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Ein Politiker im Kampf gegen Selbstmord und das Stigma psychischer Krankheiten in Japan

Kanagawa – Hideaki Fujino gehört zu den wenigen Politikern in Japan, die offen mit ihrer psychischen Erkrankung umgehen. Im Gemeinderat von Yokosuka engagiert sich der 43-Jährige unermüdlich gegen Selbstmord und für eine tolerantere Gesellschaft gegenüber psychischen Leiden.

Seit 12 Jahren geht Hideaki Fujino zwischen dem 23. Dezember und dem 03. Januar alleine auf die Straße, um Maßnahmen zur Vorbeugung von Selbstmord zu fördern. Er stellt sich dann vor den Bahnhof oder streift durch die geschäftigen Einkaufsstraßen und ruft mit lauter Stimme: „Es gibt so viele Sorgen, wie es Menschen gibt. Ihr seid jederzeit willkommen, eure Sorgen mit uns zu teilen“. Auf einem Schild in seiner Hand steht mit großen Buchstaben die Nummer der Yokosuka Kokoro no Denwa Telefonberatung geschrieben. Das sogenannte „Herztelefon“ der Stadt gehört zu den wenigen Beratungsstellen, die auch über die Weihnachts- und Neujahrstage kontaktiert werden können.

Fujino weiß, dass es viele Menschen gibt, die sich in diesen Tagen besonders einsam fühlen. Anders als in Deutschland ist Weihnachten in Japan kein traditionelles Familienfest, sondern eher ein Event für Paare und Liebende, die die romantische Stimmung zur Zweisamkeit nutzen. Kurze Zeit später folgt dann das von religiösen Bräuchen und Traditionen geprägte Neujahrsfest, zu dem in der Regel die ganze Familie zusammenkommt und ein paar gemeinsame Tage verbringt. Wer keine Familie hat, der fühlt sich schnell einsam in diesen Tagen. Für Hideaki Fujino ist genau dann die Zeit gekommen, diesen Menschen zu helfen und sie auf Beratungsangebote und Seelsorge-Services aufmerksam zu machen, damit sie sich nicht in ihrem Kummer das Leben nehmen.

Der 43-Jährige weiß, wovon er spricht. In seiner Schulzeit wurde er häufig von Mitschülern gemobbt. Seine damalige Freundin litt an Schizophrenie und um ihr helfen zu können, studierte Fujino Psychologie. Nach dem Universitätsabschluss erkrankte er an einem psychischen Leiden und entwickelte Angststörungen. Das U-Bahn-Fahren fiel ihm zunehmend schwerer und auch enge Räume lösten Panikattacken in ihm aus. Zwar fand er eine Anstellung bei einer großen Filmproduktion, doch der arbeitsbedingte Stress löste Depressionen bei ihm aus. 2002 kam dann der Höhepunkt seines Leidens: Seine an Schizophrenie leidende Freundin nahm sich das Leben.

Fujino, der daraufhin in ein tiefes Loch fiel und selbst mit dem Gedanken spielte Selbstmord zu begehen, hängte seinen Job an den Nagel und wurde Abgeordneter des städtischen Gemeinderats von Yokosuka. Dort setzte er sich für die Errichtung einer kostenlosen Telefonhotline ein und rief kurze Zeit später Kokoro no Denwa ins Leben. Mit Erfolg: In den letzten Jahren sind hier über 5.000 Anrufe eingegangen.

Keine Schwäche zeigen – Der schwierige Umgang mit psychischen Krankheiten

In Japan werden psychische Krankheiten vielfach noch verheimlicht. Besonders Politikern widerstrebt es, offen mit psychischen Leiden umzugehen, denn diese werden allgemein als Schwäche angesehen. Es gibt nur wenige, die mit ihrer Krankheit offen umgehen. Einer davon ist Fujino, der sich von seinem Engagement erhofft, mehr Aufklärung, Toleranz und Offenheit für psychische Erkrankungen zu erwirken. „Eine psychische Störung kann jeder Mensch entwickeln. Ich vermute, dass es in Japan auch noch andere Politiker gibt, die an ähnlichen Erkrankungen leiden. Würden diese sich offen dazu bekennen, dann könnten wir eine Gesellschaft erschaffen, in der es jedem Einzelnen leichter gemacht wird zu leben“, so der Abgeordnete.

Laut einer offiziellen Studie aus dem Jahr 2017 leiden 3,92 Millionen Menschen in Japan an psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Schizophrenie – das sind 3,1% der Gesamtbevölkerung. Gleichzeitig hat Japan eine der höchsten Selbstmordraten der Welt. 2016 haben sich hier insgesamt 21.897 Menschen das Leben genommen. Vergleicht man die Zahl der Selbstmorde mit vorigen Jahren, dann ist zwar ein rückläufiger Trend erkennbar, aber nach Einschätzung der Regierung befindet sich die Suizidrate des Landes noch immer auf einem „kritischen Niveau“. Experten machen unter anderem wirtschaftliche und gesundheitliche Faktoren, Leistungsdruck, sowie die übermäßige Arbeitsbelastung für die im internationalen Vergleich sehr hohe Selbstmordrate verantwortlich.

Suizidgedanken sind häufig eine Folge psychischer Erkrankungen. Solltet ihr euch selbst zum Kreis der Betroffenen zählen und nach Hilfe suchen, dann findet ihr sie etwa bei der Telefonseelsorge unter den kostenlosen Rufnummern 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Die Berater sind rund um die Uhr erreichbar und die Anrufe sind anonym. Hilfe für Angehörige Suizidgefährdeter bietet auch der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker unter der Rufnummer 01805 950 951 und der Festnetznummer 0228 71 00 24 24.

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1 Kommentar

  1. Na, endlich setzt jemand mal ein Zeichen. Aber die Situation in Japan ist und bleibt weiter so kritisch. Eigentlich sollten die Leute dort viel offener und ehrlicher miteinander umgehen. Aber die Mentalität mal wieder, die ewige Geschichte. Solange das so bleibt, wird sich in Japan nicht viel ändern.

    Meinen Respekt hat Hideaki Fujino aber auf jeden Fall.

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