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Die Geschichte des Sumo – Teil 2

Japans Nationalsport Sumo, wie wir ihn heute kennen, hat seinen Ursprung im Kanjin zumo des 17. Jahrhunderts, wie in Teil 1 beschrieben. Dieser Artikel knüpft hier an und wirft einen genauen Blick auf die Geschichte der Neuzeit bis heute.

Sumo blickt auf eine uralte Geschichte, Verbindungen zum kaiserlichen Hofe, Verknüpfungen zum Shintoismus und Agrarriten sowie eine Verwebung mit den Samurai zurück. Doch das Sumo in seiner heutigen Form stammt aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Fürsten rekrutieren Kämpfer

Nach der Einführung verschiedener Regeln und Vereinbarungen im 17. Jahrhundert war es wie in der Heian Zeit wieder üblich, dass einflussreiche Fürsten (Daimyo) durchs Land zogen und Kämpfer anheuerten. Darunter waren auch Nicht-Samurai-Kämpfer, sogenannte ‘Rikishi’ (starke Samurai). Rikishi wurden allein durch ihren Kämpferstatus zu Samurai ernannt, was trotz der heterogen ausgerichteten Klassenpolitik der Tokugawa geschah.

Die Daimyo nutzten das wiedereingeführte Kanjin zumo außerdem, um ihren Wohlstand und Status zu präsentieren, indem sie ihre Rekruten aufwändig gestaltete zeremonielle Schürzen (Kesho mawashi) für die Durchführung von Shintoritualen tragen ließen. (Kesho-mawashi gehören bis heute zur Garderobe der Rikishi der beiden Divisionen Juryo und Makunouchi.)

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Sumo - Eine Einführung

Mitte des 18. Jahrhunderts fanden weitere Umstrukturierungen der Regierungsauflagen statt und machten Sumo zu dem, was wir heute kennen. Regulär wiederkehrende ‘Große Turniere’ fanden jeden März und Oktober innerhalb von Tempelanlagen statt und besaßen mehrere Zuschauertribünen. Die Turniere nannten sich nun ‘Kanjin Ozumo’. Das zusätzliche ‘o’ fügte den Turnieren die Bedeutung ‘groß’ hinzu.

Ältestensystem und Banzuke bringen organisatorische Struktur

Zudem wurde das Ältestensystem eingeführt. Die sogenannten ‘Toshiyori’ (Älteste) organisierten von da an reguläre Turniere, führten Heyas und trainierten deren Rikishi. Die meisten heute aktiven Heyas in Tokyo stammen aus der Zeit zwischen 1751 und 1781.

Älteste waren zumeist einflussreiche, wohlhabende Personen, die ihre Sachkenntnis über das Sumogeschäft, ihr Wohlwollen sowie ihre Hingabe für die Spendensammlung (Kanjin) zugunsten der Religion beweisen mussten. So wurde Sumo durch das Toshiyori-System von der Außenwelt nahezu abgeschnitten und distanzierte sich von seiner zwanglosen Herkunft.

Als Meilenstein wurde zu dieser Zeit das ‘Banzuke’ (Ranglistensystem) eingeführt, nach welchem bis heute alle Kämpfer sowie Personen in relevanten Berufen hierarchisch organisiert sind.

Einführung des Yokozuna-Ranges

Auch gab es weiterhin eine Liste verbotener Manöver wie Treten, Finger brechen oder Ziehen und Quetschen von Genitalien. Vor jedem Kampf wurden zu diesem Zwecke jedem Kämpfer Bilder des menschlichen Körpers gezeigt und der Sitz der Organe sowie verbotene Zonen klar hervorgehoben.

Weiter wurden Mitte des 18. Jahrhunderts Rituale wie ‘Dohyo-iri’ (Ring-Betretungszeremonie) sowie der ‘Shiko’ (Beinheben mit anschließendem Aufstampfen auf den Boden) eingeführt. Beide sind heute nicht mehr wegzudenken.

Im Jahre 1789 wurde der erste Yokozuna Dohyo-iri von Tanikaze Kajinosuke und Onogawa Kisaburo mit dem heute bekannten Seil (‘Tsuna’) um die Hüften sowie seinen beiden Beimännern Schwertträger (‘Tachimochi’) und Taukehrer (‘Tsuyuharai’) durchgeführt. Dieser Dohyo-iri fand getrennt von denen der anderen Ränge Ozeki, Sekiwake, Komusubi und Maegashira statt. Die nötigen Lizenzen für die ersten Yokozuna Dohyo-iri kamen aus dem Hause Yoshida, welche als alte Daimyo-Dynastie ihren shintoistischen Einfluss sowie Geld in den Sport brachte.

Shogun war Sumofan

Mit seiner nun festgelegten Organisation und dem zeremoniellen Drumherum konnte Kanjin ozumo einen sehr einflussreichen Gönner gewinnen, Shogun Tokugawa Ienari. 1791 wurde zur Unterhaltung des jungen Shoguns ein aufwändiges Turnier mit 166 Rikishi in den Fukiage Gärten von Burg Edo organisiert.

Das zwei Jahre zuvor erschaffene Yokozuna-Konzept mit seinem ausgedehnten Dohyo-iri als Machtdemonstration des Kämpfers war ein cleverer Schachzug der Yoshidas und Teil der Vorbereitung für dieses Turnier. Ebenso wurde die Bogentanz-Zeremonie aus dem Sechie zumo der Nara-Heian Zeit in diesem Turnier wieder eingeführt.

Shintoismus brachte Sumo feudales Image

Damit hob das 1791 ausgerichtete Turnier einfaches Sumo auf eine höhere Ebene, würdig der oberen Klassen der Tokugawa Zeit. Die Verwebung zum Shintoismus durch die Yoshidas machte Sumo verlockend für die obere Gesellschaftsschicht, während es sein Ansehen als aggressiver, physischer Wettkampf bei den unteren Klassen behielt.

Der Shogun Tokugawa Ienari besuchte nach 1791 vier weitere Turniere in den Jahren 1794, 1802, 1823 und 1830. Eine Zeit, in der er wohl auch dem damals berühmtesten Rikishi ‘Raiden Tameimon’ beim Siegen zuschauen konnte.

Kanjin zumo wurde somit im 18. Jahrhundert unter der Tokugawa-Herrschaft fester Bestandteil der urbanen Unterhaltungskultur. Es war sogar der Beginn einer Art Fankultur um die berühmtesten Rikishi herum. Von der Identität als Nationalsport oder kulturellem Erbe war Sumo zu diesem Zeitpunkt aber noch ein Stück entfernt.

Sumo formt sich zum Nationalsport

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging die Suche nach Sicherheit und Respekt für die Sumowelt weiter. Erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts und mit der Öffnung und Modernisierung des Landes etablierte es sich als ‘Kokugi’, ein Begriff ähnlich dem Wort Nationalsport.

Als Kommodore Matthew Perry 1854 mit mehreren Marine-Schiffen zum zweiten Mal in der Edobucht landete, organisierten japanische Offizielle zum Zwecke einer Stärkedemonstration mehrere Sumotori in voller Montur, um ihnen 135 Pfund schwere Reissäcke an Bord zu tragen. Die Amerikaner beeindruckte das nur bedingt, da sie den Reis an den 190cm großen und 140kg schweren Koch William Grose überreichen mussten.

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Die Geschichte des Sumo - Teil 1

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war vom Kollaps der Tokugawa-Regierung, einem Bürgerkrieg und dem Zusammenbruch der japanischen Wirtschaft geprägt. Sumoturniere gerieten in den Hintergrund. Doch während der Meiji-Zeit erblühte die Popularität Sumos wieder und wurde instrumentalisiert, um der ‘wahren japanischen Kultur’ zu altem Ansehen zu verhelfen. Es wurde außerdem genutzt, um im Ausland die japanische Flagge zu zeigen.

Negatives Image im Ausland

Darunter waren etwa die Ankunft japanischer Erntehelfer in Hawai’i im Jahre 1885 oder die Schaukämpfe an der Japanisch-Britischen Ausstellung in London im Jahre 1910. Die westliche Akzeptanz gegenüber Sumo beeinflusste nachhaltig, wie der Sport bis heute angesehen und beurteilt wird.

So schrieb zum Beispiel der ‘San Francisco Call’ im Jahre 1907: ‘Japans Berge aus Fett und Muskeln besuchen Amerika’. Die Los Angeles Times warb zweifelhaft mit: ‘Japans fette Ringer: Je adipöser desto mehr werden sie bewundert’ im Jahre 1914.

Das moderne Konzept von Athletik, durchtrainierten Körpern und Sport als solches passte nicht zu den massiven Körpern und der Nacktheit, die den Sumosport ausmachen. Dies ließ den Sport sowohl international als auch national als unathletisch, traditionell und feudal erscheinen. Sumo wurde zum Symbol japanischen Rückschritts für viele Menschen.

Radioübertragung bringt Sumo in den Alltag

Sowohl die Regierung als auch die Zeitungen warben trotzdem und gerade deswegen für Sumo. Und zwar so erfolgreich, dass in den 1900er Jahren ein Sumostadion in Tokyo errichtet wurde, das ‘Kokugikan’ im heutigen Stadtteil Ryogoku. Dieses sorgte für geregelte Transportwege, Zuschauerplätze mit guter Sicht, Schutz vor Witterung und nicht zuletzt dafür, dass jeder Zuschauer ein Ticket gekauft hatte.

Ab dem Jahre 1925 wurden Sumoturniere live im Radio übertragen und verhalfen dem Sport in der Vorkriegszeit (wenn auch unter der militärischen Parole der Regierung ‘Yamato damashi’) zu weiterer Beliebtheit.

Die Bezahlung der Rikishi war trotz des monetären Erfolgs des Sports nicht ausreichend und so streikten die Kämpfer zwischen 1923 und 1932 mehrere Male für bessere Bezahlung und Benefits. Daraus resultierte unter anderem ein Rentensystem für Rikishi.

Fernsehübertragung ermöglicht Internationalisierung

1926 vereinigten sich die beiden Sumo-Organisationen aus Tokyo und Osaka und bildeten eine Vereinigung, die heute als Japanischer Sumoverband (‘Nihon Sumo Kyokai’) bekannt ist. Sie ist bis heute eine nicht-profitorientierte Körperschaft, deren Kontrolle sich auf 105 Toshiyori (Älteste) verteilt.

Im Jahre 1953 schaffte Sumo den Sprung in japanische Wohnzimmer durch den Beginn der Fernsehübertragung. Dies markiert auch den Beginn einer neuen globalen Popularität über die Gastbesuche und Anwerben japanischstämmiger Emigranten (‘Nikkeijin’) hinaus.

In einer weiteren Phase der Internationalisierung des Sports wurden Regionaltouren (’Jungyo’) auf Einladung eines Gastlandes abgehalten. So führte es die Kämpfer unter anderem 1965 nach Moskau, 1985 nach New York und 1997 nach Australien, um Freundschaften zu stärken, Städtepartnerschaften zu feiern und Handelsbeziehungen zu festigen. Die Rikishi wurden dabei manchmal als nackte Botschafter (‘hadaka no taishi’) bezeichnet.

Globale Öffnung mach Sumo international sichtbar

Seit den 70ern sind ausländische Rikishi zum Sport zugelassen und besetzen dabei erfolgreich alle Divisionen und Ränge bis hin zum höchsten Rang ‘Yokozuna’. Hawaiianer Akebono schaffte es 1993 als erster Ausländer bis zum Rang des Yokozuna. Heute sind die Mongolen mit zwei aktiven Yokozuna eine der erfolgreichsten Nationen im Sport.

Möchte ein erfolgreicher Rikishi nach Ende seiner Karriere dem Sport als Oyakata erhalten bleiben und ein Toshiyori Kabu, eine der 105 Lizenzen des Sumoverbandes, erhalten, so muss er, sofern kein Japaner, seine Nationalität ablegen und die japanische Staatsbürgerschaft annehmen. Diesen Schritt wagen immer mehr ausländische Rikishi.

Seit den 2000er Jahren wird der Ruf Sumos von Wettskandalen, sichtbaren Yakuza-Verbindungen und Gewaltdebatten signifikant geschädigt. Trotz Nachwuchsproblemen erfreut sich der Sport dennoch einer großen Fangemeinde im In- und Ausland. Die Öffnung der Heyas durch soziale Medien stellt zudem eine neuartige Herausforderung auf dem Weg der Modernisierung des Sports dar. Während die populären Rikishi ihren Platz zwischen traditioneller Lebensweise und modernen Möglichkeiten suchen, liegt es in der Verantwortung des Sumoverbands, den Spagat zwischen Tradition und Moderne nachhaltig zu organisieren.

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