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Japan zeigt im Umgang mit Obdachlosen ein kaltes Gesicht

Obdachlose kämpfen mit Vorurteilen und Ablehnung in Japan

Als der Taifun Hagibis am 12. Oktober auf Japan traf, wurden drei Obdachlose von einer Notunterkunft in Tokyo abgewiesen.

Als sich die Geschichte verbreitete, kam es in den sozialen Medien zu gemischten Reaktionen. Einige glauben, dass die drei Personen, denen der Zugang verweigert wurde, nicht obdachlos waren, andere stimmen den Mitarbeitern der Einrichtung mit dem Hintergrund zu, dass die drei nicht an Adressen gemeldet waren, was eine Voraussetzung für den Zugang ist.

Vorgesetzter ließ Obdachlose abweisen

Japanische Medien überprüften die Geschichte und stellten fest, dass die drei definitiv obdachlos sind. Offensichtlich wussten die Mitarbeiter der Grundschule – die als Notunterkunft ausgewiesen war – nicht, was sie machen sollten. Sie fragten ihren Vorgesetzten, der sie anwies, die drei Obdachlosen abzuweisen.

Ein Mitarbeiter einer Organisation, die Oberdachlose unterstützt, fragte daraufhin nach, ob es eine Einrichtung gibt, die Obdachlose aufnimmt. Was allerdings verneint wurde.

Der Bezirksbürgermeister von Taito entschuldigte sich später für den Vorfall und Japans Premierminister Shinzo Abe sagte während einer Tagung, dass die Angelegenheit Aufmerksamkeit erfordere. Offiziell wird es als unangemessen erachtet, jemanden während einer Katastrophe davon abzuhalten, sich in Sicherheit zu bringen. Es gibt allerdings Aussagen, dass auch andere Einrichtungen in Tokyo Obdachlose abgewiesen haben. Beweise gibt es allerdings nicht.

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Obdachlos in Tokyo

Durch den Taifun starben mindestens 90 Menschen. Bisher wird von einem Obdachlosen berichtet, der unter den Opfern ist. Ob die Zahl so allerdings stimmt, wird angezweifelt.

Dabei sind gerade Obdachlose in großer Gefahr, wenn ein schweres Unwetter auf Japan trifft, da sie kaum Möglichkeiten haben, sich anderswo als in ausgewiesenen Einrichtungen in Sicherheit zu bringen. Und die schweren Unwetter in Japan nehmen zu.

Umfrage bei Obdachlosen deckt Vorurteile in der japanischen Bevölkerung auf

Am 4. November berichtete der Tokyo Shimbun über eine Organisation, die Obdachlosen hilft und sich mit dem Vorfall befasst. Die Organisation befragte Obdachlose, an die sie Essen verteilt, über ihre Erfahrungen während des Taifuns.

Sie fragten, wo sich die Menschen während des Taifuns in Sicherheits gebracht haben und ob sie etwas über die ausgewiesenen Evakuierungszonen in ihrem Gebieten wissen.

Insgesamt wurden 100 Obdachlose befragt und nur 29 antworteten, dass sie etwas über die Evakuierungszonen wissen. Der Rest gab an, dass sie nicht informiert waren. 15 Menschen gaben an, dass sie versucht haben Zugang zu einer ausgewiesenen Evakuierungszone zu bekommen.

Auf die Frage, wo sie versucht haben Schutz zu finden, sagten viele, dass sie in Einkaufspassagen und unter Dachvorsprüngen Schutz gesucht haben. Vier Befragte wurden in einer Evakuierungseinrichtung untergebracht und eine Person gab an, dass sie vor einer Einrichtung stand und nur durch das Fenster schauen durfte.

Eine Person sagte, dass viele Obdachlose nicht in diese Einrichtungen gehen möchten, da sie sich bewusst sind, dort nicht wie Menschen behandelt zu werden.

Obdachlose werden in Japan fast überall abgelehnt

Tatsächlich werden Obdachlose in Japan fast überall abgelehnt. Selbst wenn ein Obdachloser in einem Einkaufzentrum Schutz sucht, kommt es vor, dass er von der Polizei herausgeworfen wird – egal welche Wetterbedingungen herrschen.

Die drei Obdachlosen im aktuellen Fall wurden von der Einrichtung in Taito abgewiesen, weil sie keine Adresse angeben konnten. Laut Gesetz müssen Menschen ohne Wohnsitz aber Unterstützung erhalten. Daher war die Reaktion der Mitarbeiter nicht nur unangemessen, sondern auch illegal.

Allerdings sind Gesetz und öffentliche Meinung zwei unterschiedliche Dinge. Viele Menschen schrieben zu diesem Vorfall, dass es richtig war, den Obdachlosen keinen Zutritt zu gewähren, da diese Menschen stören und oft stinken. Eine häufige Aussage war: „Man lädt keine Obdachlosen zu sich nach Hause ein.“

Dabei ist dies nur eines von vielen Vorurteilen gegen Menschen, die auf der Straße leben. Mitarbeiter der Organisation, die Obdachlosen hilft sagen, dass die große Mehrheit nicht stinkt. Und sollte es doch so sein, dann sollte man einfach mal überlegen, dass diese Menschen nur schwer Zugang zu Örtlichkeiten finden, an denen sie sich waschen können, weil sie keinen Wohnraum haben.

„Es soll mühsam sein, sich von einem Unglück zu befreien“

Die nahe liegende Lösung besteht darin, diesen Menschen eine Unterkunft zu bieten. Aber die Behörden und die Gesellschaft insgesamt sträuben sich davor, weil sie glauben, dass die Obdachlosen ihre Situation verdienen. Viele sind der Meinung, es sollte mühsam sein, sich aus dem Unglück zu befreien.

Vorurteile und die Versuche, das Problem zu verschweigen, machen das eh schon schwere Leben auf der Straße in Japan für Obdachlose nur noch schwerer.

2017 gab es einen Fall, bei dem ein Sozialarbeiter in Odawara Jacken für Obdachlose anfertigen ließ, auf denen auf Englisch stand, dass Sozialhilfeempfänger Abschaum sind.

Yoshinori Ogawa, ein Experte für Soziales, untersuchte für Gendai Business den Vorfall genauer. Er schrieb in seinem Artikel, dass er zunächst überrascht und verärgert gewesen ist. Durch seine Recherchen hat er allerdings gemerkt, dass so eine Behandlung ganz normal ist. Er begleitet oft Obdachlose zu Regierungsstellen, um ihnen dabei zu helfen, Sozialhilfe zu beantragen.

Sozialhilfe zu beantragen ist für Obdachlose in Japan fast unmöglich

Immer wieder merkt er, dass es den Obdachlosen sehr schwer gemacht wird, Hilfe zu erhalten, da fast immer nach einer Adresse gefragt wird. Was wie eine harmlose Frage klingt, führt dazu, dass viele ihre letzte Adresse angeben, was dazu führt, dass ihnen gesagt wird, dass sie dorthin reisen müssen, um dann dort Sozialhilfe zu beantragen. In den meisten Fällen geben die Menschen dann allerdings auf.

Das Problem mit der Adresse führt natürlich auch dazu, dass kein obdachloser Mensch in Japan sein von der Verfassung garantiertes Wahlrecht in Anspruch nehmen kann. Denn ohne eine gültige Adresse darf man nicht Wählen.

Der Fall und die Reaktionen zeigen, wie groß die Kluft zwischen Gesetz und privatem Rechtsempfinden in Japan ist. Die Kommentare, dass die Mitarbeiter des Evakuierungszentrums nichts Falsches gemacht haben, als sie die drei Obdachlosen abwiesen, zeigen, dass sozial schwache Menschen in Japan nicht nur durch ihre Situation, sondern auch durch die Kälte der Öffentlichkeit zu leiden haben.

Viele Menschen – nicht nur in Japan – vergessen, dass man sehr schnell obdachlos werden kann. Schicksalsschläge, die einen völlig aus der Bahn werfen, passieren schnell.

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