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Kommentar: Menschen, die sich zu Tode arbeiten

Es ist kein Geheimnis und gehört zu den Schattenseiten der japanischen Arbeitswelt: Menschen, die unermüdlich arbeiten – sei es nun freiwillig, oder weil sie sich einreden, keine andere zu Wahl haben – und im Endeffekt den Gedanken hegen, sich dem Stress durch Suizid zu entziehen oder gar durch Überarbeitung einen Herzstillstand provozieren. Aktuell trauern Angehörige und die Anime-Fangemeinde um Kazunori Mizuno, dem genau dies widerfahren ist: Er ist einer von vielen, die jährlich am sogenannten Karoshi sterben.

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Japans Arbeitswelt ist schnelllebig und intensiv. Auf dem Inselstaat gilt zwar die 40-Stunden-Woche, doch die Überstunden sind teilweise massiv. Oftmals unterziehen sich die Arbeitnehmer diesen Arbeitszeiten freiwillig. Es existieren in Japan zwar Gesetze, die freie Tage einräumen, dennoch müssten die Arbeitnehmer auch erst einmal dazu gebracht werden, diese wahrzunehmen. Mit der zusätzlichen Arbeit erweisen die Arbeitnehmer ihrem Arbeitgeber Loyalität. Zu groß ist die Angst, den Job zu verlieren, sofern es ihnen nicht gelingt, gewisse Aufgaben zeitgemäß abzuschließen.

Auch die Anime- und Manga-Branche ist dahingehend hart: Strenge Deadlines werden gesetzt, damit ein Titel rechtzeitig ausgestrahlt oder präsentiert werden kann. Der Druck steigt, wenn gewisse Verzögerungen in der Produktion entstehen. In einem Interview der ITmedia mit Anime-Regisseur Akiharu Ishii und einem Animationsassistenten äußerten sich beide zu dieser Thematik und gestanden: Ob Regisseur oder Produzent, man hätte stets den Gedanken, solange die Qualität nicht stimme, folge keine Veröffentlichung. Doch niemand von ihnen wolle der Erste sein, der den Abbruch bestimmt. Aktuell gäbe es durch das Produktionskomitee, die TV-Sender, Regisseure, etc. mehrere Verantwortliche, die das Sagen hätte.

Auch populäre Mangaka wie Eiichiro Oda besitzen eine beachtliche Arbeitsmoral und erwarten diese scheinbar auch von Kollegen. Er betonte einst, lediglich von 2:00 bis 5:00 Uhr morgens zu schlafen und keine Freizeit zu haben – quasi Non-Stop an seinem Manga zu arbeiten. Dazu kommt: seit dem Start von One Piece im Jahr 1997 pausierte das Werk eher selten. Man bedenke: Kapitel erscheinen normalerweise wöchentlich in der Shonen Jump. In einem Interview ließ der ehemalige Editor Naoki Kawashima verlauten, dass Oda einst gesagt hätte, er solle für One Piece sterben. 2014 wurden erste gesundheitliche Probleme Odas publik gemacht. Der Mangaka kam ins Krankenhaus. Im vergangenen Jahr gestand Oda in einem Gespräch mit der One Piece newspaper, er trinke aktuell mehr und achte darauf, mehr Sport zu treiben. Auffällig ist übrigens auch, dass der One Piece-Manga seitdem häufiger pausiert.

All diesen Eifer in Ehren: Aber lohnt es sich dafür seine Gesundheit oder gar sein Leben aufs Spiel zu setzen? Nein, davon hat weder der Arbeitgeber noch der Arbeitnehmer etwas. Wer stets unter Feuer steht, arbeitet ungenau und macht Fehler. Es kann mir kein Künstler – egal ob Mangaka oder Animator – sagen, dass er sich mit einem halbherzigen Ergebnis zufrieden zeigt. Manch einer wird vielleicht meinen, das muss jeder für sich entscheiden, wie viel er arbeitet. Dennoch sollte meiner Meinung nach eine (persönliche) Schmerzgrenze gezogen werden. Ausreichend Erholungsphasen braucht jedermann. Zudem dürfte dem Arbeitgeber gerade in Zeiten des Fachkräftemangels viel daran gelegen sein, dass ihnen produktive Mitarbeiter lange erhalten bleiben.

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Bleibt zu hoffen, dass all diese öffentlich gemachten tragischen Todesfälle oder Suizidversuche in den vergangenen Monaten bzw. Jahren ein baldiges Umdenken in der japanischen Gesellschaft bewirken.

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