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Die Zwangsprostitution durch die japanische Armee

Die verschwiegenen deutschen „Trostfrauen“

Als die sechzehnte japanische Armee in der Nacht vom 28. Februar 1942 auf Java – der Hauptinsel der Kolonie Niederländisch-Indien – landete, konnte eine Gruppe deutscher Frauen und Mädchen in der Regentschaft Blora der methodischen Vergewaltigung nicht entkommen.

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Das geheime System der Zwangsprostitution läuft bereits zehn Jahre in allen von Japan eroberten Gebieten. Seit der Invasion in der Mandschurei und China hatte das japanische Armeekommando die Öffnung von Armeebordellen unter strenger Kontrolle gefordert: um Vergewaltigungen zu verhindern, eine Verbreitung von Geschlechtskrankheiten einzudämmen und ihre Truppen zufriedenzustellen. Trotz dieses Systems machten sich japanische Soldaten noch immer der Vergewaltigung als Kriegsverbrechen schuldig, insbesondere bei der Invasion in neue Territorien.

Deutsche Frauen in Ost-Java wurden zu Trostfrauen

In der Region von Blora, Ost-Java, fungierten die Soldaten der 48. Einheit als Stoßtruppen. Am 2. März trieben sie eine Gruppe deutscher Männer, Frauen und Mädchen in ein Privathaus. Alle niederländischen Gefangenen wurden zusammen mit einer ungarischen Ärztin in einer Arztwohnung beim Nothospital eingeschlossen.

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Obwohl Deutschland und Ungarn zu den Achsenmächten gehörten, wurden Staatsbürger dieser Länder von Japan als freundliche Feinde betrachtet. Das besiegelte das Schicksal all dieser Frauen. Tag und Nacht wurden sie vergewaltigt, wie mehrere Opfer nach dem Krieg erklärten.

„Es war eine massenhafte Nonstop-Vergewaltigung, wobei kein Opfer Ruhe bekam. Im Privathaus wurden die deutschen Ehemänner in einem Zimmer, versehen mit einem Fenster mit Gitter, eingesperrt. Die Japaner leiteten die deutschen Damen in ein Zimmer gegenüber und vergewaltigten die Frauen angesichts ihrer jeweiligen Ehepartner.“

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Nachdem die deutschen Frauen und Mädchen in die Arztwohnung gebracht worden waren, funktionierte dieses Gebäude wie ein japanisches Armeebordell. „Jeden Tag kamen Japaner, die eine Frau benötigten. Eine Dame wurde rausgeholt und in einem Zimmer, auf dem Rasen, in der Galerie und oftmals in Anwesenheit von den anderen, vergewaltigt. Wir waren dort mit 30 Frauen und jungen Mädchen.“

„Sogar hatte ein Japaner eine Frau, die auf der Toilette war, nach Eintreten der Tür abgeschleppt, um sie zu vergewaltigen. Es gab Damen, die 19 mal pro Tag vergewaltigt wurden. Es war erschreckend. Mütter wurden im Beisein ihrer Töchter vergewaltigt.“

Tag und Nacht kamen japanische Soldaten

„Sogar ein dreizehnjähriges Mädchen sollte dieses Schicksal erleiden. Tag und Nacht gab es japanischen Besuch mit Vergewaltigungen. Es hörte nicht auf.“

Eine deutsche Lehrerin an einer Missionsschule hatte die Chance das Bordell zu verlassen und bittet den chinesischen Arzt Liem Kiong Wan um Hilfe. Liem weiß genau, was im Gebäude passiert: Sofort nach der Invasion hat ihm der japanische Kapitän Miwa, auf der Suche nach Wohnraum für seine Truppen, befohlen, „eine Wohnung zu reservieren, wo europäische Frauen und Kinder untergebracht werden können, weil alle Männer abgeführt werden.“

Das Gebäude in dem das Tokyo Tribunal stattfand, 1946 (Sammlung: Australian War Memorial)
Das Gebäude in dem das Tokyo Tribunal stattfand, 1946. Bild: Sammlung: Australian War Memorial
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Liem, der aufgrund seines juristischen Status als „Fremder Orientale“ nicht verhaftet wurde, schlug die Arztwohnung vor. Einen Tag später fingen die Vergewaltigungen an, unter anderem von Kapitän Miwa selber, so bezeugte es der chinesische Arzt nach dem Krieg. „Ich hatte keinen Zugang zu dieser Wohnung, aber als ich zusammen mit der Missionsschullehrerin auf dem Wohnungsgrundstück stand, hatte Miwa mich gerufen.“

Als Liem Kiong Wan den japanischen Offizier bat, die Situation zu beenden, befahl Miwa allen misshandelten Frauen zu erscheinen. Er fragte, ob sie die schuldigen Soldaten erkennen könnten. Da das ganz unmöglich war, traf er keine Maßnahmen.

Den nächsten Tag wurden die Opfer getrennt: Die deutschen Staatsbürger wurden zusammen mit der ungarischen Ärztin in einem Hospitalpavillon untergebracht, das „Deutsches Lager“ getauft wurde. Der Missbrauch der niederländischen Frauen und Mädchen ging weiter. „Es war mir verboten, sie zu besuchen“, bezeugte Liem. „Ich hatte ja Zugang zu den deutschen Frauen und konnte ihnen Essen bringen.“

Obwohl das japanische Bordellsystem – aufgrund verpflichtender Kondomverwendung – venerische Krankheiten verhindern soll, erkennt der chinesische Arzt eine Geschlechtskrankheit bei einer niederländischen Frau und zwei siebenjährigen Mädchen. „Es war mir nicht erlaubt das Armeebordell zu besuchen. Deswegen habe ich das Medikament Dagenan und andere Arzneimittel gegeben. Für die niederländischen Frauen und Kinder bestand diese Situation bis zum 4. April weiter. Dann wurden sie zum Internierungslager in Semarang transportiert.“

Keine Verurteilung trotz Beweise

Obwohl einige Vertreter der niederländischen Inneren Verwaltung („Binnenlands Bestuur“) sich des ständigen Missbrauchs bewusst waren, hatten sie keine Hilfe angeboten. Die Angst vor den Kempeitai – einer Art japanischer SS – war zu groß. Auch nach der Befreiung hatten die Regierungsbeamten keinerlei Verständnis für die Opfer gezeigt.

Dem Internationalen Militärgerichtshof für den Fernen Osten (Tokyo Tribunal) – nach dem Vorbild des Internationalen Militärgerichtshofs (Nürnberger Prozesse) errichtet – wurden die Beweismittel 1946 zugeleitet, haben aber nicht zu einer Verurteilung geführt. Die vorbereitenden Unterlagen gaben folgendes an: „Ein Massaker an männlichem Personal ereignete sich auch in Blora, offenbar im Zusammenhang mit dem Abriss der Ölfelder bei Tjepu, Java. Frauen an diesem Ort wurden nicht getötet, aber alle wurden in Gegenwart des kommandierenden Offiziers mehrmals vergewaltigt.“

General Hitoshi Imamura und Generalleutnant Okazaki Seisaburo während des Militärgerichts in Batavia, Java, 1948
General Hitoshi Imamura und Generalleutnant Okazaki Seisaburo während des Militärgerichts in Batavia, Java, 1948. Bild: Sammlung: niederländisches Institut für Militärgeschichte

Im Jahr 1948 wurden General Imamura Hitoshi und Generalleutnant Okazaki Seisaburo vor einem Kriegsgericht, das zeitweilig in Batavia auf Java eingerichtet wurde, angeklagt: „Das häufige und wiederholte, gegen ihren Willen, Zwingen einer Anzahl von weiblichen Personen mit Europäischer Nationalität, sich in fleischliche Gemeinschaft mit den Soldaten der 48. Division zu begeben“.

Seisaburo leugnete alles. „Ich denke, die Aussagen über die Vergewaltigung von Frauen in Blora sind übertrieben. Das Verbrechen der Vergewaltigung war das Verbrechen vor dem in der japanischen Armee am meisten gewarnt worden war; und nach einer Zeugenaussage hatte ein japanischer Kommandant selbst gesagt, dass der Täter dieses Verbrechens nach seiner Identifizierung erschossen werden könnte.“

Imamura bestritt, dass es um Nonstop-Vergewaltigungen ging und lehnte jede Verantwortung ab: „Die Besetzung der eroberten Gebiete erfolgte durch die Armee im Namen des Kaisers Hirohito als Oberbefehlshaber der Armee und nicht in seinem Namen als Regierungschef. Für diese Angelegenheiten war der Kriegsminister als Mitglied des kaiserlichen Hauptquartiers dem Kaiser verantwortlich.“

Mit dieser wichtigen Aussage wies Imamura darauf hin, dass sich die Verantwortung für die Einrichtung von Armeebordellen auf Regierungsebene befand. Weil er jedoch als Oberbefehlshaber der Java-Besatzungstruppen freigesprochen wurde, wurden alle Gerichtsakten und Zeugnisse in der Kolonie Niederländisch-Indien beiseite gelegt.

Anschließend wurden alle Beweise in niederländischen Archiven unter Verschluss gehalten.
Sie werden erst im Jahr 2026 öffentlich zugänglich sein. Nur im Jahr 1992 wurde die niederländische Regierung zur Akteneinsicht gezwungen, als Jan Ruff O’Herne sich als erstes niederländisches Opfer offenbarte: Sie war als junge Frau aus einem Internierungslager in Ambarawa, Ost-Java, geholt und in ein Offiziersbordell in Semarang gebracht worden.

Der offizielle Forschungsbericht von 1994 gibt an, nur „65 weiße, niederländische Frauen seien Opfer der Zwangsprostitution geworden“. Die indo-europäischen (gemischtblütigen) Mädchen, die aus demselben Lager genommen und zu anderen Inseln transportiert wurden, werden hier nicht genannt und sind quasi unsichtbar gemacht.

Dies gilt auch für tausende andere indo-europäische und indigene Opfer (u. a. von Java, Bali, Sumatra, Molukken und Papua), alle niederländische Staatsangehörige. Die Befürchtung der niederländischen Regierung war, dass an möglicherweise tausende Opfer, die den Mut hätten, sich zu offenbaren, eine Kriegsentschädigung hätte gezahlt werden müssen.

Diese fragwürdige Vorgehensweise hatte auch zur Folge, dass alle nicht-niederländischen Opfer auf der Inselgruppe im Verborgenen geblieben sind: koreanische, taiwanesische, englische und australische Frauen neben amerikanischen Krankenschwestern, die auf den Philippinen entführt wurden und in Armeebordellen in Neuguinea endeten.

Dies bedeutet, dass im Jahr 2020 die wahren Fakten über die Größe des japanischen
Zwangsprostitutionssystems und die Anzahl der Opfer und ihrer Nationalitäten noch immer nicht ans Licht gekommen sind.

Hinweis der Redaktion:

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastartikel der niederländischen investigativen Journalistin und Dokumentarfilmerin Griselda Molemans, die über die Geschichte der deutschen Trostfrauen das Buch „Lebenslanger Krieg“ geschrieben hat.

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