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HomeMovie & TVNetflix-Show “Old Enough” begeistert Zuschauer weltweit und regt Diskussionen über Erziehung an

Wenn Vorschulkinder den Einkauf erledigen

Netflix-Show “Old Enough” begeistert Zuschauer weltweit und regt Diskussionen über Erziehung an

Hiroki ist zwei Jahre und neun Monate alt, als er das erste Mal allein zum Einkaufen in seiner japanischen Heimatstadt geschickt wird. Das Ziel: Zutaten für Mamas Curry und ein Strauß Blumen für den Hausaltar. Den Kilometer bis zum Geschäft, samt Überqueren einer befahrenen Straße, läuft Hiroki nicht allein. Immer dabei ist ein Fernsehteam. Denn Hiroki ist, ohne es vielleicht wirklich zu wissen, mittendrin in der Fernsehproduktion “Old Enough”, die seit kurzem auf Netflix verfügbar ist.

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Dreißig Jahre lang war “Old Enough” in der Welt weitestgehend unbekannt. Doch seit 1991 begeistert die Serie des TV-Senders Nippon Television das japanische Fernsehpublikum. Dort heißt sie “Hajimete no Otsukai” – in etwa “Der erste Auftrag”. In ihr schicken Eltern ihre Vorschulkinder auf verschiedene Botengänge. Mal müssen Einkäufe erledigt, mal Früchte vom Nachbarn geholt werden. 74 Folgen der Show wurden mittlerweile ausgestrahlt.

Kann man einen Zweijährigen allein einkaufen schicken? “Old Enough” sagt: Ja.

Wenn die Sendung lief, schalteten gut ein Fünftel der japanischen Fernsehzuschauer sie ein. Grund genug, die erfolgreiche Show auch über die Grenzen Japans zu transportieren. Dieses Jahr kam “Hajimete no Otsukai” darum unter dem Namen “Old Enough” auf Netflix heraus und wurde zum globalen Phänomen. Für die weltweite Veröffentlichung hatte man das bestehende Material zu zwanzig Folgen mit einer Länge von jeweils etwa zehn Minuten neu zusammengeschnitten. In 190 Ländern und mit Untertiteln in 32 Sprachen ist die Sendung nun verfügbar. Und wird im Internet und in Medien viel diskutiert.

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Die zentrale Frage: Darf man Kinder in einem so jungen Alter allein zu Besorgungen losschicken? Würde man es den eigenen Kindern zutrauen? Die britische Tageszeitung The Guardian formulierte es besonders provokant, als sie titelte: “’Old Enough’: the Japanese TV show that abandons toddlers on public transport”. Werden hier also Kleinkinder im öffentlichen Nahverkehr “ausgesetzt”? Mitnichten, und das stellt letztlich auch der Guardian fest. Vielmehr sei es gerade die besondere Eigenschaft der Sendung, das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken, aber auch das Vertrauen der Erwachsenen in sie.

Ein engmaschiges Sicherheitsnetz, unsichtbar für Kinder und Publikum

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Alleingelassen wird keines der Kinder, die in “Old Enough” auftreten. Das Filmteam prüft vorher die geplanten Routen, spricht sich mit Experten und Polizei, um die Sicherheit der kleinen Botengänger zu gewährleisten. Eltern und Produzenten gehen die Wege gemeinsam ab, wirklich gefährliche Straßen sind tabu. Auch Nachbarn und Anwohner entlang der Strecke, ebenso wie Angestellte in Geschäften, sind informiert, damit sie nicht im Angesicht eines allein umherwandernden Kleinkindes die Polizei rufen.

Wenn also der kleine Hiroki sich über ein am Straßenrand stehendes Polizeiauto freut und die Zuschauenden zum Lachen bringt, weil er sich erstmal durch alle anderen ihm bekannten Autos arbeitet – “Feuerwehrauto? Krankenwagen?” – bis er auf “Polizeiauto” kommt, dann ist die Präsenz dieses Wagens keineswegs nur Zufall. Auch unter die immer mal wieder im Bild erscheinenden Passanten haben sich Mitarbeitende der Produktion gemischt, um aufzupassen. Und nicht zuletzt ist selten ein Kameramann mehr als zwei Meter von den Kindern entfernt. Sicherheit geht vor – der Spruch, den man an jeder japanischen Baustelle findet, hat auch hier oberste Priorität.

Teil des Charmes der Sendung ist auch, dass sie nicht zu verstecken versucht, dass die dargestellten Situationen nicht vollkommen unbeeinflusst sind. Da sieht man dann auch mal, wie ein Mann mit Kamera auf der Schulter in gebückter Haltung dem kleinen Hiroki durch die Regalreihen des Supermarkts folgt. Allein ausgesetzt sind die Kinder also nicht – doch außer in Notfällen greifen die informierten Erwachsenen nicht ein. Wenn eines der Kinder etwas vergisst oder sich minutenlang ablenken lässt, dann wird das zugelassen.

Die Macher der Sendung schaffen also eine Situation, in der die Kinder in Sicherheit sind, gleichzeitig aber ihre Selbständigkeit beweisen müssen und einen erfolgreich durchgeführten Gang auch als persönliche Leistung verbuchen können. Entsprechend stolz sind die Eltern am Ende der Folgen, selbst wenn das ein oder andere Missgeschick dazu gehört.

Empowerment oder Erniedrigung der Kinder – die Meinungen gehen auseinander

Die US-amerikanische Time bringt es auf den Punkt, wenn sie sinngemäß sagt: Old Enough ist eine erfreuliche Erinnerung daran, dass man auch noch über die alltäglichen Aktivitäten staunen kann – wenn man sich nur die Zeit dafür nimmt und genau hinsieht. Insbesondere in den USA gingen mit der medialen Betrachtung der Sendung auch Diskussionen über die Erziehung einher.

Trevor Noah, Host der Satiresendung The Daily Show bezeichnete die Serie als einen seiner Favoriten. Er warf aber auch die Frage auf, ob amerikanische Eltern ihren Kindern genug Freiheiten lassen. Schließlich legten einige von ihnen ihren Kindern Leinen an, während ihre Hunde frei herumtollen könnten. Für viele Zuschauende in den sozialen Medien ist die Show eine ermutigende Botschaft über die Fähigkeiten, die Kleinkinder haben, wenn man ihnen den Freiraum gibt, sich zu entwickeln und auszuprobieren. Und eine Erinnerung daran, Freude an den kleinen Dingen des Lebens zu haben.

Auch im deutschen Sprachraum ist man sich uneinig darüber, wie man die Sendung betrachten soll. Die Berliner Morgenpost etwa bezeichnete “Old Enough” als “Skandal-Show” und zitierte eine Schweizer Kinderpsychologin. Die befürchtete, Eltern könnten versuchen, mit ihren eigenen Kleinkindern entsprechende Experimente durchzuführen. Auch wenn vorgeführt werde, wie eines der Kinder in der Aufregung etwas vergisst, sei das bedenklich. Ob der kleine Hiroki nun mitbekommt, wenn ein paar deutsche Netflix-Benutzer sich über seine Vergesslichkeit amüsieren, bleibt dahingestellt.

Ganz sicher lassen sich die Ansätze von “Old Enough” nicht ohne weiteres auf etwa Deutschland übertragen. Die Show funktioniert in Japan durchaus auch aufgrund der dort bestehenden sozialen Strukturen und des Umgangs miteinander, aber eben auch, weil man sich über einige Aspekte, die in westlichen Medien besorgt diskutiert werden, wenig Sorgen macht. Umsetzungen des Formats in den USA oder in Europa sind daher in nächste Zeit nicht zu erwarten. In Vietnam, China, Singapur und Südkorea aber laufen nationale Versionen der Sendung bereits erfolgreich im Fernsehen.

Ursprungsfirma Nippon Television war beeindruckt von den weltweiten Reaktionen auf die Sendung. “Als wir die Sendung produzierten, hofften wir, unsere Zuschauer aufzumuntern, während sie den Kindern zusehen, die ihr Bestes geben”, sagt Produzent Naoko Yano. “Außerdem ist es Thema unserer Sendung, Gegenden im ganzen Land, von Küste zu Küste, aufzunehmen. Ich denke, die Zuschauer mögen sie auch darum, weil sie die landschaftlichen Besonderheiten und das Alltagsleben in Japan sehen können.”

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