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HomeNachrichten aus JapanSoziales & LebenWie Osakas "Osekkai Lab" sich für mehr Gastfreundschaft einsetzt

Einmischen statt Wegschauen

Wie Osakas „Osekkai Lab“ sich für mehr Gastfreundschaft einsetzt

Die Menschen in Osaka sind freundlich, liebenswürdig und bereit zu helfen, bevor man sie überhaupt fragt. So beschreibt der in Osaka geborene Terumasa Yamada die Mitmenschen seiner Heimatstadt. Doch wenn es um den Kontakt mit ausländischen Besuchern geht, gibt es in seinen Augen noch viel Raum für Verbesserungen.

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„Osekkai“ nennt der 39 Jahre alte Yamada die Eigenschaft der Osakaner, anderen ohne Aufforderung zu Hilfe zu kommen. Und wenn es nach ihm geht, dann soll Osakas „Osekkai“-Kultur dazu beitragen, die Stadt für Touristen noch attraktiver zu machen. Und den japanischen Begriff neu zu besetzen.

„Osekkai Lab“ möchte Barrieren abbauen und Osaka freundlicher machen

„Osekkai“ gilt in Japan nicht unbedingt als positive Eigenschaft. Denn in der überwiegend kollektivistischen Gesellschaft des Landes steht zwar die Gruppe über dem Individuum, aber es gilt gleichzeitig, sich ja nicht zu sehr in die Belange anderer einzumischen. Wer das tut, der verhält sich eben negativ – genau das beschreibt „osekkai“. Nur in Ausnahmefällen – etwa im Zusammenhang mit Kindesmisshandlung – aber auch als es in der Pandemie nötig wurde, sich um isolierte Personen zu kümmern, gilt das Einmischen als gesellschaftlich akzeptiert.

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Für Terumasa Yamada hat „osekkai“ jedoch auch viele gute Seiten und er ist mit der negativen Konnotation des Wortes nicht einverstanden. Denn die Menschen in Osaka, so seine Erfahrung, helfen sich durchaus gegenseitig. Er kennt viele Ladenbesitzer und Betreiber von Geschäften, die auch Ausländern ihre Hilfe anbieten würden – wäre da nicht die Sprachbarriere.

So wie ihnen geht es vielen Menschen in Japan. Das Interesse am Austausch mit Fremden und die Hilfsbereitschaft werden gebremst durch die Angst davor, eine andere Sprache zu sprechen. Darum gründeten Yamada und andere Freiwillige vor sieben Jahren die Gruppe „Osaka Osekkai Lab“. Ihr Ziel: die Zahl der Osakaner vergrößern, die Englisch sprechen und Reisenden in Not helfen können.

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Die Gruppe veranstaltete seitdem eine Reihe von Veranstaltungen, auf denen Teilnehmende einfaches Englisch auf unterhaltsame Weise lernen und Vertrauen in die eigenen Sprachkenntnisse entwickeln konnten. Mit wenigen, einfachen Sätzen werden Menschen so in die Lage versetzt, lockere Gespräche zu führen.

Theorie und Praxis mit dem Osaka Osekkai Game

In Workshops lernen Interessierte auch, wie sie ihre eigenen „Osekkai“-Fähigkeiten verbessern – etwa um verirrten Touristen an Bahnhöfen oder anderen Orten beizustehen. Als besondere Trainingsmethode hat sich das Osekkai Lab sogar ein eigenes Spiel ausgedacht: das „Okini! Osaka Osekkai Game“.

Das Spiel basiert auf dem in Japan beliebten Würfelspiel „Sugoroku“, ähnlich den in Deutschland bekannten Leiterspielen. Auf dem Spielplan bewegen sie die Figuren entlang von Zuglinien durch die Kansai-Region, jedes Feld entspricht einem Bahnhof.

Osekkai-Spielplan
Der Spielplan des Osekkai Game zeigt die Zuglinien der Kansai-Region. Bild: AS

An den einzelnen Stationen werden die Spielenden aufgefordert, Englisch zu sprechen. Etwa um eine Sehenswürdigkeit der Region vorzustellen oder zu erklären, wie man von einer Zuglinie auf eine andere umsteigt.

Nach dem Ende des Spiels nimmt Yamada die Teilnehmenden mit auf einen Ausflug in die Stadt und hält Ausschau nach Ausländern, die Hilfe benötigen könnten. Dann wird es Zeit, die spielerisch erlernten Möglichkeiten, Wege mit einfachen Worten und Gesten zu beschreiben, praktisch auszutesten.

Durch die Pandemie gibt es aktuell kaum ausländische Touristen in Osaka, im Normalfall jedoch besuchen besonders in den Hauptreisezeiten sehr viele Menschen die Stadt, etwa um die berühmte Burg oder die Einkaufsstraße Dotonbori zu sehen.

Viele der Teilnehmenden der Spielerunden stellen während der Ausflüge fest, wie einfach es sein kann, in einer fremden Sprache zu kommunizieren – das stärkt ihr Selbstvertrauen und ermöglicht ihnen, in Zukunft auch von allein auf Menschen in Not zuzugehen.

Mit der Öffnung für den Tourismus wird auch das Osekkai Lab wieder aktiv

Dass Yamada „osekkai“ positiver sieht als die japanischen Wörterbücher, hat auch mit seiner Familiengeschichte zu tun. Er wuchs als Einzelkind auf, dessen Eltern durch die Arbeit kaum anwesend waren. Doch weil sich die Menschen in seiner Umgebung um ihn kümmerten, fühlte er sich nie einsam, sagt er.

Auch seine Großmutter, die im gleichen Haus lebte, verkörpert für ihn „osekkai“. Sie ging oft durch die Nachbarschaft und fragte die Menschen nach ihrem Befinden. Die meisten öffneten sich der alten Frau. Für den jungen Yamada wurde „osekkai“ damit zum Ausdruck des Mitgefühls für andere Menschen.

Den Teilnehmenden der Osekkai Lab-Aktivitäten bringt er darum bei, sich nicht zu viele Gedanken darüberzumachen, ob sie jemanden stören könnten. Vielmehr sollen sie lernen, mit einem Lächeln zu fragen „What’s the matter?“ – mehr braucht es nicht, um die Sprachbarriere zu überwinden, so seine Überzeugung.

Nachdem die letzten zwei Jahre ruhig für die Gruppe verliefen, plant Osekkai Lab seine nächste große Veranstaltung noch im September. Denn mit der Aufhebung der strengen Einreisebestimmungen wird erwartet, dass bald auch wieder mehr Touristen nach Osaka kommen. Damit die sich in Notsituationen auf die Hilfsbereitschaft der Osakaner verlassen können, haben Yamada und das Osaka Osekkai Lab noch viel vor.

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