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"Ich bin mir der Verantwortung schmerzlich bewusst"

Premierminister Shinzo Abe und die Flucht vor der Verantwortung

Japans Premierminister ist in den letzten Jahren von einem Skandal in den anderen gestolpert. Obwohl seine Amtszeit demnächst endgültig vorbei sein dürfte, ist von Einsicht bei ihm nichts zu sehen. Stattdessen zeigen die neuesten Vorkommnisse, dass er sich weiter vor seiner Verantwortung drückt.

Nachdem für Abe das Jahr mit dem Kirschblütenskandal angefangen hatte, sorgten zuletzt der ehemalige Justizminister Katsuyuki Kawai und seine Frau Anri, eine Abgeordnete im Oberhaus, für Aufsehen. Beide wurden nach monatelangen Untersuchungen nun endlich wegen Bestechung verhaftet und angeklagt. Bis jetzt hatte Abe zu dem Ehepaar geschwiegen. Aktuell heißt es von ihm nur, dass er sich seiner Verantwortung schmerzlich bewusst ist. Ein Satz, den viele in den letzten Jahren öfter gehört haben.

Immer wieder das Gleiche

Laut dem Journalisten Tadaoki Nogami soll diese Rhetorik von Abe tiefer liegen als viele denken. Seit 1972 beschäftigt er sich intensiv mit dem Mann. Er kennt sich mit dem Premierminister besser aus als jeder andere und hat auch die Kindheit von ihm umgegraben.

So log Abe sein Kindermädchen Ume Kubo an, dass er seine Sommerhausaufgaben gemacht habe. Kubo erledigte sie dann an seiner Stelle und wie in der heutigen Zeit gelang es Abe seine Verantwortung erfolgreich abzuwälzen. Es wundert deswegen nicht, dass Nogamis Buch zum Charakter von Abe den Titel „Die Maske des Schweigens“ trägt.

Tatsächlich wiederholt Abe bei Skandalen oder anderen Problemen immer wieder die Floskel über die eigene schmerzliche Verantwortung. Er vermeidet so gekonnt eine Lüge und scheint sich zumindest oberflächlich aus der Angelegenheit zu ziehen. Er gibt weder zu, noch streitet er ab, eine Mitschuld an Skandalen zu haben.

Mehr zum Thema:  Mehrheit der Japaner sieht Verantwortung Abes im Skandal um ehemaligen Justizminister

Egal ob Ausnahmezustand, die Frage nach den entführten Japanern in Nordkorea oder der Moritomo-Skandal: Abe ist sich seiner Verantwortung immer bewusst, aber mehr auch nicht. Insgesamt 101 Mal fiel der Satz bei Parlamentssitzungen zwischen 2012 und dem 4. 2020.

Beunruhigende Zahlen, die schon einen fast gleichgültigen Abe zeigen. Ernsthafte Reaktionen gibt es nur, wenn der Druck zu groß wird, wie im Moritomo-Skandal, wo er dann seinen Rücktritt versprach, wenn seine Frau verwickelt sei. Sonst ist Abes große Kunst das Schweigen. Im Fall der Kawais gab es nicht einmal beim gemeinsamen Rücktritt aus der LDP eine Reaktion. Zu dem neuesten Kommentar war Abe nur genötigt aufgrund einer Pressekonferenz zur Verhaftung des Paares. Details und Erklärungen blieben der Öffentlichkeit jedoch weiter verwehrt, schließlich ist es nun nicht mehr Abes Problem.

Rücktritte lösen Probleme

Der politische Kommentar von Minoru Morita fasst das hart zusammen, es ist nur Gerede und nichts dahinter. Abe glaubt nicht daran, dass er einen Fehler gemacht hat oder gar die Verantwortung trägt. Schließlich hat er bis jetzt nie die Verantwortung getragen, auch wenn er das Gegenteil behauptet hat. Sobald die Hauptakteure eines Skandals verschwinden, ist für ihn auch das Problem verschwunden.

Wenn also Abe von seiner schmerzlichen Verantwortung spricht, dann meint er die Beseitigung der Verursacher. Mit dem Rücktritt des Verantwortlichen ist der Premierminister in seinen eigenen Augen von seiner Last befreit und er kann den nächsten Skandal schweigend verfolgen.

MS

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