Ghost in the Shell – Das Cyberpunkuniversum erobert das Kino

Ah, ja. Live Action Anime Adaptionen. Wer sich an Dragonball: Evolution erinnert, dem läuft vermutlich bei diesen Stichworten ein kalter Schauer über den Rücken. Wer sich nicht erinnert – super, die Stunden beim Therapeuthen haben sich gelohnt! Hat man die Hoffnung für Realverfilmungen noch nicht aufgegeben und möchte seine Helden in Fleisch und Blut bestaunen, bekommt man am 30. März Nachschub in Form eines weiteren Branchenriesen: Ghost in the Shell kommt ins Kino.

Story

Ghost in the Shell
Ghost in the Shell © Paramount Pictures

Wir befinden uns in der nahen Zukunft. In den kommenden Jahrzehnten entwickelt sich die Robotik und Biotechnik rasant weiter und mit ihr verändert sich das Bild unserer Gesellschaft. Menschen lassen Körperteile wie Augen, Arme oder Beine durch maschinelle und leistungsfähigere Bauteile ersetzen und werden so zu Cyborgs.

Die Cyberkriminalität erfährt einen Boom, der Schwarzmarkt um Androiden und Informationen entsteht. Niemand ist sicher, wenn alle vernetzt sind. Um dem entgegenzuwirken, entsteht in den Selbstverteidigungsstreitkräften Japans die Sektion 9, eine Art Anti-Terroreinheit, die neben der Polizei existiert und auf Cyberkriminalität spezialisiert ist.

Motoko Kusanagi, genannt Major, ist die beste Kämpferin der Sektion 9 und besteht nur noch aus ihrem Gehirn, ihr gesamter restlicher Körper ist eine Maschine. Damit ist sie die Erste, die sich erfolgreich in diesem Maß umbauen ließ. Grund hierfür war ein Terroranschlag, bei dem ihre Eltern verstarben und sie zu schwer verletzt wurde, um ihre restliche menschliche Hülle zu retten. Ihr neuer Hightech-Körper ist extrem leistungsfähig und seit nunmehr einem Jahr verrichtet sie gute Dienste als das Ass der Sektion 9.

Allerdings stellt Major zunehmend ihre Menschlichkeit infrage und zweifelt an der Existenz ihres Ichs. An diesem Punkt kommt ein neuer Fall auf, in dem ein Hacker wichtige Industrielle der Firma Hanka Robotics überfällt. Er scheint in der Lage zu sein, den Gehirn seiner Opfer zu Hacken, womit er Zugriff auf all deren Erinnerungen erhält und diese nach belieben umschreiben kann. Sektion 9 wird eingeschaltet und Major ermittelt mit ihrem Kollegen Batou in dem Fall.

Genre und Visuals

Als 1989 Zurück in die Zukunft II in die Kinos kam, wurden uns für das Jahr 2015 Hoverboards prophezeit. Daraus ist ja leider nichts geworden. Im selben Jahr erschien damals auch die Mangavorlage von Ghost in the Shell in Japan, welche im Jahr 2029 spielt. Mal sehen ob sich diese Zukunftsvision bewahrheitet. Die Welt, in der Ghost in the Shell spielt, trieft aus allen Poren pursten Cyberpunk.

Der Film fängt dieses Umfeld, welches der Manga und dessen Animeadaptionen so meisterhaft dargestellt haben, wunderbar ein. Die Stadt, in der sich Major und ihre Kollegen der Sektion 9 bewegen, bekommt auffallend viel Aufmerksamkeit und wird in vielen Szenen detailverliebtheit dargestellt. Man nimmt dem Film die Gegebenheiten der Zeit und Welt, in denen er spielt, sofort ab und fühlt sich in sie hineingezogen. Visuell sind die 107 Minuten Laufzeit eine Augenweide für Fans des Originals und Cyberpunkfans generell.

Im Gegensatz zum Animefilm von 1995 wird auch Wert darauf gelegt, die dreckige Realität im Untergrund der Stadt zu portraitieren. Szenen in schmutzigen, triefenden Kellern, Gassen und verfallenen Häusern fügen sich wunderbar in das Gesamtbild der Welt ein und erkunden glaubwürdig auch eine sehr häßliche Seite der sonst hochtechnischen, glänzenden Zukunftsvision. Selbst ein Zebrastreifen wird durch die Projektion eines Hologramms auf den Asphalt geworfen, Werbung ist allgegenwärtig und faszinierend dargestellt, indem sie inmitten der Straßen Gestalt annimmt.

Über das CGI kann man kaum meckern, und eindrucksvolle Practical Effects gab es schon an den Robo-Geishas im Trailer zu bestaunen. Das starke Opening, inspiriert vom Anime von 1995, bei dem der Ikonische Soundtrack spielt, macht sofort Lust auf mehr, allerdings erreicht die musikalische Untermalung während des Films nicht nochmal einen solchen Höhepunkt und verschwimmt mit dem Hintergrund.

Charaktere

Wie kennern des Franchise bereits aufgefallen sein sollte, wurde die Geschichte um den „Puppenspieler“ vom Anime aus 1995 gewoben, jedoch an vielen Stellen abgeändert. Die ikonischsten Szenen sind alle geblieben, der Antagonist jedoch hat sich jedoch stark geändert, genau wie seine Motivation. Leider fällt diese etwas flach aus und beinhaltet zu allem Überfluss auch Plotholes.

Die Beziehungen zwischen Major, gespielt von Scarlett Johansson, und ihrem Kollegen Batou, dargestellt durch Pilou Asbæk, ist ähnlich wie in der Vorlage. Major öffnet sich ihm ein wenig, und Batou zeigt offen Sympathie zu seiner Partnerin. Leider gibt es nicht viele tiefgreifende Gespräche zwischen ihnen, denn alle Bedenken Majors bezüglich ihrer Menschlichkeit werden mit ihrer „Ärztin“, das bedeutet Wartungsbeauftragten, ausgetragen. Was am Anfang noch in interessante Anmerkungen resultiert wie „Wie gehts dir da drin?“ endet leider nach dem dritten Treffen in unangenehm langatmigen Meinungsverschiedenheiten über dasselbe Thema. Die sich wiederholende Szene wirkt aufgesetzt und verläuft sich in uninspirierenden Onelinern.

Eine wunderbare Besetzung des Films ist Takeshi Kitano als Daisuke Aramaki, Leiter der Sektion 9. Seine Präsenz und Ausstrahlung auf der Leinwand ist beachtenswert. Auch Asbæk als Batou macht einen wunderbaren Job und scheint wie für die Rolle gemacht zu sein, nicht nur vom Aussehen, sondern auch in seiner verlässlichen und vertrauenswürdigen Art. Scarlett Johansson bringt den Cyberpunk-feel gut rüber und ist auch ein guter Cast. Der Kompromiss zwischen dem manchmal lustigen Manga und sehr ernsten Anime von 1995 gibt Raum zur Interpretation des Charakters Major was auch wunderbar von Frau Johansson ausgespielt wird.

Für wen lohnt sich der Kinobesuch?

Die Realverfilmung von Ghost in the Shell kann auf eigenen Beinen stehen und verlangt kein Vorwissen vom Zuschauer. Zwar ist sie nicht die Offenbarung, die man sich als Fan des Franchise wünscht, allerdings ist sie auch nicht die Enttäuschung, die man befürchtet hat. Der Cast ist dabei nicht das Problem, sondern Teile der Story sowie einige sehr schwache Szenen.

Gerade die Ärztin von Major ist ein ziemlich stumpfes Plotdevice. Dabei hat der Film auch eine Szene, in der Major sich mit einer Prostituierten, die 100% menschlich ist, unterhält und ihr über die Lippen streicht. Hier lag so viel Feingefühl in den wenigen Sätzen die gesprochen werden, dass man sich fragt, warum sich die Szene mit der Ärztin immer wiederholen muss. Auf der Seite der Bösewichte sind die Motivationen leider etwas flach ausgefallen und wirken uninspiriert, Plotholes machen das Gesamtbild leider auch nicht besser.

Im Gegensatz dazu strotzt die Welt an sich aber vor Charakter. Die Stadt und das Setting sind auf den Punkt gebracht und lassen das Herz eines jeden, der mit Cyberpunk etwas anfangen kann, höher schlagen. Die Fans der Anime- und Mangavorlage kommen auch auf ihre Kosten, denn alle ikonischen Szenen des ersten Anime sind auch bei der veränderten Story eingewoben worden und sehen allesamt sehr eindrucksvoll aus.

Ein Sequel biedert sich zwar nicht direkt an, es gibt allerdings noch einige Punkte im Film die unergründet bleiben und viel Raum für mehr lassen. Und dagegen gibt es nichts einzuwenden, denn der Film ist ein Augenschmaus und, wenn man über einige Stolpersteine in der Story hinweg sehen kann, den Besuch im Kino allemal wert.

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