Hardrock meets Hentai – Ein Interview mit Ryuketsu Blizzard

Ryuketsu Blizzard, das sind Sänger Juda, Gitarristin Milly Bison, Drummer Sexy Dynamite Pussy Galore und Bassist Madbomber Benimaru.
Die extravaganten Namen der Mitglieder passen perfekt zu ihrer teils schockierenden, teils wahnsinnig komischen Bühnen-Performance. Vor zehn Jahren, im März 2006 gegründet, hat die Band viele Mitglieder-Wechsel erlebt. Heute treffe ich mich mit der Gitarristin Milly Bison und dem Sänger Juda – die beiden kommen ursprünglich aus Kansai, Osaka und Kobe und es dauert eine Weile bis ich mich an ihren etwas fremden Akzent gewöhnt habe.

Als ich die Gitarristin und den Sänger von Ryuketsu Blizzard auf ein Bier in einem kleinen Restaurant für ein kurzes Interview einladen möchte, gibt es schon die ersten Probleme.
Wir nehmen gerade Platz und sofort bittet man uns leise zu sein.
Dabei haben wir noch nicht einmal ein Wort miteinander gewechselt.

Aber die Musiker, die mich begleiten, wirken mit ihren bunten Haaren, schrillen Kostümen und dem erschreckenden Make-up so, als würden sie das Bier sofort hinunter stürzen und danach das Glas laut lachend am Tisch zerschlagen.

Die Bedenken der Bedienung sind jedoch völlig unbegründet. Denn während des Interviews entpuppen sich Milly Bison und Juda als die freundlichsten und lustigsten Shock-Punker, die ich jemals kennen lernen durfte.

Diese Band ist bekannt dafür, ihr Publikum während des Konzerts mit Nudeln, Brot und (unbenutzten!) Monatsbinden zu bewerfen. Sänger Juda zieht sich zum Ende des Konzerts meist komplett aus und rutscht gerne mit Marmelade, Majonäse oder Ei beschmiert durch die Konzertsäle.
Verzeichnet sind Ryuketsu Blizzard beim Satsugai Enka Vinyl Label, dem Musik-Label Japans, dem man nachsagt, dass es nur Bands vermarktet, die katastrophal genug sind, auch die letzten Käufer zu verschrecken.

Was kann ich die Mitglieder solch einer Band also fragen? Ich beginne mich langsam bei einem Bier vorzutasten.

Das ist wahrscheinlich das erste Mal, dass ein deutschsprachiges Publikum von Ryuketsu Blizzard hört. Könnt ihr euch kurz vorstellen und uns erklären, welche Art von Musik ihr spielt? 

Juda: Ich bin Juda, der Sänger von Ryuketsu Blizzard, die Nr. 1 aus Kansai.
Milly: Ich bin die katastrophale und dreckige Gitarristin Milly Bison. Wenn man den Sound meine Gitarre hört, wird man verrückt. (lacht)
Juda: Wir spielen eigentlich alles, von Shock-Punk bis Hardrock, bis Garage Rock, aber auch 70er Jahre Rock. Animes wie “Hokuto no Ken” gehoeren zu unserer “außermusikalischen” Inspiration. Ausserdem sind wir eine Idol-Band, wir tanzen auch.
Das alles bezeichnen wir als “I love me!”-Band-Konzept.

“I love me?” (lacht) 

Juda: Alle singen immer davon, dass sie jemanden lieben – “I love you”, das ist doch langweilig! Das will keiner hören. Wenn ich ehrlich sein soll – ich finde mich am besten, ich achte am meisten auf mich und wenn die Welt um mich herum zerbricht und all meine Freunde sterben ist mir das auch egal, weil ich hab ja noch mich selbst.
Milly: Meinst du nicht, dass die deutsche Leserschaft uns dafür jetzt hassen könnten?

Ich glaube, wir Deutschen finden so ein bisschen Egozentrik ganz okay! (lacht)
Ist diese Ehrlichkeit durch eure Herkunft begründet? Man sagt ja immer, dass Menschen aus Kansai offener und ehrlicher sind als die etwas verschlossenen Tokyoter…

Milly: Das kann gut möglich sein. Ich komme aus Osaka und der da (auf Juda zeigend) kommt aus Kobe. Wir wollen frei artikulieren, was wir denken und uns nicht verstellen. Das ist vielleicht etwas anders als das, was man hier in Tokyo kennt. Und das liegt auch unserem Band-Konzept zu Grunde.

Juda malt sich ja gerne seine Muskeln mit Filzstift auf die Brust und ihr beendet eure Konzerte meistens mit dem Tanz-Pop-Song “I love me”, wo ihr das Publikum auffordert, mit zu tanzen. Warum habt ihr euch dazu entschlossen, Hardrock und Comedy zu mixen? 

Juda: Ich habe mich in der Mittelstufe schon für Manzai (japanische Comedy) interessiert. Meine Jugend bestand aus Comedy und Punk-Musik. Für mich waren die Sex Pistols auch immer eher eine komische Band, sowie man die ganze Punk-Szene nicht ernst nehmen kann.  Beides zu vereinen war für mich von Anfang an klar: da Punk und Comedy das sind, was mich ausmachen kann ich nur in beidem einen guten Entertainer darstellen.
Milly: Vielleicht liegt das auch wieder daran, dass wir aus Kansai kommen. Man sagt ja, dass die besten Comedians aus Japan aus dieser Gegend stammen.
Andererseits ist Hardcore und Rock auch ein ziemliches krasses Genre, da muss man mit Witz rangehen, damit man sein Publikum nicht gleich verschreckt.

Was macht ihr um euer Publikum nicht zu verschrecken, damit sie immer wieder zu euren Konzerten kommen? 

Juda: Ich lade ein paar ältere Omis ein und ziehe mich dann komplett nackt aus. Wer mich einmal nackt gesehen hat, der kommt immer wieder. (lacht)
Milly: Und ich gehe ja grundsätzlich nur im Tanga auf die Bühne. Wir bieten Hentai-Entertainment für jedes Geschlecht an.

Um noch einmal auf den Osaka/Tokyo Unterschied zurück zu kommen – fühlt es sich auch anders an, wenn ihr in diesen Städten Konzerte gebt? 

Juda: Definitiv. Die Leute in Osaka sind etwas freundlicher, offener, die Mosh-Pits sind aber auch aggressiver und emotionaler. Manchmal werden wir von den Fans auch einfach zum Grillen eingeladen. (lacht)
Das passiert in Tokyo seltener.
Milly: … oder man gibt uns Tipps uns zu unserer Musik! (lacht)

Wie geht ihr mit plötzlichen technischen Problemen oder Outtakes auf der Bühne um? Ich erinnere mich daran, dass ihr öfter Stage-Diving macht…

Juda: Wenn etwas schief läuft, flüchte ich hinter die Bühne, schminke mich ab, misch mich unters Publikum und buhe die Band aus. Dann geh ich nach Hause.

In letzter Zeit wart ihr ja auch öfter im japanischen Fernsehen zu sehen. Wie war dieser Erfahrung für euch? 

Juda: Das war super. Es gab ein Buffet und man lernt echte Berühmtheiten kennen. (lacht)
Milly: Das Fernsehen gibt uns die Möglichkeit in ganz Japan gesehen zu werden. Wenn man nur Live-Shows in kleinen Städten spielt, kommen meist nur die Leute, die einen schon kennen. Durch das Fernsehen haben wir sogar erreicht, dass Zuschauer kamen, die noch nie vorher von uns gehört haben. Darüber haben wir uns sehr gefreut.

Fernsehen ist ja schon ein grosser Schritt, was sind eure weiteren Zukunftspläne? 

Juda: Wir wollen auf jeden Fall ins Ausland und dort Live-Shows spielen. Wir waren schon in Taiwan auf einem Festival, aber demnächst wollen wir auch nach Amerika und Europa. Sehr gerne auch nach Deutschland.
Milly: Zur Zeit kann man für uns voten, wir haben an einem Auswahl-Verfahren für japanische Bands teilgenommen, die in Kanada live auftreten können. Wir würden uns natürlich freuen, mehr internationale Fans zu haben.
Und nach Kanada gehts dann hoffentlich gleich nach Deutschland. (lacht)

Was können internationale Fans wiederum tun, wenn sie euch in Japan live sehen wollen? Wie kann man Zugang zu euren Live-Shows bekommen? 

Milly: Es gibt zwei Möglichkeiten – man kann entweder eine Mail an die Konzerthallen schicken oder direkt an uns unter ryuketsu.blizzard@gmail.com

Name, Datum des Konzerts, Name des Veranstaltungshauses und Anzahl der Tickets als Angaben reichen. Dann reservieren wir sofort. Anfragen in Englisch sind möglich – an meinem Deutsch muss ich jedoch noch arbeiten… (lacht)

Habt ihr zum Abschluss noch eine Nachricht an unsere deutschen Leser?

Juda: Ich will auf jeden Fall nach Deutschland. Nicht nur für die Konzerte. Auch für die schönen Frauen.
Zu unseren Europa-Konzerten brauchen dann nicht nur Omis kommen, ich möchte gerne jedem Zuschauer meine Männlichkeit zeigen…
Sag mal, was machst du eigentlich nach diesem Interview?

An dieser Stelle breche ich das Gespräch ab und bedanke mich recht herzlich bei Milly Bison und Juda für ihre Zeit. Mehr Infos zu Ryuketsu Blizzard findet man auf ihrer Website und ihren Twitter-Accounts.
Ihr neustes Video “Mirai no Star” kann man auf Youtube finden.

Kein deutsches Bier, trotzdem sagen die beiden “Proost!”