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Fukushima – Wie hoch sind die Strahlen fünf Jahre danach?

Vor genau fünf Jahren ereignete sich in Japan eine Dreifach-Katastrophe. Zuerst kam das Erdbeben. Es folgten der Tsunami und der GAU im Kernkraftwerk Fukushima. Letzteres verursachte eine Menge radioaktiver Strahlen, über die ich nun anlässlich des Jahrestags ein wenig erzählen möchte. Dabei werde ich deutsche mit japanischen Werten vergleichen.

Diese radioaktive Strahlung entsteht, wenn Elemente, wie Uran, Radon, Cäsium, Kalium und Polonium zerfallen. Man unterscheidet meist zwischen Alpha-, Beta-, oder Gammastrahlung. Man gibt diese in Millisievert (mSv) oder in die um 1000 kleinere Einheit Mikrosievert (µSv) entweder pro Jahr (a) oder pro Stunde (h) an.

Die Lage in Deutschland

Menschen sind natürlicher und künstlicher Strahlung ausgesetzt. Erstere teilt sich in Deutschland laut dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) ungefähr wie folgt auf:
Direkte kosmische Strahlung (kommt anteilig durch das Universum zur Erde) 0,3 mSv/a
Direkte terrestrische Strahlung (kommt durch die im Boden enthaltenden Elemente) 0,4 mSv/a
Nahrung (Pflanzen nehmen die meisten radioaktiven Stoffe durch den Boden auf) 0,3 mSv/a
Inhalation von Radon und dessen Zerfallsprodukte: 1,1 mSv/a
Gesamte effektive Dosis: 2,1 mSv/a oder 2.100 µSv/a

Je nach Wohnort, Ernährungs- und Lebensgewohnheiten schwankt der tatsächliche Wert zwischen circa einem und sechs Millisievert pro Jahr.

Wer zB. einmal jährlich von Frankfurt bis Tokyo und zurück fliegt, erhöht die mittlere jährliche Strahlenexposition um etwa 7,4%. Denn je höher man sich in der Luft befindet, desto mehr Höhenstrahlung ist man ausgesetzt.

Und 20 Zigaretten am Tag zu rauchen, wäre wie sich jährlich 300 Röntgenaufnahmen des Brustkorbes auszusetzen. Dies meint Dr. med. Werner Kirchinger vom Institut für Strahlenschutz Helmholtz Zentrum München. Denn Tabakpflanzen wachsen gerne auf uranhaltigem Boden. Uran und Folgeprodukte werden von den Pflanzen aufgenommen. Und über den Zigarettenrauch absorbiert dann der menschliche Körper das radioaktive Polonium 210.

Zur künstlichen Strahlung gehören Röntgenstrahlen oder die aus einem Atombomben-Fallout entstehenden Strahlen, u.a. Insgesamt wirken so 1 bis 2 Millisievert pro Jahr zusätzlich auf uns ein.

Das BfS hat eine Karte erstellt, auf der man täglich die Strahlenbelastung je nach Wohnort einsehen kann. Durch zahlreiche Messsonden, die 1,30 m über dem Boden die kosmische und terreristische Strahlung messen, wissen wir, dass Deutschland eine durchschnittliche Ortsdosis von 0,08 µSv/h aufweist (zB. in Düsseldorf). Dabei gibt es geringere Werte von 0,05 µSv/h an einigen Messstellen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen und bis zu 0,2 µSv/h in Teilen von Thüringen, Baden-Württemberg und Bayern.

Strahlung durch Tschernobyl in Deutschland
Der Anteil der Ortsdosisleistung, die aus der Freisetzung in Tschernobyl (1986)resultiert, liegt in Deutschland noch etwa bei 0,001 Mikrosievert pro Stunde und in einigen Teilen Bayerns werden noch Werte zwischen 0,01 und 0,02 Mikrosievert pro Stunde erreicht. Da Pilze radioaktive Strahlung mit hoher Affinität binden, sollte man diese, die in jenen Teilen wachsen, lieber meiden.

Strahlung durch Fukushima in Deutschland
Es konnten zwar mithilfe von Aerosolsammlern von dem Messnetz der CTBTO einzelne Spuren aus dem Reaktor in Fukushima auch in Deutschland nachgewiesen werden, die Aktivität jedoch liegt in der Größenordnung von nur wenigen Millibecquerel (1 Becquerel ist ein Zerfall pro Sekunde) und ist damit so gering, dass die Sonden diese nicht auflösen können. Daher ist durch die Sonden keine Erhöhung infolge des Fukushima-Unfalls nachweisbar.

Die Lage in Japan

Japan hat im Vergleich zu Deutschland viel niedrigere Strahlen-Durchschnittswerte. Laut Antiatom-fuku bewegen sich diese Werte zwischen 0,029 und 0,050 µSv/h, wobei Die Stadt Fukushima vor dem GAU bei 0,046 µSv/h lag. Das ist fast die Hälfte weniger, als der Durchschnittswert von Deutschland (o,8 µSv/h).

In Japan gibt es eine Strahlenkarte von der Nuclear Regulation Authority. Antiatom-fuku zufolge sollen nach dem GAU sämtliche Messsonden, besonders die, die sehr hohe Strahlenwerte aufwiesen, vorsätzlich falsch geeicht und vor Installation von neuen Messsonden der Boden frisch saniert worden sein, um die Messwerte herabzusetzen. Um einen niedrigeren Strahlenwert weiterhin zu garantieren, würden die Sonden regelmäßig dekontaminiert. Angeblich würden mit diesen Methoden die Strahlenwerte um etwa 50% niedriger angezeigt.

Am 04.03.2016 wurde der Wert 0,173 µSv/h in der Stadt Fukushima auf der Seite Antiatom-fuku mit Referenz zur Nuclear Regulation Authority angegeben. Leider findet sich keine Angabe darüber, welche Sonde in Fukushima genau zur Referenz gezogen wurde. Ein Blick ins Archiv verrät, dass jene Sonde direkt nach dem GAU folgende Messwerte preisgab:

16.03.2011: 17,9 µSv/h
21.03.2011: 7,52 µSv/h
29.03.2011: 3,08 µSv/h
21.06.2011: 1,34 µSv/h
16.09.2011: 0,97 µSv/h

Welche Werte herrschen aber genau in der Nähe des Unglücksortes? Gibt es Messungen, bei denen Manipulationen ausgeschlossen werden können?

Safecast
Die non-profit Organisation Safecast bietet eine Karte an, die von ganz normalen Bürgern aufgenommene Messwerte zeigt. Interessierte können sich durch Online-Anleitungen oder Workshops einen von Safecast entwickelten Geigerzähler zusammenbauen. Dieser ermittelt in seiner Hülle die Gammastrahlen alle fünf Sekunden, während man durch die Gegend geht oder fährt. Zu Hause kann man dann die Daten uploaden. Nach der Prüfung durch Safecast, sind die Daten für alle sichtbar. Die Karte von Safecast kann auch über eine App (android und ios) aufgerufen werden.

Bereits 2013 hatte die Organisation über 12 Millionen Datenpunkte zu verzeichnen, während die Regierung nur 30 Tausend hatte. So entsteht eine viel genauere Karte.

Die Sonde „Tomioka 1“ ist etwa fünf Kilometer westlich vom Kernkraftwerk entfernt und weist einen Wert von 0,419 µSv/h (vor 1 Woche) auf. Etwa fünf Kilometer nord-östlich von Tomioka existiert eine effektive Dosis ab 4,00 µSv/h aufwärts.

Den Daten in Fukushima zufolge, kann man anhand von einer Farbskala den ungefähren Wert ermitteln. Je nach Bereich variiert der Wert zwischen 0,1 µSv/h am Bahnhof und 0,8 µSv/h in wenigen umliegenden Teilen. Würde ein Mensch sich überall mal in Fukushima aufhalten und nicht nur in einer höheren kontaminierten Gegend, kann man einen Mittelwert von vielleicht etwa 0,38 µSv/h ausmachen. Das ist fast 5-fach höher als die deutsche Strahlenbelastung im Mittelwert.

Die japanische Politik
Die Regierung veranlasste die Dekontamination der Oberflächen in gesperrten oder verlassenen Gebieten und möchte die Evakuierungsorder bis März 2017 aufheben. Außerdem will die Regierung die Entschädigungszahlungen bis 2018 einstellen. Ärmere Menschen sind daher gezwungen, in ihre Heimat zurück zu siedeln. Laut greenpeace kontaminieren diese Orte aber immer wieder, da durch Regen und Winde die radioaktiven Stoffe, die im umliegenden Wald vorzufinden sind, zurückkommen. Ein Prozess, der noch hunderte von Jahre andauern wird. Dies wird von der Regierung jedoch verschwiegen.

Zu erwähnen ist, dass der Ex-Premierminister Kan Naoto, im Gegensatz zum derzeitigen Premierminister Abe Shinzō, aus der Atomenergie raus möchte.

Die Umwelt
Nicht nur die Menschen sind direkt betroffen. Durch das Unglück ist auch das Ökosystem angegriffen. Hohe Konzentrationen von Cäsium finden sich in Baumtrieben und in Zedern-Pollen. Wissenschaftler fanden zudem Mutationen im Gras und in Schmetterlingspopulationen. Das Erbgut von Würmern in hochkontaminierten Gegenden ist beschädigt und die erhöhte Cäsium-Belastung in Süßwasserfischen wurde nachgewiesen. Schwalben weisen eine verminderte Fruchtbarkeit auf und Flussmündungen, eines der wichtigsten Ökosysteme, sind auch kontaminiert.

Dies war eine grobe Übersicht zu den Daten über Strahlenwerte in Deutschland und Japan.
Hier noch ein paar interessante Links.

Falls euch Mangas zu dem Thema Drei-fach Katastrophe interessieren, könnt ihr euch den erst kürzlich rezensierten Manga „Reaktor 1F“ anschauen oder durch den Manga „Daisy aus Fukushima“ mit 1 Euro pro verkauften Band hilfsbedürftige Kinder der Region Fukushima unterstützen.

Das Atelier Wabi Sabi Buchprojekt kommt den verwaisten und halb verwaisten Kindern des großen Tohoku-Erdbebens von 2011 zugute.

Außerdem ist seit gestern der deutsche Film „Grüße aus Fukushima“ in den Kinos. Dieser befasst sich mit den emotionalen Problemen infolge des Unfalls.

Antiatom-fuku hat eine Übersicht über Organisationen und Projekte zusammengestellt, bei denen man sich beteiligen kann.

Ihr wollt Japan zur Energiewende verhelfen? Schreibt über die greenpeace-Seite eine Protestmail.

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