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Seniorinnen nutzen in Japan Gefängnisse immer mehr als letzten Zufluchtsort

Gefängnisse versuchen, Frauen zu helfen und sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern

Japans Bevölkerung wird immer älter und das bringt große Probleme mit sich. Senioren leben vermehrt allein und müssen sich alleine versorgen. Aus diesem Grund versuchen die Menschen, Unterstützung an einem ungewöhnlichen Ort zu finden: dem Gefängnis. Immer mehr Seniorinnen begehen leichte Straftaten, um anschließend in einer Haftanstalt zu leben.

Der Versuch, der Einsamkeit mithilfe des Gefängnisses zu entgehen, zeigt sich bereits in den Kriminalstatistiken. 82,5 Prozent der Straftaten von Frauen ab 70 Jahren sind Ladendiebstähle. Allgemein sind 90 Prozent der Straftaten in der Altersklasse Diebstähle und somit eher harmlose Verbrechen.

Insassen benötigen Unterstützung und Pflege

Eine der kriminellen Seniorinnen ist die 76-jährige Takako Suzuki. Sie sitzt im Kasamatsu Gefängnis in Gifu in Haft, weil sie einen Diebstahl beging. Es ist dabei schon das zweite Mal, dass sie eine Freiheitsstrafe verbüßt.

Seit sie 70 geworden ist, stahl sie regelmäßig Nahrungsmittel und alltägliche Dinge. Nachdem sie aus dem Gefängnis entlassen wurde, wurde sie sechs Tage danach erneut wegen Diebstahl festgenommen und zu einer Haftstrafe verurteilt.

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Suzuki ist mittlerweile auf Hilfe angewiesen, da sie an fortgeschrittener Demenz leidet und nicht mal einfache Rechenaufgaben lösen kann. Sie wurde bereits bei ihrer ersten Haftstrafe mit der Krankheit diagnostiziert. Im Kasamatsu Gefängnis ist sie als pflegebedürftige Senioren nicht alleine. 300 Frauen leben in der Einrichtung und jede fünfte ist 65 Jahre alt oder älter. Viele von ihnen benötigen dabei Hilfe in ihrem Alltag.

Aufgrund der Einschränkungen können die Seniorinnen jedoch nicht wie die anderen normale Strafarbeiten erledigen. Suzuki muss so manuelle Tätigkeiten ausführen, um sich täglich zu beschäftigen. Für die Essenszeiten erhält sie zusätzlich Aufmerksamkeit und sitzt alleine, da sie dazu neigt, von anderen Frauen das Essen zu klauen.

Für Suzuki ist in Freiheit niemand da und sie lebte die letzten Jahre allein. Ihr Mann ist bereits verstorben und der Kontakt zu ihren beiden Kindern abgebrochen. Sie erklärte, dass sie die ganze Zeit alleine zu Hause war. Suzuki fühlte sich furchtbar und weinte wegen der harten Situation.

Häftlinge lernen, sich untereinander zu helfen

Aufgrund ihrer Geschichte befürchten Behörden, dass sie nach ihrer Freilassung, die bald ist, wieder Straftaten begeht. Deswegen sucht das Gefängnis jetzt nach einer Sozialeinrichtung, die auf sie aufpasst und ihr hilft.

Unterstützung könnten dabei jedoch viele brauchen, denn mehr als vier Millionen ältere Frauen leben in Japan ganz alleine. Bei den Männern ist die Zahl um die Hälfte geringer. Für die Zukunft soll dabei die Zahl der Frauen noch weiter zunehmen, da sie länger leben und die Zahl der alleinstehenden Frauen ebenfalls steigt.

Professor Koichi Hamai von der Ryukoku Universität bestätigt, dass ältere Frauen versuchen, mit den Gefängnissen ihrer sozialen Isolation zu entkommen. Es sei für ihn eine Reflexion der Probleme, mit denen sich die japanische Gesellschaft auseinandersetzen muss.

Da das Problem nur weiter wächst, setzten Gefängnisse vermehrt auf Rehabilitation. In Kasamatsu helfen externe Physiotherapeuten bei körperlichen Beschwerden, unter anderem beim Gehen. Bei einer Frau gelang es ihnen bereits, wieder das Gehen zu ermöglichen, die sehr dankbar dafür ist. Bei gesunden Insassen versucht das Gefängnis hingegen mit Übungsgruppen zu helfen, weiterhin fit zu bleiben, sodass sie keine Pflege benötigen.

Da ebenfalls die Pfleger selbst knapp werden, lernen einige Frauen in einer Berufsausbildung den Beruf, um dann anschließend anderen Insassen zu helfen. Gefängnisdirektor Takao Hosokawa betont dabei, dass sie auf gesunde Häftlinge und externe Experten angewiesen sind, da ihre Mitarbeiter bereits so hart arbeiten wie sie können.

Wieder mit anderen zusammenleben

Jede Präfektur besitzt dazu ein Unterstützungszentrum für ehemalige Häftlinge, damit sie sich wieder in die Gesellschaft eingliedern können. Es wird so versucht, die Rückfallrate zu reduzieren und Mitarbeiter kümmern sich ebenfalls um ältere, einsame Menschen, die niemanden zur Unterstützung haben. So soll die 85-jährige Chikako Tanaka, die an Demenz leidet, ebenfalls wieder ins Leben finden.

Sie saß wegen Diebstahls 18 Monate im Gefängnis und lebte davor ganz alleine von Ersparnissen, da sie keine Rente erhielt. In Aichi bekommt sie jetzt für sechs Monate lang eine vorübergehende Unterkunft. Mit der Hilfe des Zentrums soll sie in der Zeit einen Pflegedienst, ein dauerhaftes Zuhause und wieder Zugang zur Gesellschaft finden.

Tanaka selbst gewöhnt sich allmählich an ihr neues Leben und freute sich über die Feier zu ihrem 85. Geburtstag. Es sei das erste Mal seit zwei Jahrzehnten, dass sie ihn feierte. Die Mitarbeiter wünschen ihr jedenfalls das Beste und hoffen, dass sie ihre letzten Lebensjahre bei ihnen in Freiheit verbringen kann.

NHK

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