Stats

Anzeige
Home News Kultur Japans bekanntester Künstler Takashi Murakami äußert sich zur Kawaii-Kultur

Von der dunklen Vergangenheit zur kitschigen Gegenwart

Japans bekanntester Künstler Takashi Murakami äußert sich zur Kawaii-Kultur

Takashi Murakami ist einer der bekanntesten und modernsten Künstler Japans. Im Jahr 2008 wurde er als einziger bildender Künstler in die Liste der „100 einflussreichsten Menschen“ des Time Magazine aufgenommen. Murakami arbeitet in einer Vielzahl von Medien: Malerei, Skulptur und Performance-Kunst, aber auch im Bereich Mode, Musikvideo und Animation hat er Fuß gefasst.

Murakamis Liste prominenter Fans und Kollaborateure ist lang und umfasst u.a. Marc Jacobs, Billie Eilish, Kanye West und Virgil Abloh. Er prägte den Begriff „superflat“, ein Stil, der die Grenzen zwischen Kunst, Design, Popkultur und Kommerz verwischt. So beschreibt er seine Herangehensweise an die Kunst, die, wie er sagt, auf dem Erbe der flachen, zweidimensionalen Bilder der japanischen Kunstgeschichte aufbaut.

Kunst und Kommerz werden gemischt

Mit seiner Betonung der Oberfläche und der Verwendung von dramatischen und flachen Farbblöcken unterscheidet er sich deutlich von der westlichen Herangehensweise an die Kunst und leistet einen wichtigen Beitrag zur Erklärung der Bedeutung von Manga und Anime in Japan.

Lesen sie auch:
Ausstellung in Aichi feiert Pionier der japanischen Kawaii-Kultur

Aber „superflat“ ist mehr als ein künstlerischer Stil. Murakami verwendet ihn auch zur Beschreibung der japanischen Nachkriegsgesellschaft. Seiner Meinung nach sind die Unterschiede in der sozialen Klasse und im populären Geschmack abgeflacht, sodass die Menschen nicht mehr viel zwischen „hoher“ und „niedriger“ Kultur unterscheiden.

Das Wort „superflat“ ist zu einem Logo geworden, eine Möglichkeit für Murakami, seine Kunst zu verkaufen, aber auch eine Möglichkeit, auf den westlichen Kunstmärkten Fuß zu fassen. „Die Japaner akzeptieren, dass Kunst und Kommerz vermischt werden“, sagt er.

„Tatsächlich sind sie von der starren und anmaßenden westlichen Hierarchie der „hohen Kunst“ überrascht. Im Westen ist es sicherlich gefährlich, beides zu vermischen, weil die Leute alle möglichen Steine werfen werden. Aber das ist okay – ich bin bereit mit meinem Schutzhelm“.

Warum muss alles kawaii sein?

Murakami interessiert sich dafür, wie und warum Japans „superflache“ Kultur am Ende so kindisch geworden ist. Er sagt, er wolle „die Ersetzung einer traditionellen, hierarchischen japanischen Kultur durch eine Wegwerf-Konsumkultur erforschen, die angeblich für Kinder und Jugendliche produziert wird“.

Traditionelle Kunst und zeitgenössische Kunst scheinen zweifellos auseinander zu liegen. In der Vergangenheit waren Kunst und Kultur rar und der Elite vorbehalten. Man erwartete von Handwerkern, Händlern und Bauern nicht, dass sie die Teezeremonie oder das Noh-Theater zu schätzen wüssten.

Verglichen mit der traditionellen hierarchischen Kultur ist die heutige „superflache“ Kultur viel demokratischer: offen für alle, leicht verständlich und völlig einschüchterungsfrei.

Doch was verbirgt sich hinter dem, was Murakami „die Infantilisierung der japanischen Kultur und Denkweise“ nennt? Warum ist die „superflache“ Kultur Japans so verliebt in Pastellfarben und Babygesichter? Warum ist alles so kawaii? Warum versuchen alle, so unerbittlich fröhlich zu sein? Ist es nur eine Flucht vor der Erwachsenenwelt?

Verbindung von japanischer Geschichte und Kawaii-Kultur

Im Jahr 2005 kuratierte Murakami eine Ausstellung in New York City, in der er versuchte, Antworten auf diese vielen Fragen zu finden. Er nannte sie „Little Boy“ und stellte eine explizite Verbindung zwischen dem Infantilismus und der Atombombe her, die die Amerikaner 1945 über Hiroshima abgeworfen hatten.

Seiner Meinung nach sorgte die Bombe dafür, dass das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten in der Nachkriegszeit vor allem von Unterwürfigkeit geprägt war. Japan durfte seine Armee nicht wieder aufbauen und wurde bei der Verteidigung von den Amerikanern abhängig.

Die Außenpolitik folgte dem Beispiel der Amerikaner, und das japanische Volk wurde zu sklavischen Nachahmern der amerikanischen Gesellschaftsnormen.

Japan wurde effektiv „kastriert“ und in einem Zustand fortwährender Kinderlosigkeit gehalten. Diese Diskrepanz – zwischen der dunklen, grüblerischen, moralisierenden männlichen Vergangenheit und der luftigen, hellen, weiblichen Gegenwart – ist der Kern der „superflachen“ Kultur, erläutert Murakami.

Man kann sich das als eine verspätete Feier der Weiblichkeit vorstellen. Japanerinnen haben Jahrhunderte damit verbracht, zu versuchen und zu scheitern, einen Platz in der patriarchalischen Gesellschaft zu finden. Jetzt versuchen und scheitern die Männer, sich an das postmaterielle Leben anzupassen.

Man kann dies an der Kawaii-Kultur mit ihrer sexuellen Verwirrung, ihrem Eintauchen in das Spiel und ihrer Antisoziabilität sehen. Takashi Murakami hat die Kawaii-Kultur somit in die Kunstwelt kanalisiert.

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren:

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here

Anzeige