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HomeNachrichten aus JapanSoziales & LebenWie Japans Regierung Frauen besser ins Arbeitsleben einbinden will

Abkehr von klassischen Geschlechterrollen

Wie Japans Regierung Frauen besser ins Arbeitsleben einbinden will

Die japanische Gesellschaft altert so schnell wie kaum eine andere weltweit. Gerade erst verzeichnete das Land die niedrigste Zahl an Geburten seit dem Kriegsende. Angesichts des sich so immer weiter verschärfenden Arbeitskräftemangels blickt das Land besorgt auf seine wirtschaftliche Zukunft. Viel Potenzial liegt in Japans Frauen – um es zu erschließen, bedarf es jedoch einiger Reformen.

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Denn die japanische Arbeitswelt in ihrer aktuellen Form bietet Frauen kaum Chancen. Zu sehr ist das System verankert in den klassischen Geschlechterrollen, nach denen Männer arbeiten sollen, während Frauen Hausarbeit und Erziehung übernehmen. Was während des raschen wirtschaftlichen Aufstiegs Japan in den Nachkriegsjahren zum Erhalt der Sozialsysteme beitrug, wird nun zum Hindernis in Zeiten des demographischen Wandels.

Viel Aufholbedarf bei Gleichstellung

In einem Bericht zur Gleichstellung der Geschlechter des Weltwirtschaftsforums landete Japan 2021 auf Platz 120 von 156 untersuchten Nationen. Ein katastrophales Ergebnis, maßgeblich geprägt von der geringen Anzahl an Frauen in Führungspositionen und in der Politik in Japan. Yuriko Koike etwa, Gouverneurin der Hauptstadtpräfektur Tokyo, ist eine herausragende Ausnahme in einem Land, in dem sprichwörtlich die beruflichen Möglichkeiten für Frauen stark begrenzt sind.

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Das Bild der japanischen Frau als Hausfrau und Mutter dominiert bis heute die Gesellschaft. Nach der Schule wird von Japanerinnen zwar durchaus erwartet, dass sie studieren und einen Beruf aufnehmen. Jedoch ohne Ambitionen auf eine Karriere. Vielmehr dient die Arbeit zur Überbrückung der Zeit bis zur Heirat, auf die dann zeitnah Kinder folgen sollen. Deren Bildung fördern zu können, dazu dient das eigene Studium. Sind die Kinder aus dem Haus, landen die Mütter dann oft in Hilfstätigkeiten, etwa als Kassiererinnen. Karriere machen, das ist für Japanerinnen nicht gewünscht.

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Der Mangel an Nachwuchs in Japans Arbeitswelt hat in den letzten Jahren zwar bereits dazu geführt, dass mehr Frauen eine Arbeit aufgenommen haben, der größte Teil von ihnen arbeitet jedoch in Teilzeitjobs. Teils, weil sie nur so Familie und Arbeit unter einen Hut bekommen, zum anderen, weil ihnen der Zugang zu besseren Tätigkeiten aktiv verwehrt wird. Dass es so nicht weitergehen kann hat auch Japans Premierminister Fumio Kishida erkannt.

Ohne Frauen funktioniert Kishidas „neuer Kapitalismus“ nicht

Er sagte in einer Regierungssitzung am Freitag: „Ich stelle die wirtschaftliche Befähigung von Frauen ins Zentrum meiner neuen Form des Kapitalismus und werde mutige Schritte umsetzen, um die Löhne von Frauen zu erhöhen.“ Die „neue Form des Kapitalismus“ ist ein Regierungsziel Kishidas, die Idee eines positiven Kreislaufs aus Wachstum und Verteilung, der Japan wirtschaftlich stabilisieren soll. Bereits jetzt ruft die Regierung Unternehmen dazu auf, Löhne aggressiver zu erhöhen und Arbeitende zu belohnen, um den Konsum im Inland anzukurbeln.

Um sein Ziel zu erreichen, plant Kishida eine Neugestaltung veralteter Praktiken der Arbeitswelt, des Steuersystems, sowie der Sozialversicherung. Denn all diese Systeme basieren weiterhin auf stereotypischen Geschlechterrollen, die im modernen Japan zunehmend an Bedeutung verlieren. Denn die Idee, dass eine Frau durch die Ehe bis zum Ende ihres Lebens wirtschaftlich abgesichert ist, trägt nicht mehr. Weniger neue Ehen, mehr Scheidungen und die längere Lebenserwartung der Frauen erfordern ein Umdenken.

In einem ersten Schritt sollen Unternehmen mit mehr als dreihundert Beschäftigten verpflichtet werden, Daten zu den Einkommensunterschieden zwischen den Geschlechtern offenzulegen. Außerdem möchte man während einer vorerst dreijährigen Laufzeit Frauen dabei unterstützen, notwendige Fähigkeiten, insbesondere im digitalen Bereich, für den Arbeitsmarkt zu erwerben und eine Stelle zu finden.

Auch für Männer soll die Arbeitswelt gerechter werden

Auch das Steuersystem und die Sozialversicherung sollen durch Umstrukturierungen besser an den Bedarf von berufstätigen Frauen angepasst werden. In welcher Form das genau erfolgen soll, dazu hat sich die Regierung noch nicht geäußert. Gleichzeitig ist geplant, auch die Beschäftigungssituation von Männern in den Blick zu nehmen. So soll etwa Heimarbeit einfacher möglich sein, ebenso wie die Inanspruchnahme von Erziehungszeiten. Denn auch Japans Männer leiden unter den traditionellen Rollenbildern, die von ihnen eine völlige Hingabe ans Unternehmen fordern, unter oft ausbeuterischen und selbstzerstörerischen Bedingungen.

Klar ist jedoch, dass die Reformen nur ein erster Schritt auf einem langen Weg sein können. Denn um die Situation für Frauen in Japan nachhaltig zu ändern und ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen, bedarf es eines Umdenkens in der gesamten Gesellschaft. Die Rollenbilder, die jetzt eine Reform nötig machen, sind tief im sozialen Miteinander Japans verankert und es wird mehr als nur eine Regierungsperiode brauchen, sie aufzubrechen.

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