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Japan Railway gegen Einführung

Chipkartensystem fürs Bahnfahrten in Tokyo schließt Behinderte aus

Einmal die Chipkarte durchgezogen und schon geht es ab in den nächsten Zug – so einfach wie es klingt, ist das nicht für alle Bahnkunden in Tokyo. Chipkarten für Sondertarife, die Behinderte und deren Begleitpersonen in Anspruch nehmen, gibt es nämlich nicht.

Für Bahnfahrer mit Behinderung bedeutet das Schlangestehen statt schnell mit Chipkarte den Kontrollschalter zu passieren. Die Hauptstadt liegt damit in puncto Barrierefreiheit weit hinter anderen Teilen des Landes zurück, in denen auch Behinderte den Komfort der Chipkarten genießen.

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Behinderte Menschen in Japan sowie deren Begleitpersonen haben Anspruch auf 50 Prozent Ermäßigung auf Zugfahrkarten. Bislang müssen sie an Schaltern in Tokyo Schlange stehen, um diesen Tarif auch nutzen zu können. Außerdem müssen sie bei jedem Ticketkauf ein Zertifikat mit dem Nachweis der Behinderung vorlegen.

Das kann die Reisezeit je nach Andrang erheblich verlängern. Der Interessengruppe für Menschen mit Behinderungen in Chiba ist das ein Dorn im Auge. Sie monieren den Mangel an Smartcards mit ermäßigten Fahrpreisen für Behinderte und deren Betreuer. Betroffen sind alle Linien in der Kanto-Region.

Experiment mit Inhabern von Chipkarten

Die Interessengemeinschaft wurde von Behinderten und ihren Familienmitgliedern gebildet. Sie haben die unterschiedlichen Reisezeiten von Chipkarteninhabern und Behinderten im vergangenen Januar analysiert. Dabei verglichen sie die Reisezeit eines Erwachsenen mit einem behinderten Kind von der JR Chiba Station zur Toyosu Station mit der Reisezeit nicht behinderter Fahrgäste.

Die Zeiterfassung begann mit dem Betreten des Zuges in Chiba und endete nach dem Verlassen des Gleises am Zielbahnhof. Auf der Hinfahrt waren drei Zugwechsel nötig, auf dem Rückweg stiegen die Teilnehmer des Experiments zweimal um.

Das Ergebnis zeigt einen eklatanten Zeitunterschied auf: Die erwachsende Person mit ihrem behinderten Kind benötigte für die Bewältigung der Hinfahrt 35 Minuten mehr, insgesamt waren die beiden 56 Minuten länger unterwegs als die Reisenden ohne Behinderung.

Zusätzliche Zeit für Ticketkäufe

Das liegt daran, dass behinderte Menschen und ihre Betreuer bei jedem Umstieg zusätzliche Zeit benötigen, um am Bahnschalter ermäßigte Tickets zu kaufen. Ein Unding, meinen die Betroffenen. „Wir wollen auch an den Fahrkartenschranken vorbeikommen“, sagte eine 48-jährige Frau aus Chiba, die mit ihrem geistig behinderten Kind an dem Zeitexperiment teilnahm.

Gewöhnliche Chipkarten erleichtern den Menschen zwar den schnellen Zugang zu ihrem Zug, nach der Reise müssen sie sich dennoch an einem Schalter anstellen, wenn sie nachträglich einen Rabatt für ihr normales Reiseticket bekommen wollen. Ist der Bahnhof unbemannt, wird das schwer.

Weitere Nachteile für Menschen mit Behinderung

„Behinderte Menschen, die bereits Mobilitätsnachteile haben, werden durch das Fehlen von Chipkarten mit Behindertenrabatten weiter mit Nachteilen belastet“, sagte der Leiter der Gruppe, Ryu Takamura, 69, nach der Auswertung des Experiments.

Die Gruppe kam zu einem weiteren Ergebnis: Körperlich behinderte Menschen, die mit einem motorisierten Rollstuhl reisen, benötigen noch mehr Zeit für die Strecke von Chiba nach Toyosu. Die Gruppe rechnete aus, dass diese Menschen sogar 1 Stunde und elf Minuten länger unterwegs sind. Sie benötigen mehr Zeit, um Aufzüge am Bahnhof zu finden, sofern vorhanden,  sowie die mit Rollstuhlplätzen ausgestatteten Zugabteile.

Gruppe fordert Anpassung des Chipkartenangebots

Die Interessengemeinschaft von Ryu Takamura reichte am 6. April einen Brief an das Ministerium für Land, Infrastruktur, Transport und Tourismus ein. In ihrem Schreiben fordern sie Chipkarten mit Behindertenrabatten. 722 Einzelpersonen und 41 weitere Behindertenorganisationen unterstützen den Antrag der Gruppe aus Chiba.

Japanische Eisenbahngesellschaften bieten landesweit auf keiner ihrer Strecken Chipkarten mit Behindertenermäßigung an. Einige andere Betreiber außerhalb der Region Kansai tun dies bereits länger. Chipkarten für behinderte Bahnreisende gibt es auch in Sapporo, Sendai, Nagoya und Fukuoka.

East Japan Railway argumentiert gegen Einführung

Bei der East Japan Railway Company gehen regelmäßig Anfragen von Behindertenverbänden ein, Chipkarten mit Behindertentarifen anzubieten. Doch das Unternehmen argumentiert bislang gegen die Einführung. Diese sei verbunden mit einer „massiven Systemüberholung“ sowie mit der Koordination anderer Bahnbetreiber, die ihre Strecken mitbenutzen. Aus der Sicht des Unternehmens stellt es eine „gewaltige Herausforderung“ dar, entsprechende Smartcards einzuführen.

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