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Reaktion auf tödliches Itaewon-Gedränge

Massengedränge am Bahnhof Shinagawa wird untersucht

Das tödliche Massengedränge in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul sorgte an Halloween 2022 für weltweite Anteilnahme. Mindestens 159 Menschen kamen in dem Gedränge ums Leben, darunter auch zwei Japaner.

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In Tokyo prüft nun die Bahngesellschaft Japan Rail East (JR East), wie hoch die Gefahr von Massenereignissen mit Toten und Verletzten an den eigenen Bahnhöfen ist. Denn Japan entging wohl, nur wenige Wochen nach der Itaewon-Katastrophe, knapp einem ähnlichen Vorfall.

Menschenmassen in Shinagawa nach Zugausfällen

Wie jetzt bekannt wurde, lässt JR East Ereignisse des 18. Dezember 2022 näher untersuchen. An jenem Tag kam es zu einer Störung im Betrieb der Shinkansen-Schnellzüge der Tokaido-Linie. Die verbindet Japans Hauptstadt mit den westlich gelegenen Großstädten Kyoto und Osaka.

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Auslöser der Störung war ein Kurzschluss, für beinahe vier Stunden fehlte der Tokaido-Linie der Strom, alle Züge standen still. Nachdem die Störung behoben war, fuhren die zuvor auf offener Strecke gestoppten Shinkansen in schneller Folge in die Hauptstadt ein, um ihre Passagiere mit viel Verspätung ans Ziel zu bringen. Es entstand eine Art „Stau“ auf der Tokaido-Linie.

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Die ankommenden Züge, ebenso wie Passagiere auf der Suche nach Alternativrouten, sorgten dabei für dichte Menschenmassen im Hauptbahnhof von Tokyo. Die wurden auch von JR East bemerkt und eine Empfehlung gegeben: Fahrgäste Richtung Tokyo sollten doch bereits am vorherigen Bahnhof Shinagawa im Süden der Metropole aussteigen und von dort andere Zuglinien oder die Metro nutzen.

Viele Fahrgäste folgten der Empfehlung – und verursachten dadurch ein gefährliches Massengedränge im Bahnhof Shinagawa, das nun aufgearbeitet wird. Zu Verletzten und Todesfällen kam es dabei zwar nicht, nach Ansicht von Experten ist das aber kaum mehr als ein glücklicher Zufall. Die Situation in Shinagawa hätte ohne Weiteres in eine tödliche Massenpanik umschlagen können.

Elektronische Schranken und Personal überfordert

Was genau war passiert? Um den Bahnhof zu verlassen, müssen Fahrgäste in Shinagawa den unterirdischen Shinkansen-Bahnsteig über eine Rolltreppe verlassen, um schließlich durch elektrische Ticket-Schranken in die Haupthalle des Bahnhofs zu gelangen. Von dort geht es zu den Ausgängen und anderen Zuglinien.

Direkt bei den Ticket-Schranken befinden sich jedoch auch Informationsschalter und -tafeln. Nach dem Durchschreiten der Schranken hielten sich viele der angekommenen Fahrgäste weiterhin in dem Bereich auf, um etwa Ticket-Erstattungen zu klären oder sich nach Ersatzzügen zu erkundigen.

Gleichzeitig stießen die Schranken an ihr technisches Limit. Die Anzahl der Personen, die die Schranken passieren konnten, war geringer als die Zahl der von hinten über die Rolltreppen nachrückenden Fahrgäste. Die wiederum bemerkten erst am oberen Ende der Rolltreppe, dass der Bereich bereits völlig überfüllt war – und hatten keine Wahl, als sich ebenfalls in die Massen zu schieben.

Skizze des Massen-Gedränges in Shinagawa
Eine Grafik zeigt, wie es zu dem gefährlichen Gedränge kam. Aussteigende Passagiere konnten die Massen an den Ticket-Schranken nicht sehen, bis es zu spät war. Bild: AS

Ein 31-Jähriger, der von Shin-Osaka nach Tokyo unterwegs war, beschrieb der Zeitung Asahi Shimbun, dass er in der Menge seine eigenen Füße nicht mehr sehen konnte. Viele Menschen hätten gerufen, dass die Situation nicht mehr sicher sei und die Rolltreppen gestoppt werden müssten. Auch die Gefahr, dass sich hier eine Massen-Katastrophe wie in Seoul ereignen könnte, erkannten die Passagiere – ohne die Situation jedoch aus eigener Kraft auflösen zu können.

Rund eine halbe Stunde dauerte das Massengedränge an. Dann öffneten Bahnhofs-Angestellte zusätzliche Türen und leiteten die Passagiere an den Schranken vorbei in die Haupthalle des Bahnhofs. Ob der Umgang mit der Situation angemessen und vor allem rechtzeitig erfolgte, das sollen nun die Untersuchungen von JR East klären.

Shinagawa-Situation aus Experten-Sicht „extrem gefährlich“

Nach Ansicht des Kansai University-Professors Toshihiro Kawaguchi muss JR East in Zukunft besser auf ähnliche Vorfälle reagieren. Kawaguchi ist Experte für Massen-Unfälle. Er erklärte, dass ab einer Dichte von fünf Personen pro Quadratmeter das Laufen bereits unmöglich ist. In Shinagawa war das bereits der Fall.

Aus den ihm vorliegenden Videos der Ereignisse am Bahnhof bewertete er die Situation als „extrem gefährlich“. Anstatt immer mehr Fahrgäste in Shinagawa aussteigen zu lassen und sich auf die Kapazitäten der Ticket-Schranken zu verlassen, hätte JR East das Zugpersonal sofort über die Entwicklung der Massen in Shinagawa informieren sollen.

Parallel dazu hätten die Angestellten in Shinagawa bereits präventiv neue Wege für die Ankommenden öffnen können, um aus dem Shinkansen-Bereich des Bahnhofs zu leiten. Die Öffnung der Wege nach fast einer halben Stunde Massengedränge sei zu spät gewesen.

Auch wenn das Shinagawa-Gedränge ohne Personenschäden vorüberging und darum nur wenig Aufmerksamkeit erregte, zeigt es doch, wie schnell sich insbesondere in den viel genutzten Großstadt-Bahnhöfen gefährliche Massen-Situationen entwickeln können.

Gerade weil mehrstündige Ausfälle im Zugbetrieb in Japan die absolute Ausnahme sind, gibt es nur wenig Erfahrung im Umgang mit den Folgen. Doch auch im Alltagsbetrieb sind Menschenmassen etwa am Bahnhof Shinjuku, dem Bahnhof mit den weltweit meisten Passagieren täglich, die Normalität. Es braucht nicht viel, damit aus dem täglichen Gewusel ein tödliches Gedränge wird – und es liegt an den Bahn-Betreibern, das zu verhindern.

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