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Gesellschaftlicher Druck führt dazu, dass man sich keine Hilfe sucht

Japanische Prominente und der Druck immer perfekt sein zu müssen

In der letzten Zeit häufen sich die traurigen Nachrichten, dass sich japanische Prominente das Leben genommen haben. Zwar herrscht in der Unterhaltungsindustrie schon immer ein gewisser Druck, dass man perfekt sein muss, in Japan ist er aber um einiges größer.

Fans erwarten dieses Bild und widerspricht ein Prominenter dieser Vorstellung, kann es sehr schnell dazu kommen, dass man sich einem „Shitstorm“ ausgesetzt sieht.

Prominente führen nach außen ein perfektes Leben

Am 28. September ging die traurige Nachricht durch die Medienlandschaft, dass sich die japanische Schauspielerin Yuko Takeuchi das Leben genommen hat.

Von außen betrachtet schien sie ein goldenes Leben zu führen. Sie hat dreimal den höchsten Schauspielpreis Japans gewonnen und vor Kurzem brachte sie ihr zweites Kind zur Welt. Sie war zudem als Werbefigur begehrt.

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Für viele führte die Schauspielerin ein tolles Leben, um das sie beneidet wurde.

Unter der Oberfläche sah es aber anders aus und niemand weiß genau, unter welchen Problemen sie gelitten hat.

In der japanischen Gesellschaft ist allerdings Selbstverleumdung normal und sich keine Hilfe zu suchen dadurch auch. Eine Situation, die einen unsagbaren Druck aufbaut.

Zudem wird erwartet, dass man als Star perfekt ist, bloß keine „Skandale“ erzeugen und sich Hilfe für seelische Probleme zu suchen, würde genau so einen Skandal auslösen, der von der Presse gnadenlos ausgeschaltet und von den Fans in alle Richtungen diskutiert werden würde. Anders gesagt, so etwas kann dafür sorgen, dass die Karriere vorbei ist.

Jetzt werden viele wahrscheinlich sagen, dass man auf die Karriere lieber „pfeifen“ sollte, denn das eigene Leben ist wichtiger. Allerdings ist es in Japan sehr schwer, wieder auf die Beine zu kommen, wenn man einmal einen „Skandal“ ausgelöst hat.

Der eigentliche Grund scheint nicht wichtig zu sein

Takeuchi ist die Jüngste in einer Reihe von japanischen Film- und Fernsehstars, die sich in diesem Jahr das Leben genommen haben. Ihr Tod kam weniger als zwei Wochen nach dem Selbstmord von Sei Ashina und zwei Monate, nachdem Haruma Miura, ein beliebter Fernsehschauspieler, tot in seinem Haus aufgefunden wurde und einen Abschiedsbrief hinterließ.

Anfang dieses Jahres nahm sich Hana Kimura, eine professionelle Wrestlerin und Star der Reality-Show „Terrace House“, nach unerbittlichem Mobbing in sozialen Medien das Leben. Abgesehen von Kimura hatte keiner der anderen Prominenten, die sich das Leben nahmen, in der Öffentlichkeit Anzeichen seelischen Leids gezeigt.

Da die Selbstmordrate durch die Pandemie in Japan gestiegen ist, die Behörden berichten über einen 16-prozentigen Anstieg, wurde der Grund für Takeuchis Selbstmord ebenfalls dem Coronavirus zugeordnet.

Auch bei den anderen Selbstmorden wurde ein anderer Grund genommen oder gar nicht erst gesucht. Im Fall von Hana Kumura war man eine kurze Zeit entrüstet, aber das war es dann auch schon.

Das eigentliche Problem fand unterdessen keine Beachtung: Der Druck immer perfekt zu sein.

Keine Schwäche zeigen ist in Japan normal

Yasuyuki Shimizu, Direktorin des Japan Support Center for Suicide Countermeasures sieht das Problem ebenfalls darin, dass man in der japanischen Gesellschaft keine Schwache zeigen darf. „Als Gesellschaft haben wir das Gefühl, dass wir unsere Schwächen nicht zeigen können, dass wir sie alle festhalten müssen. Es ist nicht nur so, dass die Menschen das Gefühl haben, nicht zu einem Berater oder Therapeuten gehen zu können, sondern viele haben auch das Gefühl, dass sie ihre Schwächen nicht einmal den Menschen zeigen können, die ihnen nahestehen.“

„Die Gründe für jeden individuellen Selbstmord sind komplex. Und viele der Belastungen, die die Japaner empfinden, sind universell: Sie spüren, wie viele andere auch, die rücksichtslosen Forderungen der sozialen Medien, in denen die Menschen das Gefühl haben, eine Erzählung von ewigem Erfolg und Glück pflegen zu müssen. Das kann definitiv ein Grund dafür sein, in eine Depression zu geraten, wenn die eigene Realität nicht mit dem kuratierten Porträt eines anderen übereinstimmt“, so Shimizu.

Immer perfekt sein, bloß keine Schwäche zeigen

Selbst abseits der sozialen Medien neigen die Japaner dazu, ein positives Selbst von sich zu spielen. Es gibt eine strikte Trennung zwischen uchi (zu Hause oder drinnen) und soto (draußen), wobei Emotionen auf den privaten Bereich beschränkt sind.

Die Menschen haben auch das Gefühl, dass sie sich an Regeln halten müssen und nicht abweichen dürfen, da sie sonst als Belastung für andere angesehen werden könnten. Sich Hilfe zu suchen ist in so einer Umgebung schwierig.

Doch Hilfe ist genau das, was viele Menschen während der Pandemie gebraucht haben: Einige haben ihren Arbeitsplatz verloren oder drastische Veränderungen an ihrem Arbeitsplatz erlebt und viele konnten keine Zeit mit Freunden oder der Familie verbringen.

Besonders Frauen wurden in Stresssituationen hineingeworfen. Während der Zeit, als Schulen geschlossen waren und viele Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiteten, waren die Familien in kleinen Häusern zusammengepfercht.

Nur wenige Männer, die plötzlich mehr Zeit zu Hause verbrachten, halfen auch bei der Kindererziehung oder der Hausarbeit mit, viele überließen den Großteil der Hausarbeit immer noch ihren Frauen.

Die Selbstmordrate ist daher gerade bei jungen Frauen in Japan deutlich angestiegen.

Pandemie hat den Druck auf Prominente noch einmal verschärft

Für Prominente kann der normale gesellschaftliche Druck durch die Erwartungen von Millionen von Fans noch verstärkt werden.

Die Pandemie hat die Situation für diejenigen im Showgeschäft noch einmal verschärft, da die Fernseh- und Filmproduktion aufgrund von Maßnahmen ausgesetzt oder verändert wurde.

Auf einer Pressekonferenz am Tag nach Takeuchis Tod sagte Katsunobu Kato, der Chefkabinettsekretär von Premierminister Yoshihide Suga, er sei besorgt, dass Berichte über die Selbstmorde der Prominenten selbst andere dazu veranlassen könnten, sich das Leben zu nehmen.

Auch Kato sprach das eigentliche Problem allerdings nicht an.

Anmerkung der Redaktion: Sollten Sie Suizidgedanken haben, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen helfen konnten, einen Ausweg aus einer problematischen Situation zu finden.

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