Stats

Anzeige
Home News Sport Knebelskandal im Sumo – und seine Konsequenzen

Knebelskandal im Sumo – und seine Konsequenzen

Sumokämpfer zu sein bedeutet, mit anderen jungen Männern auf engem Raum und in strenger Hierarchie zusammenzuleben. Konflikte sind in diesem Umfeld ohne viel Privatsphäre vorprogrammiert. Unterdrückung, Mobbing und Gewaltausbrüche werfen ein schlechtes Licht auf den Sport und schüren Vorurteile. Im November 2019 führte ein zunächst lustig erscheinendes Knebelvideo in den Sozialen Medien zum Aufflammen der Gewalt-Debatte. Die Konsequenzen spüren Fans noch heute.

Anfang November 2019, kurz vor dem Kyushu-Basho in Fukuoka, tauchte ein Video auf Instagram auf, in dem Juryo-Rückkehrer Wakamotoharu Minato, zugehörig zu Arashio-Beya, gefesselt und geknebelt auf dem Rücken liegt und versucht, sich zu befreien. Im Hintergrund hört man das Lachen von mehreren Rikishi. Gepostet wurde dieses Video von Komusubi Abi Masatora, zugehörig zur Shikoroyama-Beya. Wakamotoharu hatte ein Lachen im Gesicht und versuchte, sich aus den Fesseln zu befreien. Beim Ansehen überwog das Gefühl, es sei ein Spaß, wenn auch ein komischer. Nichts Schlimmes war dabei, dachten viele Sumofans und Kenner der Szene.

Mehr zum Thema:
Sumo - Eine Einführung

In den sozialen Medien entbrannten schnell hitzige Debatten, zunächst um das Video selbst. Später wurde auch über die Entscheidung des Sumoverbandes diskutiert. Dieser beschloss die sofortige Löschung aller Social-Media-Konten der beiden Hauptakteure sowie die Deaktivierung der Konten ihrer Oyakatas. Anschließend wurden vorübergehend alle privaten Meldungen für alle Rikishi in Sozialen Medien verboten.

Mobbing oder Schabernack

Es gibt viele Fans, die wissen, dass Abi und Wakamotoharu, mittlerer der drei Onami-Brüder, Freunde sind. Für sie war dieses Video nichts weiter als ein dummer Streich und Abis Rache für ein anderes Schabernack-Video von Wakamotoharu. Auch konnte man das Grinsen des Gefesselten selbst und damit den spaßigen Hintergrund des Videos deutlich erkennen. Doch für einige Zuschauer war dieses Video ein weiterer Mobbingskandal in der Sumowelt. Es wurden sogar Rufe nach Intai, Rücktritt, laut.

Am 9. November 2019, Tag des Dohyo Matsuri, dem Fest zur Eröffnung des Dohyos für das Turnier, entschuldigten sich Abi, Wakamotoharu sowie Abis Oyakata Shikoroyama beim Vorstand des Sumoverbandes offiziell. Der Verband hatte da bereits Entscheidungen getroffen, wie mit den privaten Mitteilungen in Sozialen Medien umgegangen wird. Der Bann von privaten Nachrichten wurde zunächst ohne genauen Zeithorizont beschlossen.

Dauerhafter Bann wurde beschlossen

Am 4. Februar gab es ein großes Folgetreffen im Tokyoter Sumostadion Kokugikan. Anwesend waren rund 900 Personen aus der Sumowelt, wie Rikishi, Oyakatas und die Direktion des Sumoverbandes. Vorsitzender Hakkaku betonte, dass die Sumowelt in der Vergangenheit von Skandalen geplagt wurde und der Fehler eines Einzelnen allen anderen schaden kann. Bei diesem Treffen wurde der Soziale-Medien-Bann auf unbegrenzt verlängert. Abi’s anschließender Kommentar zum Treffen, er habe nichts gehört und die ganze Zeit über geschlafen, hat nicht gerade zur Entspannung der Lage beigetragen.

Anfangs gab es trotz des Banns noch vereinzelte Mitteilungen aus den Schlafräumen der Rikishi, welche ohne Konsequenzen seitens des Sumoverbandes blieben. Dies ist mittlerweile aber komplett zum Erliegen gekommen. Lediglich die offiziellen Accounts der Heyas veröffentlichen ab und zu harmlose Kurzvideos vom Training, ihren Haustieren oder dem gemeinsamen Abendessen.

Soziale-Medien-Bann sendet falsche Signale

Der unbegrenzte Bann für private Meldungen in sozialen Medien sendet die falschen Signale. In einem Sport, der nicht nur von Gewaltskandalen geplagt ist, sondern über dessen Gewalt-Ereignisse gern der Mantel des Schweigens gehüllt wird, ist ein weiteres Abschotten lediglich ein Zeichen der Vertuschung.

Die richtige Absicht des Verbands ist es, Gewalt keinen Raum zu geben, was ganz im Gegensatz zur gelebten Hierarchie im Sport steht. Doch das Schließen des einzigen Fensters in die Heyas versteckt nur, was nicht gesehen werden soll. Außenstehende bekommen den Eindruck, es sollen keine unschönen Details aus den Privaträumen der Heyas nach außen dringen.

Bann schadet der Popularität des Sports

Zusätzlich zum Nachwuchsproblem und dem schwankenden nationalen Interesse am Sport verbaut sich der Verband damit den Weg zu einer jungen Fangemeinde und potenziellen Nachwuchstalenten. Junge Menschen kennen ein Leben ohne YouTube und Twitter nicht. Dieser Zielgruppe muss der Sumoverband gerecht werden, wenn er nachhaltig neue Rikishi anwerben will.

Zudem spielt seit der Öffnung der Heyas für Ausländer im Jahr 1964 eine internationale Fangemeinde eine wichtige Rolle im Überleben des Sports. Nicht nur durch Ticketkäufe und Einschaltquoten, sondern auch durch eine globale Streuung von Informationen und Interesse sind Ausländer eine neue, wichtige Säule im Sport. Die ohnehin schon kleine internationale Medienpräsenz des Sumos in Kombination mit dem Bann lässt Übersee-Fans derzeit aber völlig auf dem Trockenen sitzen.

Ein Wandel muss kommen

Im Haru-basho, dem Turnier letzten März, hat der Sumoverband eine gewisse Öffnung gegenüber der Außenwelt gezeigt. Er hat das Fehlen von Zuschauern im Stadion, eine Vorsichtsmaßnahme gegen die Verbreitung des neuen Coronavirus, durch extra Einblicke und außerordentliche Rituale kompensiert und dafür viel Lob geerntet. Die Einschaltquoten waren trotz oder sogar wegen der Stille im Stadion hoch. Das war ein wichtiges Signal und kann ein guter Ausgangspunkt für eine nachhaltige Öffnung des Sports sein.

Momentan muss sich der Verband mit der Pandemie beschäftigen und benötigt dafür große Kapazitäten. Doch gerade in diesen besonderen Zeiten, wo die ohnehin verschlossenen Heyas sich durch ‚Social Distancing‘ noch stärker zurückziehen und zudem keine Sumo-Events stattfinden, ist es an der Zeit, den Soziale-Medien-Bann aufzuheben und den Fans sowie Rikishi ein Stück Zerstreuung zurückzugeben. Die Fangemeinde schaut gespannt auf jeden Schritt des Sumoverbandes und hofft, dass er die Chance für einen Wandel ergreift.

Anzeige
  • Themen in Artikel:
  • Sumo
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren:

Rolling Sushi - der Japan-Podcast

Rolling Sushi - Japan für die Ohren

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here