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HomeNachrichten aus JapanSoziales & LebenFilm über Japans schlafende Angestellte erhält internationale Aufmerksamkeit

Es sind nicht, wie im ersten Augenblick oftmals angenommenen, reine Schnapsleichen

Film über Japans schlafende Angestellte erhält internationale Aufmerksamkeit

Der Anblick auf der Straße liegender Anzugträger, vor allem in den japanischen Großstädten, sorgt bei Japan-Besuchern oftmals für Bestürzung. Zum einen, da die Menschen teilweise einfach umfallen und liegen blieben. Sie werfen aber auch ein kritisches Licht auf die japanische Unternehmenskultur, in der alle loyal und emsig bestrebt sind, den Erwartungen der Vorgesetzten gerecht zu werden.

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Die Fotografin Allegra Pacheco, die ursprünglich aus Costa-Rica stammt, bildete keine Ausnahme. Die Frau war ebenso überrascht, als sie in Tokyo in Vierteln wie Shibuya, Shinbashi oder Ikebukuro mehrfach auf solche Männer traf, von denen die Passanten kaum Notiz nahmen. Als sie bei japanischen Bekannten nachfragte, erzählten diese ihr, dass das Schlafen im Freien bei japanischen Angestellten kein seltenes Phänomen sei und die Menschen in Japan an den Anblick gewöhnt seien.

Schlafende Angestellte irritieren Besucher

Inspiriert von diesen ungewöhnlichen Erscheinungen, die so überhaupt nicht zum Bild der lang arbeitenden Japanern passen, entschied sich Pacheco einen ganzen Film über die japanischen Angestellten zu drehen, den sie einfach „Salaryman“ nannte. Mittlerweile lebt Pacheco schon selbst acht Jahre in Japan und ist an das Bild der Arbeitnehmer gewöhnt. Das Wort Angestellte erschien ihr fast schon zu schwach für die Heerscharen von Menschen, die jeden Tag an ihren Arbeitsplatz pilgern.

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Sie fand schnell heraus, dass es in den Städten überall Menschen mit ähnlichen Outfits gibt, die den Tag über im Büro verbringen und danach noch mit dem Vorgesetzten und den Kollegen etwas trinken gingen. Einige der alkoholisierten Männer schafften den Weg nach Hause dann nicht mehr. Die Fotografin begann die Menschen zu fotografieren, die einfach schlafend auf der Straße lagen. Später begann sie die Silhouetten mit Kreide auf den Boden zu malen.

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Später entstand die Idee, einen Dokumentarfilm über diese Menschen zu drehen. Durch Interviews mit Betroffenen wollte Pacheco der Bedeutung von Arbeit in Japan näherkommen. Die Filmemacherin traf Gesprächspartner auf den Straßen, in Kneipen und in Zügen. Auch Dating-Apps erwiesen sich als sehr hilfreich. Beschwipste Angestellte waren aber die auskunftsfreudigsten Interview-Partner.

Angestellte wollen mehr Zeit für die Familie

Da Pacheco ein sehr arbeitsorientiertes Leben führte, fühlte sie sich den Angestellten sehr verbunden. Während die Japaner die meiste Zeit im Büro verbrachten, war sie in ihrer Dunkelkammer beschäftigt. Insgesamt fünf Jahre lang sprach die Filmemacherin mit rund 100 Personen, darunter auch mit der Mutter einer 24-jährigen Frau, die 2015 Selbstmord beging, weil sie mit dem Arbeitspensum und -klima in ihrem Unternehmen nicht zurechtkam.

Früher wurde den meisten japanischen Angestellten als Gegenleistung für lange Arbeitszeiten und Loyalität zum Unternehmen eine lebenslange Beschäftigung garantiert. Viele opferten Zeit mit ihrer Familie, um ihr Arbeitspensum zu schaffen. Die Wirtschaft profitiert davon. Heutige Generationen sehen diesen arbeitsorientierten Lebensstil eher kritisch. Heute wünschen sich die Arbeitnehmer in Japan mehr Zeit für die Familie.

Ursprünglich sollte „Salaryman“ schon im letzten Jahr erscheinen. Wegen der Pandemie war das nicht möglich. Die Zeit nutzte Pacheco, um online weitere Interviews zu führen. Mittlerweile stellte sie ihren Film auf mehr als 20 Festivals in den USA vor. Derzeit sucht die Filmemacherin nach einer Möglichkeit, ihr Werk auch in Japan auf die große Leinwand zu bringen, in der Hoffnung, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten und so gegebenenfalls den einen oder anderen zum Umdenken zu bewegen. Außerdem wünscht sie sich einen weiteren Austausch, vor allem im Hinblick darauf, wie die Pandemie die Arbeitsverhältnisse in Japan verändert hat.

Japans schlafende Angestellte bleiben in Erinnerung
Schlafender Angestellter auf der Straße Bild: Allegra Pacheco
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