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Für ein sauberes Images der Stadt während der Olympischen Spiele

Obdachlose in Tokyo haben Angst vor den Olympischen Spielen

Obdachlose in Tokyo haben Angst davor, dass sie verscheucht werden, wenn die Olympischen Spiele in Tokyo starten.

Auch wenn man Obdachlose in Tokyo kaum wahrnimmt, es gibt davon sehr viele in Tokyo. Zum Beispiel im Untergeschoss des Tokyoter Bahnhofs stellen sie ihre Hütten aus Pappe auf, kurz bevor der Bahnhof um 23 Uhr schließt.

Obdachlose sollen weg, um das Image von Tokyo sauber zu halten

Obdachlosen, die an solchen Orten schlafen, befürchten, dass die japanischen Behörden sie während der Olympischen Spiele von solchen Orten vertreiben werden, da man ein sauberes Image der Stadt präsentieren möchte. Bereits ab Ende März soll eine „Säuberungsaktion“ starten.

Sowohl ehemalige Angestellte als auch Menschen, die alles verloren haben und in Pappkartons schlafen, sind ein nicht ganz unsichtbarer Blick auf eine größtenteils verborgene Unterschicht in Japan. Japan gilt als eine reiche Nation, die als ordentlich und bürgerlich angesehen wird.

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Vor Olympischen Spielen wurde immer versucht, diese Menschen unsichtbar zu machen, da sie nicht zu dem Bild passen, dass die Städte gerne vermitteln möchten.

Vertreter der Stadt Tokyo bestreiten, dass sie versuchen, die Obdachlosen speziell für die Olympischen Spiele zu vertreiben. Sie sagen, dass der Versuch, sie in Notunterkünften unterzubringen, ein Teil der allgemeinen Wohlfahrtsbemühungen sei, um sie von der Straße zu bringen und ihnen Arbeit und Wohnraum zu verschaffen.

„Es gibt nichts weiter als die Programme, die wir bereits für Obdachlose eingerichtet haben“, sagte Emi Yaginuma, ein Mitarbeiter der Stadt Tokyo. „Wir versuchen es weiter, indem wir zu Obdachlosen gehen und mit ihnen reden, aber wir können nur versuchen, sie zu überzeugen.“

Obdachlose werden verscheucht und an abgelegene Orte verbannt

Theoretisch ist das Übernachten in einem Bahnhof gesetzlich verboten. In der Praxis findet man Obdachlose in Shinjuku Station und anderen Bahnhöfen, da sie dort einen trockenen Platz zum Schlafen finden. JR East, eine große Eisenbahngesellschaft, die Tokyo bedient, hat keine Vorschriften für Obdachlose. Kommt es zu Beschwerden von Fahrgästen, greift das Unternehmen allerdings ein.

Als die Vorbereitungen für die Olympischen Spiele vor Jahren begannen, mussten Obdachlose, die in einem Park in Tokyos Stadtteil Shibuya kampierten, Platz machen und ein Suppenküchenprogramm wurde in einem anderen, weniger besuchten Park in der Nähe verlegt. Kritiker sagen, dass dies erst der Anfang war.

2016 wurden Obdachlose aus einem Park in der Nähe des New National Stadium, der Hauptarena für die Olympischen Spiele, vertrieben.

Japan hat wie die USA eine relativ hohe Armutsquote für eine wohlhabende Nation. Es ist auch mit Sozialhilfe weniger großzügig als Länder in Europa und es fehlen private Wohltätigkeitsorganisationen, die zum Beispiel in Deutschland und in den USA anzutreffen sind.

16 Prozent der Menschen in Japan lebten 2017 unter der Armutsgrenze

Fast 16 Prozent der Japaner fielen nach Angaben der japanischen Regierung im Jahr 2017 unter die Armutsgrenz, wobei da das jährliche Einkommen unter dem Schwellenwert von 1,2 Millionen Yen (9.882 Euro) liegt. Die Armutsgrenze in Haushalten für Alleinstehende mit Kindern ist mit 51 Prozent weitaus höher.

Die Auflösung von Netzwerken zur Unterstützung von Familien und die Unsicherheit am Arbeitsplatz haben viele in Japan für Rückschläge anfällig gemacht, die zu Obdachlosigkeit führen können. Japans Konformitätskultur sorgt dafür, dass sich viele aus Scham keine Hilfe suchen.

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Die meisten Obdachlosen, die unter der Erde in Shinjuku schlafen, sind ältere Männer.

Shigeyoshi Tozawa hat eine lackierte Bettelschüssel mit ein paar Münzen, drei winzige solarbetriebene Spielzeugfiguren mit wackelnden Köpfen, die in einem 100-Yen-Laden gekauft wurden, und verschiedene Taschen, in denen sich Decken, Kleidung und andere Gegenstände sowie Gedichte befinden.

„Letzte Nacht, Traum einer zukünftigen Reise, es ist dunkel“, heißt es in einem seiner Gedichte. Passanten geben ihm manchmal Geld für die Gedichte, sagt er.

„Das ist meine Gemeinschaft. Wir alle helfen uns gegenseitig.“, sagte Tozawa. „Hier gibt es keine schmutzigen Obdachlosen. Wir sind alle im Trend.“

Routiniert bereiten er und die anderen sich leise auf die Nacht vor, suchen sich ihre Lieblingsplätze aus und falten die Decken ordentlich zusammen. Einige ziehen sich Nachtwäsche an und wischen sich die Füße mit nassen Handtüchern sauber, wobei sie ihre Schuhe behutsam neben die schiefen Pappunterstände stellen.

Nach dem Bauboom wird Arbeiten schwierig

Am nächsten Tag gehen sich die Menschen Arbeit suchen. Denn dank des Baubooms, der in den Vorbereitungen der Olympischen Spiele eingesetzt hat, werden viele Tagelöhner gesucht. Es ist keine einfache Arbeit, aber immerhin können die Obdachlosen so ein wenig Geld verdienen.

Der Bauboom nach den Olympischen Spielen wird sich abschwächen und die Chancen für Gelegenheitsarbeiten für Tagelöhner verringern. Die jungen Menschen, unter den Obdachlosen, die jetzt Nächte in Internetcafés verbringen, werden wahrscheinlich irgendwann auf der Straße landen, so eine Sprecherin einer Hilfsorganisation, die sich seit 30 Jahren um Obdachlose kümmert.

Es ist schwierig, in Tokyo bezahlbaren Wohnraum zu finden. Die Mieten sind hoch und die Vermieter neigen dazu, sich Mieter genau auszusuchen. Allein der Abschluss eines Mietvertrags kann im Voraus eine Miete von mindestens sechs Monaten erfordern. Außerdem führen Baumaßnahmen und Spekulationen dazu, dass die Mieten steigen.

Wer das Geld nicht hat, landet in der Regel auf der Straße. Sozialämter versuchen, Menschen dazu zu bringen, in Notunterkünfte zu ziehen, aber viele, wie der ehemalige Bauarbeiter Masanori Ito, widersetzen sich. „Sie haben Regeln“, sagte er und knabberte an Sandwiches, die er von einem Freiwilligen bekommen hatte.

Die Situation für Obdachlose in Tokyo ist nicht einfach, aber die Olympischen Spiele wird die Lage der „Unsichtbaren“ nur noch verschlimmern, wenn die Stadt versucht, sie gänzlich aus dem Sichtfeld verschwinden zu lassen.

Kyodo, Ma, AS, TJT

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