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Gewalt, Kälte und Ignoranz

Die Feindseligkeit gegenüber Obdachlosen in Japan

In Japan legen viele Menschen eine gewisse Feindseligkeit gegenüber Obdachlosen an den Tag. Oft werden obdachlose Menschen als Ausschuss der Gesellschaft angesehen, weil sie es nicht schaffen, einen gewissen Lebensstandard aufzubauen.

Als trauriges Beispiel dient der 16. November, als ein 46-jähriger Mann eine 64-jährige Frau in einem Wartehäuschen an einer Bushaltestelle mit einem Sack Steine geschlagen und sie damit getötet hatte.

„Ich wollte die Obdachlose nur verscheuchen“

Der Mann sagte bei der Polizei, es sei nicht seine Absicht gewesen die Frau zu töten, sondern ihr Schmerzen zuzufügen, damit sie die Bushaltestelle verlässt, wo sie oft übernachtet. Vorher hatte er der obdachlosen Frau Geld angeboten, damit sie verschwindet, was sie ablehnte und ihn wütend gemacht habe.

Mehr zum Thema:  Obdachlose, die vergessenen Menschen in der Coronavirus-Pandemie

Dieser Vorfall hat in Japan aufgezeigt, inwieweit Japans Gesellschaft gegenüber Obdachlosen herzlos eingestellt ist, besonders jetzt, wo eine Pandemie die Welt in Atem hält und die Menschen noch verwundbarer sind.

Über die Frau selbst ist nicht viel bekannt, die Polizei fand bei ihr nur ein altes kaputtes Mobiltelefon und einen Zettel mit mehreren Kontaktdaten. Laut japanischen Medien hatte ihr jüngerer Bruder, der in Tokyo lebt, seit einem Jahr keinen Kontakt mehr und wusste nicht, dass sie auf der Straße lebte.

Anwohner sagten, dass sie immer gegen 1 Uhr morgens an der Bushaltestelle ankam, lange nachdem der letzte Bus abgefahren war, und gegen 5 Uhr morgens ging, lange bevor der erste Bus ankam. Sie wollte offensichtlich nicht gesehen werden, geschweige denn jemanden mit ihrer Anwesenheit belästigen. Die Frau wusste, was die Gesellschaft von ihr hielt. Der Täter, der in der Nähe wohnte, hat sie gesehen, und ihm gefiel nicht, was er sah.

Tomoshi Okuda, ein Geistlicher, schrieb auf der Ronza-Website von Asahi Shimbun, dass er sich seit 30 Jahren um Obdachlose kümmert und glaubt, dass der Durchschnittsbürger nicht versteht, wie es ist, auf der Straße zu leben. Ein Obdachloser erzählte ihm einmal, dass er jede Nacht vor dem Schlafengehen betet, und Okuda fragte ihn, ob er Christ sei. Der Mann sagte, er bete nicht zu Gott – er betete nur, dass er nicht mehr aufwachen würde.

Feindliche Umgebung

In einem Artikel, der auf der Website Aera Dot erschien, besucht ein Reporter nachts den Tatort, um ein Gefühl für die Situation zu bekommen. Er setzt sich auf die Bank, die nur 22 Zentimeter breit ist. Sie ist kalt und hart, und er kann sich nicht gegen die Mauer lehnen, was bedeutet, dass Obayashi im Sitzen hätte schlafen müssen. Der Reporter bleibt eine Stunde und geht dann. Es ist zu schmerzhaft, noch länger dort zu sitzen.

Die Bank ist ein Beispiel für eine feindselige Architektur, eine städtebauliche Idee, die es seit Jahrhunderten gibt, obwohl sie in den letzten Jahrzehnten, als immer mehr Obdachlose in Japan sichtbar wurden, kreativer genutzt worden zu sein scheint. Es sind mehr Menschen betroffen als offizielle Zahlen angeben. In seinem Essay schrieb Okuda darüber, wie Sitze in Bahn- und Busbahnhöfen in Bereiche verlegt wurden, die nur für zahlende Fahrgäste zugänglich sind.

In einer kürzlich erschienenen Diskussion über den Mord erwähnte die Web-Sendung No Hate TV feindselige Architektur in den Kellergängen rund um den Bahnhof von Shinjuku, wo es vor mehr als 20 Jahren einen anhaltenden Konflikt zwischen der örtlichen Polizei und einem unterirdischen „Pappkartondorf“ von Obdachlosen gab, das vor und nach dem Umzug der Büros der Stadtverwaltung von Tokyo von Marunouchi nach Shinjuku mehrmals seinen Standort wechseln musste. An der Stelle, wo das Dorf früher lag, installierten die Behörden Reihen von besetzten Säulen, die sie „Kunst“ nannten.

Obdachlose ewige Subjekte des Hasses

In der Sendung wurde argumentiert, dass die Obdachlosen in Japan ewige Subjekte des Hasses sind. Wie Okuda sehen auch die Moderatoren des Programms, Yasumichi Noma und Koichi Yasuda, die Bank, auf der Obayashi starb, als Symbol dieses Hasses und verspotteten einen Reporter von Asahi Shimbun, der seine Ignoranz offenbarte, als er twitterte, dass er nichts über das Haijo-Design wisse.

Einige Bürger in Europa und den Vereinigten Staaten protestieren jedoch, wenn die Behörden feindliche Designfunktionen installieren. In Japan, so Noma, habe niemand etwas gesagt. Entweder wissen die Leute nichts, oder es ist ihnen egal.

Sachiyo Ikeda, ein langjähriger Kämpfer für obdachloser Menschen, der an der No-Hate-Diskussion im Fernsehen teilnahm, schrieb am 23. November eine Reihe von Tweets, die dem allgemeinen Glauben entgegenwirkten, dass Menschen, die obdachlos sind, kein Interesse daran haben, ein normales Leben zu führen. Eine Meinung, die den Hass gegen sie noch verstärkt.

Im Zeitalter von COVID-19 möchte Ikeda uns zu verstehen geben, dass mehr Menschen nicht allein mit ihren eigenen Anstrengungen auskommen können, dass Obdachlosigkeit das Ergebnis politischer Entscheidungen ist.

In einer Kolumne über Obayashis Ermordung im Magazin 9 schlug die auf Armutsfragen spezialisierte Schriftstellerin Karin Amamiya vor, dass es in öffentlichen Schulen einen Kurs geben sollte, in dem Kindern beigebracht werden sollte, wie sie ihr Leben neu aufbauen können, falls ihnen etwas unerwartet Schreckliches zustößt, denn weder ihre Mitbürger noch die Behörden werden wahrscheinlich für sie da sein, wenn sie durch die Maschen fallen.

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