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Uni-Leben im Zeichen der Pandemie

Studienbeginn in Corona-Zeiten hat langfristige Auswirkungen auf Studierende

Neue Freunde treffen, an Club-Aktivitäten teilnehmen und interessante Vorlesungen besuchen – so hatten sich japanische Studierende im Jahr 2020 ihr Leben an der Universität vorgestellt. Doch durch die Corona-Pandemie kam alles anders.

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Eine japanische Organisation verfolgt seit Jahren aufmerksam, welche Auswirkungen die Einschränkungen der Corona-Pandemie auf den Uni-Alltag der Studierenden und ihre Wahrnehmung des Studiums hatten. Nun wurden neueste Umfrageergebnisse vorgestellt. Die zeigen, welche Gruppen besonders unter Corona gelitten haben.

Umfragen zeigen die Zufriedenheit und die Sorgen der Studierenden

Durchgeführt und ausgewertet wurde die Umfrage von der „National Federation of University Co-operative Associations“ (NFUCA), die sich aus Studierenden, Absolventen und Fakultätsmitgliedern von Universitäten in ganz Japan zusammensetzt. Ziel von NFUCA ist es, die Universitäten, aber auch die Regierung, auf Missstände an Universitäten aufmerksam zu machen und Verbesserungsvorschläge zu entwickeln.

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Für die aktuelle Umfrage wurden im Juli 5,225 Studierende in einer Online-Umfrage zur Situation an ihren Universitäten befragt. Die Ergebnisse schließen sich an die des Vorjahres an, als 7,832 Personen die Fragen von NFUCA beantworteten. Themen der Umfragen waren die Zufriedenheit mit dem eigenen Studium und die soziale Situation der Studierenden.

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Dabei zeigte sich, dass eine Gruppe ganz klar zu den Verlierern der Corona-Maßnahmen in Japan gehörte: die Studieneinsteiger von 2020. Mittlerweile befinden sie sich im dritten Studienjahr und leiden immer noch unter den Folgen der starken Einschränkungen im Studienbetrieb.

Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme mit Gleichaltrigen fehlten

Im Zuge der Pandemie wurden in Japan die üblichen Einführungszeremonien, bei denen die Studierenden feierlich an ihre Universitäten aufgenommen werden, landesweit abgesagt. Auch andere Orientierungsveranstaltungen, Freizeitaktivitäten und natürlich die Lehrveranstaltungen selbst fielen in 2020 und auch in 2021 aus oder wurden in den virtuellen Raum verlegt.

Für die Studierenden entfielen damit alle üblichen Möglichkeiten, sich selbst als Teil einer Gruppe zu erfahren, neue Bekanntschaften und Freundschaften zu schließen und ein Sozialleben rund um das Studium aufzubauen. Auch nachgeholte Zeremonien im Jahr 2021 konnten an den sozialen Schäden, die so entstanden waren, nicht mehr viel ändern.

Das zeigt sich in den Umfrageergebnissen von NFUCA. Studierende, die in 2020 ihr Studium aufnahmen, zeigen sich am wenigsten zufrieden mit ihrem Uni-Leben. Rund ein Viertel von ihnen antwortete, dass sie unzufrieden wären. Bereits bei den ein Jahr später Eingestiegenen sinkt diese Zahl auf rund 16 Prozent.

Die Zahlen zeigen aber, dass die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts und von Club-Aktivitäten bereits viel zur Verbesserung der Stimmung unter den Studierenden beigetragen hat. In den Umfragen des vergangenen Jahres war fast die Hälfte der Studierenden im zweiten, dritten oder vierten Studienjahr unzufrieden mit ihrem Studentenleben.

Wie schwierig es sich gestaltet, einmal verpasste Gelegenheiten nachzuholen, zeigen noch weitere Ergebnisse. Denn auch wenn die allgemeine Zufriedenheit gestiegen ist, unterscheidet sich das Sozialleben der Pandemie-betroffenen Studierenden deutlich.

Betroffene sorgen sich vor Nachteilen im Berufsleben aufgrund fehlender Erfahrungen

Gerade einmal die Hälfte der Befragten im dritten Studienjahr ist Mitglied in einem der vielen Universitätsclubs, die üblicherweise von den Studierenden selbst gegründet und verwaltet werden. Rund ein Drittel ist überzeugt, im Laufe ihres Studiums auch keinem Club mehr beizutreten. Im Gegensatz dazu nahmen drei Viertel derer im ersten Studienjahr an Clubs teil.

Und auf diejenigen, die an den Freizeitaktivitäten teilnehmen, warten noch weitere Herausforderungen. Denn von älteren Studierenden wird erwartet, dass sie die Leitung der Clubs übernehmen können. „Mir wurde die Verantwortung für einen der Clubs übertragen, aber ich habe genauso wenig Wissen oder Erfahrung wie die Studierenden im ersten Jahr“, beschreibt einer der Befragten das Problem. „Die Unerfahrenheit lässt mich wirken, als wäre ich nicht an dem Club interessiert und die anderen Mitglieder kritisieren mich dafür. Es ist hart.“

Wer in 2020 mit dem Uni-Leben begann, fühlt sich darum oft isoliert und findet keinen Anschluss mehr. Viele antworteten in der Umfrage, dass sie nur wenige Freunde gefunden hatten. Sie mussten oft monatelang auf Gelegenheiten warten, ihre Kommilitonen erstmals in Präsenz kennenzulernen. Keita Takasu, der die Ergebnisse der NFUCA-Umfrage präsentierte, war sehr überrascht davon, wie schnell Studenten jüngerer Jahrgänge neue Freundesgruppen haben bilden können.

Mit der Aufhebung der meisten Corona-Maßnahmen in Japan und der Rückkehr zum regulären Studienbetrieb können die Studierenden, die sich in den letzten zwei Jahren stark vernachlässigt gefühlt haben, kaum mit großer Aufmerksamkeit für ihre Situation rechnen.

Doch viele von ihnen machen sich Sorgen, wie sich die Ereignisse auf ihre Zukunft auswirken werden. „Wenn ich in einem Vorstellungsgespräch gefragt werde, auf was ich mich in meiner Universitätszeit konzentriert habe, weiß ich nicht, ob ich gute Antworten darauf habe“, zitierte NFUCA eine der befragten Personen im Bericht von 2021.

Noch dauert es zwei Jahre, bis die Studienanfänger des Jahres 2020 ihren Abschluss machen werden – die meisten Studiengänge in Japan dauern vier Jahre. Ob die Zeit ausreichen wird, um die Nachteile eines Studienbeginns in der Corona-Pandemie auszugleichen oder ob die Betroffenen mit Benachteiligungen in der Arbeitswelt rechnen müssen, darauf wird NFUCA auch in den kommenden Jahren ein Auge haben.

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