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HomeNachrichten aus JapanSoziales & LebenViele Kindertagesstätten in Japan geben Eltern benutzte Windeln mit

Umdenken in Kindergärten gefordert

Viele Kindertagesstätten in Japan geben Eltern benutzte Windeln mit

Eine Kindertagesstätte sollte Eltern das Leben eigentlich erleichtern. Doch manche Kinderkrippen in Japan stellen die Mütter und Väter vor ganz besondere Herausforderungen – neben dem eigenen Kind bekommt man dort beim Abholen auch dessen gebrauchte Einweg-Windeln.

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Dass Eltern den Kitas Windeln für ihre Kinder zur Verfügung stellen, ist auch in Deutschland nicht ungewöhnliches. Die Windeln werden mit dem Namen des Kindes versehen und dann über den Tag verwendet. Danach sollten sie eigentlich im Müll verschwinden.

Start-Up aus Osaka befragt Gemeinden zum Umgang mit Windeln

Doch nach einer Umfrage des Start-Ups Baby Job Inc. müssen Eltern in immerhin 40 Prozent der Präfekturen Japans damit rechnen, gebrauchte Windeln nach dem Kita-Besuch selbst zu entsorgen. Das Unternehmen aus Osaka bietet Eltern eine Art Abo-Service an, der Windeln direkt an die Kita liefert und somit die Belastung im Alltag reduziert. Das hilft insbesondere den Müttern, die in Japan auch heute den allergrößten Teil der Erziehungsarbeit leisten und dabei gleichzeitig die volle Verantwortung für den Haushalt übernehmen sollen.

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In den letzten Jahren nahm die Zahl der japanischen Kinder, die auf einen Platz in einer Kindertagesstätte warten mussten, immer weiter ab. Die Anzahl der Eltern, die sich mit dem Windel-Problem herumschlagen müssen, stieg in der Folge. Das nahm Gründer Koji Ueno zum Anlass, sein Unternehmen ins Leben zu rufen und konnte einen erfolgreichen Start verbuchen.

Im Rahmen seiner Arbeit stieß er jedoch auf das Phänomen der Rückgabe von benutzten Windeln und forschte nach. Er ließ in 1461 Gemeinden Japans, die städtische Kitas betreiben, anfragen, wie dort mit dem Abfall umgegangen wird. Das Ergebnis: in immerhin 39 Prozent aller Gemeinden fand sich mindestens eine Kita, die benutzte Windeln an die Eltern übergibt. In 49 Prozent hingegen verbleibt der Müll in den Kitas, während 11 Prozent keine Aussagen machen konnten.

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Dass Eltern sich um die Kita-Hinterlassenschaften ihres Kindes kümmern müssen, kommt in den Präfekturen Shiga, Nagano, Kagawa und Kyoto vor. In Shiga ist die Praxis in 89 Prozent der Kindertagesstätten üblich, in Kyoto immerhin bei 73 Prozent. Die niedrigste Rate hingegen verzeichnete Okinawa mit 5 Prozent, gefolgt von Akita mit 6 Prozent. Japans Hauptstadt Tokyo liegt mit 17 Prozent ebenfalls im niedrigen Bereich.

Windel-Rückgabe als Gesundheits-Check fürs Kind?

Die Forschenden befragten die Gemeinden daraufhin zu den Gründen für die Praxis, Eltern benutzte Windeln mitzugeben. In einem Drittel der befragten Gemeinden scheint man sich diese Frage bisher nicht gestellt zu haben – sie antworteten sinngemäß, das habe man eben schon immer so gemacht. Auch auf Probleme mit der Lagerung und Sammlung des Mülls wurde verwiesen, ebenso wie fehlendes Budget.

Aufgrund der Regelungen zur Mülltrennung und -sammlung ist es in Japan nicht möglich, einfach alle Windeln am Nachmittag in eine Tonne zu werfen. Müll muss üblicherweise nach Typ getrennt und aufbewahrt werden. An bestimmten Tagen der Woche werden dann nur bestimmte Mülltypen eingesammelt. Für Kitas, die nur wenige Räume zur Verfügung haben, weil sie zum Beispiel in einem größeren Mehrzweckgebäude eingemietet sind, fehlt dafür unter Umständen der Platz.

Die häufigste Antwort jedoch lautete, den Eltern werden die Windeln mitgegeben um „den körperlichen Zustand ihres Kindes anhand des Stuhls prüfen zu können“. Darauf beruft sich etwa die Stadt Fukuoka mit insgesamt sieben städtischen Kitas. Neben dem Zustand des Stuhls sollen die Eltern nach Aussage der Stadt so auch direkt erkennen, wie oft ihr Kind sich erleichtern musste. Dass dieser „Service“ von den Eltern gewünscht ist oder dass die benutzten Windeln tatsächlich nochmal geöffnet und überprüft werden, ist zweifelhaft.

Soziologie-Professorin Yuiko Fujito von der Meiji Universität in Tokyo sieht in der Praxis einen Ausdruck der schwierigen Position von Frauen – und in diesem Fall besonders Müttern – in Japans Gesellschaft. Sie sagt: „Ich denke die aktuelle Situation (dass benutzte Windeln mit nach Hause gegeben werden) darf deshalb weiterbestehen, weil unsere Gesellschaft kaum ein Bewusstsein für die gemeinsame Erziehung von Kindern hat. Der Gedanke, dass es allein die Aufgabe der Mutter ist, sich um die Kinder und deren Exkremente zu kümmern, ist tief verwurzelt.“ Die Situation wirft damit kein gutes Licht auf die 2015 von der japanischen Regierung verkündeten Pläne, die Lage der Frauen im Land wesentlich zu verbessern.

Der Verweis aufs fehlende Budget – oft eine Ausrede

In der Stadtverwaltung von Kyoto verweist man hingegen vor allem auf finanzielle Schwierigkeiten, wenn es um den Umgang mit Windeln geht. Bis 2011 nutzten die städtischen Kindertagesstätten Stoffwindeln, die gewaschen und wiederverwendet werden konnten. Als private Betreiber aber Wegwerfwindeln zur Norm machten, zog die Stadt nach. Die anfallenden Windeln zu sammeln und zu entsorgen, war jedoch nicht im Budget vorgesehen, sodass man begann, sie direkt den Eltern auszuhändigen.

Masayuki Takahashi von der Universität Saitama, Experte für öffentliche Finanzen und Kinderbetreuung, zweifelt eher am Willen der Gemeinden, etwas an den bestehenden Praktiken zu ändern. „Es ist nicht nur bei diesem Thema so, dass die Gemeinden ‚Engpässe im Budget‘ heranziehen, wenn sie einen Grund suchen, etwas nicht zu tun. Gemeinden, die damit argumentieren, nehmen das Thema vielleicht nicht ernst oder möchten sich keine zusätzliche Arbeit aufhalsen.“

Doch er sieht auch Chancen für Veränderung: „In Japan ist es so, wenn eine benachbarte Gemeinde zu handeln beginnt, dann bewegen sich die Dinge oft wie umfallende Dominosteine weiter. Und wenn genug Bewegung in die Sache kommt, verbreitet sie sich von selbst weiter. Es wäre ideal, wenn die Kommunikation zwischen Eltern, Kita-Angestellten und den Kindertagesstätten selbst vertieft werden kann. Durch gemeinsame Anfragen an die lokalen Regierungen könnten dann Verbesserungen erreicht werden.“

Bis es jedoch soweit ist, werden sich auch weiterhin viele Eltern – und besonders Mütter – in Japan die Frage stellen müssen, wohin mit den Hinterlassenschaften ihrer Kinder. Denn in den eng gestrickten Tagesplänen, in denen das Abholen aus der Kita oft mit weiteren Erledigungen und Einkäufen verbunden wird, sind gefüllte Windeln in der Tasche nur eine zusätzliche Belastung. Keine guten Voraussetzungen, um angesichts immer weiter sinkenden Geburtenraten mehr Menschen zur Familiengründung zu motivieren.

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