen Schauen. Musik und Kamera sind aber passend gewählt, so dass die Stimmung passend beim Zuschauer ankommt.

3) The Case of Hana and Alice (Hana to Alice satsujin jiken) mit Kurzfilm L’oeil du Cyclone

the case of hana and alice
© 2015 “the case of hana & alice” Film Partners

Mit L’oeil du Cyclone wurde die Aufführung begonnen. Nur mit musikalischer Untermalung sieht man hier, wie Formen ineinander fließen und so andere Formen bilden. Die Vorführung dauerte nur ein paar Minuten, war aber sehr schön anzusehen.
The Case of Hana and Alice ist ein in ruhigen Bildern erzähltes Prequel zum 2004 veröffentlichten Realfilm Hana and Alice. Hier wird die Geschichte erzählt, wie die beiden Mädchen sich kennen gelernt haben und versuchen, einen verschwundenen Jungen wieder zu finden. Regisseur Shunki Iwai verwendete eine besondere Animationstechnik. Hierbei wandelt man einen Realfilm später in einen Zeichentrickfilm um. Entsprechend anderes sieht der Stil aus. Die beiden Schauspieler des ersten Films leihen auch in der Animation ihren Charakteren ihre Stimme.

4) Tokyo University of the Arts: Animation

Animation Tokyo Uni of the Arts
Japanese Chess © 2016 Moe KURIBARA

Assistant Professor Hiromitsu Murakami, zuständig in der Abteilung Animation bei der Tokyo University of the Arts, stellt hier eine Reihe Kurzfilme seiner Studenten vor. Diese sind entweder im ersten Semester des Masterstudiengangs oder haben die Animation als ihre Masterarbeit abgegeben. Die Abschlussarbeiten waren dabei eher ernster, haben teilweise erlebte Ereignisse, zum Beispiel vom großen Erdbeben in Fukushima, reflektiert. Die kürzeren Filme der jüngeren Semester hatten einen etwas fröhlicheren Ton. Wie erklärt wurde, arbeiten die Fakultäten bei diesen Projekten zusammen. So gestalten beispielsweise andere Studenten die Musik zur Animation.

5) The Actor (Haiyu kameoka takuji)

the actor
© “The Actor” Production Committee

Der Film zeigt den Alltag eines Schauspielers, der zwar viel Erfahrung aufweisen kann, aber nur kleine Rollenengagements erhält. Im Film denkt er über seine zukünftigen Pläne nach. Man verfolgt den Charakter zu den verschiedenen Aufnahmen, mit der Zeit verschwimmen Realität und Schauspiel.
The Actor basiert auf dem Roman „The Actor, Takuji Kameoka“ und soll Einblick in die Arbeitswelt dieser Berufsgruppe geben. Die ruhige Geschichte vermischt mit der Zeit immer mehr Realität und Aufnahmen oder Castings. Sie laufen ohne Übergang ineinander über. Wie im Gespräch nach der Ausstrahlung erklärt wurde, ist die Rolle Spaniens im Film ein Zufall. Im Buch kam ein französischer Regisseur vor. Da beim Vorsprechen der Favorit für die Rolle aber Spanier war, schrieb man es entsprechend um. Am Ende des Films erhält der Schauspieler eine Blume. Auf Nachfrage kam heraus, dass die Hauptdarsteller am Ende eines Drehs immer einen Blumenstrauß überreicht bekommen. Kameoka sollte zum Schluss für seinen „besten Auftritt“ auch eine Blume erhalten. Da seine Rolle nur eine kleine war, erhält er entsprechend nur ein kleines Blümchen.

6) The Inerasable (zang-e sunde wa ikenai heya)

the inerasable
© 2015 “The Inerasable” Film Partners

The Inerasable ist der einzige Horrorfilm in der Auswahl. In ihm verfolgt eine Reporterin zusammen mit einer Mieterin die Geschichte eines Wohnkomplexes, in dem es spukt.
Der Verlauf ist wie ein Bericht beziehungsweise eine Reportage aufgebaut. Zu jedem Geschichtsabschnitt erfolgt eine Überschrift und entsprechend Rückblicke auf zurückliegende Ereignisse. Interviews erfolgen ebenso. Blutige Szenen sieht man hier gar nicht, der Film baut mehr eine Atmosphäre auf, die bei jedem Schritt weiter in die Vergangenheit mehr Gänsehaut verursacht.

7) Nagasaki: Memories of my son (Haha to Kuraseba)

nagasaki - memories of my son
© 2015 “Nagasaki – Memories of my son” Production Committee

Das Drama spielt 1948, drei Jahre, nachdem in Nagasaki eine Bombe explodiert ist und hunderte Menschen das Leben kostete. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die bei dem Angriff ihren Sohn verloren hat. Nun erscheint er ihr als Geist.
Gefühlvoll und atmosphärisch baut sich die Geschichte auf und kann den Zuschauer schnell erfassen. Dazu benutzt der Film nicht nur passend gesetzte Musik zur emotionalen Unterstützung, sondern zeigt auch die Auseinandersetzung mit der Trauer bei den Zurückgebliebenen in den Gesprächen und Rückblicken. Man kann zwar im Laufe der Geschichte das Ende erahnen, das hindert aber nicht daran, mit den Charakteren mitzufühlen.

8) The Mohican Comes Home (Mohican kokyo ni kaeru)

The Mohican Comes Home
© 2016 “The Mohican Comes Home” Production Partners, LLC

The Mohican comes Home ist eine Komödie über eine Familienzusammenführung mit melancholischem Touch, da das Thema Tod mit behandelt wird.
Der Film schafft es trotz des traurigen Themas lustige Szenen zu schaffen, bei denen man lachen muss. Situationskomik steht hier im Vordergrund. Dabei sind dies vor allem gegen Ende oft Szenen, die man wohl auch aus realen Situationen mit schwerkranken Leuten kennt. Man schaut den Film des Öfteren mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Herausragend ist hier die Leistung von Akira Emoto, der den todkranken Vater spielt.

9) Three Stories of Love (Koibitotachi)

three stories of love
© 2015 “Three Stories of Love” Production Partners

Drei Menschen, die Probleme in ihrem Liebesleben haben und deren Umgang mit der Situation, stehen hier im Mittelpunkt. Zum einen verfolgt der Film das Leben eines Brückenpfeilerbauers, dessen Frau einer Schießerei auf offener Straße zum Opfer gefallen ist. Er versucht, den Verlust zu verarbeiten. Daneben muss ein Anwalt mit den unerwiderten Gefühlen zu seinem langjährigen Kumpel leben, der sich von ihm distanziert. Als letztes lebt eine junge Frau in einer eintönigen Ehe mit ihrem Chef im Haus der Schwiegermutter. Sie trifft zufällig auf einen neuen Nachbarn im Dorf und hofft damit auf eine Veränderung in ihrem Leben.
In ruhigen Bildern kommen hier die Alltagsprobleme der drei Hauptcharaktere zum Vorschein. Dabei entwickelt sich die Geschichte nur gemächlich. Sie wirkt sehr realitätsnah.

10) Daisuke Hosaka Special mit zwei Filmen dieses Regisseurs:
1. Thank You, Mom (Okasan, arigato)

Daisuke Hosaka Special Thank You Mom
© 2015 “Thank You Mom” Production Committee

Dies ist eine kurze Komödie über eine Robotermutter, die in einen Haushalt kommt, bei dem Vater und Sohn lange Zeit alleine gelebt haben. Hier baut der Regisseur auf die eigene Erfahrung auf, nach dem Tod der Mutter alleine beim Vater aufgewachsen zu sein. Er wollte sich ausmalen, wie es ist, wenn eine Robotermutter im Haus erscheint.

2. Be the world for her (Sekai wa kanojo no tame ni aru)

Daisuke Hosaka Special Be the World for her
© 2004 “Be the world for her” Production Committee

Be the world for her handelt von einem Schülerpärchen, bei dem der Junge plötzlich übernatürliche Kräfte entwickelt und verschwindet. Das Mädchen glaubt aber nicht an seinen Tod und macht sich auf die Suche nach ihm.
Dies ist die Abschlussarbeit des Regisseurs, die er zehn Jahre vor dem zuvor gezeigten Film schrieb. Ein halbes Jahr erarbeitete er das Drehbuch, einen Monat wurde gefilmt. Hosaka erhielt für den Film einen Zuschuss der Universität. Insgesamt kostete der Dreh 20000 Euro. Da Hosaka wohl viel für seinen ersten Langzeitfilm geplant hat, wurden viele Genres eingebaut. Gedacht war es als Sci-Fi-Romanze, bei dem ein Pärchen unter widrigen Umständen auseinander gerissen wird, aber wieder zueinander finden möchte. Eingebaut wurde eine Romanze zwischen Schülern, kombiniert mit einer Mobbingthematik, Entführung, Cyborgs, Kämpfe zwischen denselben, eine Geschlechtsumwandlung, eine Vergewaltigung sowie Zeitreisen.

11) Being Good (kimi wa iiko)

being good
© 2015 “Being Good” Film Partners

Being Good erzählt in ruhigen und realitätsnahen Bildern drei Geschichten, in denen Gewalt und Ausgrenzung in Familie und Schule beschrieben werden.
Meistens ohne musikalische Untermalung oder umgeänderte Umgebungsgeräusche zeigt der Film die drei Geschichten in einer Weise, als stehe man neben den Charakteren. Genauso geben auch die Schauspieler eine sehr realistische Wirkung von sich. So kann man sich gut in die Ereignisse einfühlen.

12) Good Stripes

good stripes
© 2015 “Good Stripes” Production Committee

Die melodramatische Romanze beschreibt die Hochzeitsvorbereitungen eines Paares, das schon kurz vor der Trennung stand und aufgrund einer Schwangerschaft entscheidet, doch beieinander zu bleiben.
Da der Film mit nur sehr wenig Budget auskommen musste, ist er mit einem 66 mm Film und insgesamt nur 10 Mitgliedern gedreht worden. Dazu konnten die Szenen nicht oft wiederholt werden. Das merkt man dem Film an.
Regisseurin Yukiko Sode wollte eigentlich etwas zynischer sein, schwächte aber die Thematik ab, nachdem sie selbst geheiratet hatte. Im Gespräch mit ihr erklärte sie, dass in Japan viele Großstädter sich in den Hauptcharakteren wiederfanden. Das bezieht sich sowohl auf das Thema Hochzeit als auch auf verlorene Hoffnungen, nach dem Zuzug aus dem Land in die Stadt.
Heirat nach recht kurzer Zeit wird nach Erfahrungen der Regisseurin in Japan als normal angesehen. Vor allem bei Schwangerschaft ist es das übliche Procedere. Es gibt nur wenige Leute, die Kinder haben oder lange Zeit liiert sind, ohne zu heiraten. Der etwas plumpe Antrag des Hauptcharakters wird hingegen unterschiedlich betrachtet. Junge Leute sind nicht davon angetan, ältere ab ca. 30 finden die Art des Antrags dagegen passend.
Der Name Good Stripes kommt einerseits von den roten und weißen Streifen bei einer Hochzeit. Andererseits soll der Gedanke widergespiegelt werden, dass durch eine Hochzeit sich das Leben nicht vollkommen ändert, wie viele erwarten, sondern dass jeder sich selbst weiter leben kann.

13) Hibana

Hibana
© Netflix Japan

Hibana war die einzige Serie im Programm der Nippon Connection. Wer wollte konnte alle zehn Episoden betrachten, wobei Episode 7-10 Weltpremiere feierten. Die Serie erzählt die Geschichte zweier Stand-up Comedians, sogenannten Manzai.
Manzai ist eine japanische Comedy, die im Osaka Dialekt gesprochen wird. Innerhalb der zehn Folgen geht Hibana die Höhen und Tiefen der beiden Männer über zehn Jahre hinweg ein. Die Geschichte basiert auf dem bekannten und preisgekrönten Buch „Hibana“, dessen Autor selbst ein Comedian ist.

14) Ryuzo and the seven henchmen (Ryuzo to Shichinin no Kobun tachi)

© 2015 "Ryozo and the seven henchmen" Production Committee
© 2015 “Ryozo and the seven henchmen” Production Committee

Hier erzählt Regisseur Takeshi Kitano eine Gangsterkomödie über pensionierte Yakuza, die aus Langeweile eine neue Familie gründen und sich gegen Jungkriminelle behaupten wollen.
Damit schneidet der Film auch das Thema der alternden Gesellschaft und den Problemen zwischen neuer und alter Generation an. Schwarzer Humor herrscht vor allem gegen Ende vor. Obwohl die Geschichte von Yakuza handelt, sieht man keine blutigen Szenen. Die einzige ansatzweise blutige findet man am Ende. Diese wird aber gleichzeitig noch ins komische gezogen.

Bis auf den Ausreißer Be the World for Her waren alle diese Filme gut anzusehen. Man muss nur bedenken, dass manche mit einem sehr niedrigen Budget gedreht wurden und daher nicht anderen Serien- oder Großproduktionen auf technischer Seite das Wasser reichen können.

So findet man immer wieder wackelnde Kameras, was in manchen Situationen störend wirken kann. Bei Good Stripes war das Budget sogar so niedrig, dass nur ein Lichttechniker anwesend war und nur bis zu 3 Takes gemacht werden konnte. Dies merkt man, wenn das Bild manchmal zu über- und unterbelichtet ist. Auch können so die vielleicht etwas teilnahmslos wirkenden Mimiken entstanden sein.

Die schauspielerische Leistung war aber in der Regel gut. Sie haben in vielen Filmen die Charaktere wirkungsvoll und glaubwürdig wiedergeben können. Zwei Schauspieler sind mir dabei besonders aufgefallen: Hauptcharakter Hiroki Hasegawa aus Love & Peace sowie Nebencharakter Akira Emoto aus The Mohican Comes Home. Beide haben im Laufe des Films eine körperliche Wandlung gezeigt, die in Mimik und Gestik sehr beeindruckend dargestellt wurde. Entsprechend den Rollen waren Hasegawas natürlich mehr überzogen. Die Leistung der Kinder, die in Being Good im Vordergrund stehen, sind auch nicht zu verachten.

Zudem ist die musikalische Untermalung sehr unterschiedlich umgesetzt. Sie reichen von fast vollkommen fehlender Musik bei Being Good bis zu viel Musik in, zum Beispiel, Hibana. Dabei kann man das Fehlen von Musik bei ersterem wohl als stilistisches Mittel sehen, um den Zuschauer als direkten Betrachter an das Geschehen zu bringen. Während in anderen Situationen die Musik als emotionale Unterstützung dienen soll.

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