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Home News Kultur Jahrhunderte altes Shinto-Festival begeistert 200.000 Besucher in Saitama

Das Chichibu-Shinto-Festival ist jedes Jahr für viele Menschen ein Highlight

Jahrhunderte altes Shinto-Festival begeistert 200.000 Besucher in Saitama

In Chichibu in der Präfektur Saitama erhellt jeden Winter ein Feuerwerk im Zuge eines Shinto-Festivals die Nacht. Männer, Frauen und Jugendliche folgen sechs Wagen, auf denen riesige Laternen stehen, bis ins Zentrum der Stadt. Dort findet der Höhepunkt des Treffens zweier lokaler Götter statt, die diese Gelegenheit nur einmal im Jahr haben.

Die Wurzeln des Chichibu Night Festivals liegen mehr als 1.000 Jahre zurück. Es gehört zu den drei größten japanischen Festivals, bei denen riesige Aufbauten durch die Gegend getragen werden. Mehrere Hundert Bewohner in traditionellen Gewändern ziehen die Wagen durch die Straßen, begleitet von Musik und Gesang.

Shinto ist Japans ursprüngliche Religion, die bereits seit Jahrhunderten praktiziert wird. Die Menschen glauben, dass Tausende von Kami oder Geistern in der Natur leben und dort die Wälder, Flüsse und Berge bevölkern. Die Menschen streben danach, in Harmonie mit diesen Geistern zu leben und können auch Hilfe von diesen erbitten.

Das zweitägige Chichibu-Festival gehört zu einer alten Tradition, die die Dorfbewohner selbst begründeten. Früher wollten sie dem Berggott dafür danken, dass er ihnen während der Aussaat- und Ernte-Zeit wohl gesonnen war. 2016 wurde das Festival zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO ernannt.

Shinto im Spiegel der Zeit

Im Mittelalter entwickelte sich das Shinto-Festival zu einer jährlichen Veranstaltung, bei dem sich der Berggott und die Göttin der Stadt treffen. Die Göttin wurde von einer Gruppe weiß gekleideter Männer in einem kunstvoll geschmückten Schiff durch die Straßen ins Zentrum getragen, während sich sechs weitere, voll beladene Wägen ebenfalls zum zentralen Platz näherten. Der Höhepunkt des Treffens ist immer ein riesiges Feuerwerk.

Das Festival zieht jedes Jahr im Dezember circa 200.000 Besucher an, wobei viele die Geschichte dahinter kaum mehr kennen. Sie erkennen zwar die Tradition an und wollen diese auch bewahren, der religiöse Aspekt rückt allerdings in den Hintergrund. Viele freuen sich über das unterhaltsame Zusammenkommen und schauen sich die Prozession an, während sie an einem der zahlreichen Essen-Stände leckere Snacks genießen.

Einige besuchen das Shinto-Heiligtum, um ein kurzes Gebet zu sprechen. Das Feuerwerk und das gute Essen stellen für die meisten allerdings den Hauptgrund für einen Besuch dar. Viele ältere Besucher beklagen, dass der religiöse Aspekt immer weiter verloren geht.

Zahlreiche Japaner entdecken ihre Religiosität nach Anlass, sodass der Neujahrs-Besuch in einem Shinto-Schrein irgendwie noch dazu gehört. Andere Religionen wie das Christentum haben es trotzdem weiterhin schwer, sich zu etablieren.

Viele verschiedene Gesichter

Eine Gruppe High-School-Schülerinnen beteiligte sich ebenfalls daran, einen der Wagen zu ziehen, auch wenn das Festival für sie religiös gesehen keine Bedeutung mehr hat. Allerdings erklärten die Mädchen auch, dass sie die Geschichte des Götter-Treffens an diesen besonderen Abenden trotzdem glauben.

Der Fushimi Inari Schrein zu Neujahr in Japan
Der Fushimi Inari Schrein zu Neujahr in Japan Bild: Flickr / Aaron G

Die Schülerinnen erklärten auch, dass sie Weihnachten heute mit geschmücktem Baum und Geschenken feiern würden. Die Mischung der verschiedenen Religionen stellt für sie kein Problem dar. Viele junge Menschen empfinden diese Überlappung inzwischen als normal. Die Einstellung vieler Japaner zur Religion ist nicht eindeutig. Viele bezeichnen sich als nicht religiös, obwohl sie zu Neujahr die Shinto-Tempel besuchen und oft für ihre Ahnen kleine Schreine im Haus haben.

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In Japan entwickelt sich die Religion mehr zu einer kulturellen, gemeinschaftlichen Angelegenheit, wobei der persönliche Glaube eher eine untergeordnete Rolle spielt. Im Shintoismus gibt es keine klassischen heiligen Texte oder klar definierte theologische Regeln. Die Religion ist ein natürlicher Teil des Lebens, den die Menschen in Japan von ihren Vorfahren erben und der von Eltern an die Kinder weitergegeben wird. Shintoismus ist eher eine Weltanschauung, weswegen es auch keine Shinto-Gläubigen in Japan gibt. Wöchentliche Gottesdienste gibt es ebenso wenig wie Missionare, die die Religion weitertragen wollen.

Koexistenz als Weg in die Moderne

In Japan gibt es heute noch mehr als 80.000 Shinto-Schreine. Dazu gesellen sich ebenso viele buddhistische Tempel. Seit dem sechsten Jahrhundert verbreitete sich der Buddhismus aus China in Japan, wobei beide Religionen friedlich koexistierten.

Jede Religion übernimmt eine andere Rolle, allerdings erhebt keine einen Anspruch auf Exklusivität. Diese Kombination von Ideen und Philosophie ist typisch für Ostasien. Experten glauben in der letzten Zeit erkannt zu haben, dass die Rolle des Shintoismus wieder zunimmt. Als Indikator wählten die Wissenschaftler die Anzahl der Menschen, die das Groß-Heiligtum im Ise-Schrein besuchten. Die Zahlen wachsen seit Jahren wieder.

Gleichzeitig ist der Shintoismus eng mit der japanischen Kaiserfamilie verbunden. Der Kaiser gilt als Nachkomme der Sonnengöttin Amaterasu Omikami. Dementsprechend galt der Kaiser früher als göttlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor er diesen Status, als eine klare Trennung zwischen Religion und Staat, wie sie auch in den meisten westlichen Ländern vorliegt, beschlossen wurde.

Trotzdem besteht die enge Verbindung zur kaiserlichen Familie bis heute. Dies führt immer wieder zu Kontroversen. Im Zuge seiner Inthronisierung verbrachte Kaiser Naruhito die Nacht in einem behelfsmäßigen Schrein, der mit öffentlichen Geldern gebaut wurde, nur um später direkt wieder abgerissen zu werden. Bei einer Zeremonie dort dankte er für die reiche Ernte im Land und betete für Frieden und die Sicherheit der Nation.

Insgesamt kostete die Veranstaltung 2,7 Milliarden Yen (22,4 Millionen Euro). Eine Gruppe von 200 Personen reichte im vergangenen Jahr Klage gegen die Regierung ein. Auch Mitglieder der kaiserlichen Familie stellten die Aufwendungen infrage.

Die Besucher des Festivals sehen dieses Thema ebenfalls unterschiedlich. Viele Menschen halten diese Rituale mittlerweile für Geldverschwendung, für die keine öffentlichen Mittel bereitgestellt werden sollten. Andere wiederum glauben, dass es die Pflicht des Kaisers ist, als symbolisches Oberhaupt dem Land vorzustehen. Deswegen sei es in Ordnung, dafür auch öffentliche Gelder bereitzustellen.

Zwei Aspekte des Shintoismus

Viele Wissenschaftler plädieren dafür, den Shintoismus heute geteilt zu betrachten. Auf der einen Seite den philosophischen Shinto und auf der anderen Seite die Menschen, die zu Neujahr zum Schrein pilgern. Der staatliche Shintoismus wurde nach dem Weltkrieg als Staatsreligion abgelehnt, allerdings blieb er in den Herzen der Menschen erhalten und hat auch heute noch einen gewissen politischen Einfluss.

Rechtsextreme Gruppen, die der regierenden Partei verbunden sind, möchten die Verfassung Japans revidieren und der Religion wieder eine größere Bedeutung geben. Offizielle Besuche der Regierung befeuerten diese Auffassung heute mehr denn je, obwohl an dieser Stelle langsam ein Umdenken stattfindet. Kombiniert man die politischen Strömungen mit der bestehenden Tradition, die auch heute von Millionen Japanern gepflegt wird, zeigt sich, welche große Rolle Shinto noch immer spielt.

Allerdings spielen beim Chichibu Night Festival solche Überlegungen eine eher untergeordnete Rolle. Nur wenige Besucher sagen, dass das Fest für sie überhaupt eine religiöse Bedeutung hat. Einigen geht es eher um die spirituelle Erfahrung.

AS

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