Anzeige
HomeNachrichten aus JapanTechnikKI-Haiku treten in Studie der Uni Kyoto gegen menschliche Werke an

Digitalisierung der Künste

KI-Haiku treten in Studie der Uni Kyoto gegen menschliche Werke an

Sie verfassen Texte, erzeugen Bilder und schreiben nun auch japanische Haiku – künstliche Intelligenzen (KI) sind heute auch in den Künsten präsent. Doch wie schlagen sie sich gegenüber menschlichen Künstlern? Das hat eine Studie der japanischen Kyoto University untersucht.

Anzeige

Haiku sind eine jahrhundertealte japanische Gedichtform, die sich durch ihre Kürze auszeichnet. Ein traditionelles Haiku besteht aus gerade einmal 17 Silben und zählt zu jenen Kunstformen, die in Japan als immaterielles Kulturerbe geschützt werden sollen.

KI Issa-kun vs. Haiku-Meister Kobayashi Issa

Mit der Entwicklung immer stärkerer Algorithmen zur Generierung von Texten gibt es schon länger auch solche KIs, die auf die Erstellung von Haiku trainiert werden. Im Vergleich mit den Werken menschlicher Künstler konnten sie in früheren Studien nie mithalten. Doch nun zeigen Forschende der Universität Kyoto: das Blatt hat sich gewendet.

LESEN SIE AUCH:  Verschollene Schriftrolle von Haiku-Meister wiedergefunden

Ausgangspunkt der Studie war die KI „AI Issa-kun“, entwickelt von einem Team um Professor Yamashita von der Universität Hokkaido. Der Algorithmus kann in kürzester Zeit hunderte von Haiku generieren. Sein Name spielt auf den Haiku-Dichter Kobayashi Issa an, der vor über zweihundert Jahren lebte.

Anzeige

Die Forschenden wollten herausfinden, wie sich angesichts der rapiden Weiterentwicklung von Text-generierenden KIs die Qualität der Haiku entwickelt hat. Sie führten dazu eine Studie mit 385 Teilnehmenden durch. Diesen wurden im Rahmen eines Experiments verschiedene Haiku präsentiert.

Insgesamt wurden 80 Haiku in die Studie einbezogen. 40 davon stammten aus den Werken von Kobayashi Issa sowie von Takahami Kyoshi, einem weiteren namhaften Haiku-Dichter, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf die Welt kam. Jahrhunderts aufkam. Die anderen 40 Haiku wurden von Issa-kun generiert – 20 wurden nach dem Zufallsprinzip bestimmt, und weitere 20 wurden von einem menschlichen Team ausgewählt.

Kooperation von Mensch und KI steigert die Qualität der Haiku

Die Befragten bewerteten dann die Haiku nach verschiedenen Aspekten und vergaben Punkte auf einer Skala von 1 bis 7. Sie sollten unter anderem beurteilen, ob sie die „Schönheit“ der Werke spüren konnten. Ob die Werke aus der Feder eines Menschen stammten oder aus dem Computer, wussten die Teilnehmenden dabei nicht.

Das Ergebnis: die Kooperation von Mensch und Maschine – also jene Haiku, die von der KI generiert und von Menschen ausgewählt wurden – wurde durchweg besser bewertet als jene Haiku, die entweder von berühmten Dichtern stammten oder zufällig selektiert waren. Sie erhielten einen Score von 4.56 Punkten. Menschliche Dichter und Zufallsauswahl lagen mit 4.15 und 4.14 Punkten beinahe gleichauf.

Haiku im Vergleich
Eine Grafik aus der Studie zeigt drei der verwendeten Haiku und ihre Herkunft – Mensch-KI-Kooperation, Zufallsauswahl der KI und menschlicher Dichter. Das Mensch-KI-Haiku erhielt die beste Bewertung in der Kategorie „Schönheit“. Bild: MS

In einem zweiten Schritt wurden die Teilnehmenden gebeten einzuschätzen, ob ein Haiku von einem Menschen oder von Issa-kun stammte. Dabei zeigte sich, dass die Befragten nicht zwischen den Werken eines menschlichen Geistes oder einer KI unterscheiden konnten. Tatsächlich fanden die Forschenden in den Daten Hinweise auf einen psychologischen Effekt namens „algorithm aversion“.

Werke von KI und Menschen nicht mehr zu unterscheiden

Die „algorithm aversion“ beschreibt die Tendenz von Menschen, Informationen einer KI weniger zu vertrauen oder sie geringer zu bewerten, als die eines Menschen. Selbst in Bereichen, in denen die Fähigkeit zur Auswertung von Daten der KI einen klaren Vorteil bietet, können Menschen trotzdem dem objektiv schlechteren Urteil eines Menschen mehr Vertrauen entgegenbringen.

In der Studie der Universität Kyoto äußerte sich dieses Phänomen darin, dass die Befragten davon ausgingen, dass jene Haiku, die von besonders hoher Qualität waren, von einem Menschen stammen müssten. Die schlechter bewerteten Werke der menschlichen Dichter wiederum wurden der KI zugeordnet.

Was bedeutet das nun für die Zunft der Haiku-Schreibenden? Die Wissenschaftler formulierten es bei der Vorstellung ihrer Studienergebnisse so: „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Zusammenarbeit von Mensch und KI zu mehr Kreativität in der Erstellung von Haiku führt“.

Denn die KI kann in Windeseile hunderte Variationen von Haiku generieren, auch unter Vorgabe spezifischer Themen oder Stichwörter. Ein Mensch kann aus den Ergebnissen dann jene aussuchen, die den höchsten künstlerischen Wert haben oder auch durch besondere Kreativität herausstechen – ein Urteil, dass die KI selbst nicht fällen kann.

Die Studienergebnisse zeigen, in welche Richtung die Nutzung von Text-KIs, aber auch Bildgeneratoren in Zukunft gehen kann. Mit den richtigen Daten trainiert, können die KIs die kreativen Möglichkeiten menschlicher Künstler erweitern. Die vollständige Studie erscheint im Februar 2023 im britischen Journal „Computers in Human Behavior“.

Anzeige
Anzeige
Anzeige

Neuste Artikel