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Umfrage der Nippon Foundation

Japans Jugend hadert mit Ehe und Familie

Japans Jugend sorgt sich um die niedrige Geburtenrate im Land, hadert aber auch selbst mit der Familienplanung. Das ergab eine nun ausgewertete Umfrage von Ende 2022. Sie zeigt das Dilemma, in dem sich die Japaner befinden.

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Dass Japans Gesellschaft auf eine unsichere Zukunft blickt, ist schon lange bekannt. Langsam aber sicher geht dem Land der Nachwuchs aus, während der Anteil der Menschen im Rentenalter immer weiter ansteigt. Die Überalterung belastet das Land sozial und wirtschaftlich.

Umfrage unter Jugendlichen zu sozialen Themen

Die japanische Regierung hat sich zwar auf die Fahne geschrieben, den Abwärtstrend bei den Geburten aufzuhalten, an effektiven Maßnahmen fehlt es aber. Zuletzt waren Gutscheine im Gespräch, die Kinderbetreuung und andere Unterstützungsleistungen gewähren sollen. Dass das ausreicht, um das Kinderkriegen in Japan wieder populär zu machen, daran glaubt zumindest Japans Jugend nicht.

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Das ist eines der Ergebnisse der aktuellsten „Awareness Survey“ unter japanischen Jugendlichen im Alter von 17-19 Jahren. Durchgeführt wird die Umfrage seit 2018 von der Nippon Foundation, einer privaten Stiftung, die sich besonders im Bereich Bildung und Erziehung engagiert.

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Der aktuelle Awareness Survey vom Dezember 2022 war bereits die 52. Auflage der Umfrage. Diesmal ging es um die Themen „Werte“ und „Lebensplanung“, zu denen 1000 Jugendliche in einer Online-Umfrage Auskunft gaben. Spezifisch betrafen die Fragen etwa die Gedanken der Jugendlichen zu Ehe und Partnerschaft und zur Kindererziehung.

Klar wurde in der Umfrage: Japans Jugend ist sich der Problematik der Überalterung durchaus bewusst. Drei Viertel der Befragten sahen die sinkende Geburtenrate als bedeutende Krise. Die Maßnahmen der Regierung bewerteten 80 Prozent als unzureichend.

Freiheit und Finanzen vs. Familie

Doch ob sie selbst einen Beitrag zum Erhalt der japanischen Gesellschaft leisten wollen und können, daran zweifeln viele der Jugendlichen. Zwar gaben zwei Drittel an, sie hätten grundlegend den Wunsch zu heiraten – doch nur 16,5 Prozent glaubten fest daran, dieses Ziel auch zu erreichen.

Als Gründe für ihre Zweifel nannten zwei von zehn männlichen Befragten finanzielle Schwierigkeiten. Rund die Hälfte der jungen Männer antworteten, sie hätten keinen Partner oder glaubten nicht, einen finden zu können. In den Antworten spiegelt sich das in der japanischen Gesellschaft immer noch verankerte Ideal wider, jung zu heiraten und eine Familie zu gründen – obwohl dies schon längst nicht mehr der Lebensrealität entspricht.

Bei den befragten Frauen hingegen waren es vor allem Bedenken bezüglich der Belastungen in der Ehe, die dem Heiratswunsch entgegenstehen. Rund die Hälfte von ihnen antwortete, es sei psychisch weniger belastend, Single zu bleiben. Viele der Jugendlichen hadern offensichtlich mit den Erwartungen, die die Gesellschaft an Ehepaare und insbesondere an Ehefrauen stellt.

Auch wenn der Trend in Japan immer öfter nicht zur Ehe geht und sich die befragten Jugendlichen pessimistisch zu ihren eigenen Ehe-Chancen äußerten, so genießt sie als Institution weiterhin viel Zustimmung. Denn auch danach wurde im Awareness Survey gefragt.

Acht von zehn Jugendlichen äußerten sich dabei wohlwollend gegenüber der Ehe generell. Ebenso viele befürworteten auch Modelle, die gleichgeschlechtlichen Paaren eine Ehe-ähnliche eingetragene Partnerschaft ermöglichen.

Japans Regierung muss Vertrauen in die Zukunft schaffen

Die Antworten zum Kinderwunsch lesen sich wiederum eher pessimistisch. Immerhin fast 37 Prozent der Jugendlichen möchten keine Kinder in die Welt setzen. Fast alle begründeten dies mit dem Freiheitsverlust, der mit der Familiengründung einhergeht. Unter den befragten Frauen war der Anteil dabei höher als bei den Männern. Kein Wunder, schließlich wird Kindererziehung in Japan vorrangig als Aufgabe der Mutter gesehen, die für die Familie auch eine mögliche Karriere aufzugeben hat.

Zu den Argumenten gegen eigene Kinder zählen laut der Umfrage oft auch finanzielle Bedenken. Die Kinderziehung gilt für die Jugendlichen als finanzielle Belastung, der sie sich nicht gewachsen sehen. Hier besteht aber auch für die Regierung ein möglicher Ansatzpunkt für Maßnahmen. So wünschten sich die Befragten etwa durchgehend kostenlose Bildung für Kinder, um Familien zu entlasten.

Während sich einige der von den Jugendlichen geäußerten Bedenken – etwa zum Zeitpunkt der Befragung fehlende Partner – durchaus mit der Zeit ändern könnten, so zeigt die Umfrage dennoch, in welchem Dilemma Japans Gesellschaft steckt.

Das Land ist dringend darauf angewiesen, dass sich wieder mehr Menschen für eine Familiengründung entscheiden, um dem demographischen Wandel entgegenzutreten. Gleichzeitig ist der Gedanke an Ehe und Familie für Japans Jugend aber so unattraktiv wie nie zuvor.

Die vergangenen zwei Jahre, in denen die Möglichkeiten der Jugendlichen zur Selbstentfaltung durch Corona-Maßnahmen stark eingeschränkt waren, könnten durchaus daran beteiligt sein, dass der Wunsch nach persönlicher Freiheit bei den Befragten besonders heraussticht.

Wenn Japans Regierung die Geburtenrate ernsthaft angehen möchte, dann darf es also nicht bei Gutscheinen bleiben, das zeigt die Umfrage deutlich. Denn nach zwei Jahren voller Krisen braucht es starke Maßnahmen und grundlegende Veränderungen, um der Jugend Vertrauen in eine Zukunft zu geben, in der auch eine Familiengründung wieder attraktiv ist.

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