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Eine Stadt zwischen Kirschblüten und Kernkraftwerken

Wie Kirschbäume in Tomioka zum Symbol für den Wiederaufbau in der Fukushima-Region werden

Elf Jahre sind vergangen, seit das verheerende Tohoku-Erdbeben und das Atomunglück von Fukushima dem Osten Japans großen Schaden zufügten. Seitdem laufen umfangreiche Aufräum- und Wiederaufbau-Arbeiten in den betroffenen Regionen. Auch wenn noch lange nicht auf alle offenen Fragen Antworten gefunden werden konnten, kehrt das Leben in die verlassenen Städte Fukushimas zurück. Eine von ihnen ist Tomioka, wo Kirschbäume zum zentralen Symbol für den Wiederaufbau werden.

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Tomioka in der Präfektur Fukushima gehört zu den Regionen, die durch die Dreifachkatastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Atomunfall besonders getroffen wurden. Denn die kleine Stadt, die bis 2010 von 15.000 Menschen bewohnt wurde, liegt direkt zwischen den beiden Kernkraftwerken Fukushima Daiichi im Norden und Fukushima Daini im Süden. Als Erdbeben und Tsunami die Ostküste Japan trafen, wurden über dreitausend Wohngebäude in Tomioka teilweise oder ganz zerstört, über vierhundert Menschen verloren ihr Leben.

Nach 2011 wurde Tomioka zur Geisterstadt

Während der darauffolgenden Störfalle in beiden Kernkraftwerken und der Reaktorexplosion in Fukushima Daiichi gingen in Tomioka große Mengen radioaktiven Materials nieder, die Stadt wurde vollständig evakuiert und durfte als Teil der Zwanzig-Kilometer-Sperrzone um die verunfallten Reaktoren nicht mehr betreten werden.

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Wer in Tomioka lebte und in der Region bleiben wollte, wurde nach Westen ins Landesinnere nach Koriyama gebracht, eine Großstadt nahe der Präfektur-Hauptstadt Fukushima. Zwei Jahre lang war nicht klar, ob eine Rückkehr in die verseuchten Regionen überhaupt jemals zur Debatte stehen würde. Mit dem zunehmenden Fortschritt der Aufräumarbeiten zur Beseitigung der Strahlenbelastung in den betroffenen Gebieten begannen sich jedoch Perspektiven zu eröffnen

Zwei Jahre nach dem Unglück verkündete die Zentralregierung Japans, dass Tomioka nicht mehr zu den Gebieten zählte, für die ein genereller Evakuierungsbefehl galt. Die Stadt wurde entsprechend der verbliebenen Strahlungsbelastung in drei Zonen aufgeteilt, in denen der zeitweise Aufenthalt oder was Wohnen wieder gestattet werden sollten. Die Kommunalregierung jedoch setzte auf Vorsicht und beschloss, Tomioka auch für weitere vier Jahre evakuiert zu lassen. Diese Zeit wollten man nutzen, um die beschädigte Infrastruktur wieder aufzubauen.

Viele Einwohner Tomiokas wollen nicht zurückkehren, doch der Wiederaufbau geht weiter

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Gleichzeitig befragte man die Betroffenen nach ihren Rückkehrwünschen. Vierzig Prozent der Befragten gaben dabei an, niemals in die Stadt zurückkehren zu wollen. Weitere dreiundvierzig Prozent waren unentschlossen. Viele fragten sich, ob es überhaupt möglich sein würde, in Tomioka einen Lebensunterhalt zu sichern. Dazu kamen Bedenken bezüglich der immer noch vorhandenen Strahlung und die Sorge, keine Entschädigungszahlungen zu erhalten, sollten sie sich für eine Rückkehr entscheiden.

Eine Absperrung im verlassenen Tomioka
Eine Absperrung außerhalb der verlassenen Stadt Tomioka in 2019. Bild: Flickr/Minoru Hanada

Trotz der ernüchternden Ergebnisse und der Ungewissheit, ob die Stadt überhaupt wiederbevölkert werden konnte, arbeitete die Regierung weiterhin daran, Tomioka erneut bewohnbar zu machen. Im April 2017, sechs Jahre nachdem die Stadt verlassen wurde, wurde die Evakuierungsanordnung für Tomioka schließlich auch vonseiten der Kommunalregierung aufgehoben. Nur ein kleiner Teil des Stadtgebiets wurde weiter als unbewohnbar kategorisiert.

Sieben Kilometer zwischen Kirschblüten und Kernkraftwerk

Genau in diesem Gebiet im Nordosten Tomiokas findet sich das Symbol des Wiederaufbaus in der Stadt. Hier liegt der Bezirk Yonomori mit seiner berühmten Kirschblüten-Allee. Sieben Kilometer liegen zwischen dem Viertel und dem havarierten Kraftwerk Fukushima Daiichi.

Vor über einhundert Jahren wurden die ersten Kirschbäume entlang der Straße von Immigranten gepflanzt. Später fügten Schulkinder aus dem Bezirk immer weiter Bäume der Sorte Yoshino auf beiden Seiten der zwei Kilometer langen Straße hinzu. Das Ergebnis sind heute vierhundertzwanzig Kirschbäume, die während der Blütezeit einen zwei Kilometer langen Tunnel durch das Stadtviertel bilden.

Das in Yonomori stattfindende Kirschblütenfest zog bis 2010 jährlich Gäste aus ganz Japan an. Yonomori war das Aushängeschild Tomiokas und ein bedeutender Faktor für den Tourismus in der Region – bis die Stadt evakuiert werden musste. 2011 blühten die Kirschen in einer Geisterstadt. Doch in den Herzen der Menschen von Tomioka blieb die Sehnsucht nach den Bäumen von Yonomori bestehen.

Schrittweise Öffnung als Symbol für den Wiederaufbau

Als 2017 ein Betreten der Stadt wieder gestattet wurde, bemühte sich die Stadtverwaltung darum, die Kirschblütenschau in Yonomori wiederzubeleben. Mit der Rückkehr eines der bekanntesten Ereignisse der Region wollte man den Einheimischen Mut machen. Gleichzeitig sollte im ganzen Land gezeigt werden: Die Region Fukushima ist nicht verloren. Der Wiederaufbau geht voran und das Leben kehrt zurück. Sobald wie möglich sollten auch die Touristen nach Tomioka zurückkehren.

Doch noch befand sich die berühmte Straße mit ihren hunderten Bäumen in einem Bereich, der nur sehr eingeschränkt betreten werden durfte. Anfangs konnte deshalb nur ein kleiner Teil der Straße wieder freigegeben werden. Auf dreihundert Metern konnten erstmal nur in Tomioka registrierte Einwohner die Kirschblüte betrachten.

Drei Jahre später folgte der nächste Öffnungsschritt. Weitere fünfhundert Meter der Straße, die sich in einer “difficult-to-return”-Zone befanden, wurden nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Beinahe die Hälfte der Allee konnte nun betreten werden. Viele Evakuierte aus Tomioka, die mittlerweile dauerhaft in anderen Städten wie Koriyama leben, kamen, um das vertraute und lange vermisste Naturschauspiel zu erleben.

Ein Teil des Kirschblütentunnels in Yonomori
Ein Teil des zwei Kilometer langen Kirschblütentunnels in Yonomori, Tomioka. Bild: Stadtverwaltung Tomioka

Im Januar 2022 schließlich fielen die letzten Beschränkungen für Yonomori. Zwar ist ein dauerhaftes Wohnen in dem Gebiet vorerst weiterhin nicht gestattet – eine Aufhebung des Verbots wird für 2023 erwartet – doch betreten werden darf das Viertel nun ohne Grenzen. Die Lockerungen fielen zusammen mit dem Wegfall von Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, die in den vergangenen Jahren landesweit zum Ausfall von Hanami-Veranstaltungen geführt hatten.

Die Stadtverwaltung von Tomioka entschied sich dafür, auch in der immer noch weitestgehend verlassenen Stadt das bekannte Kirschblütenfest wieder aufleben zu lassen. Mitte April, als die Kirschblüten Yonomoris in voller Blüte standen, lud die Stadt zu einem Hanami-Wochenende ein. Viele Menschen aus Tomioka und weiten Teilen Japans folgten der Einladung und erfreuten sich am Gang durch den zwei Kilometer langen Kirschblütentunnel. Für die Stadtverwaltung war das Ereignis und die große Resonanz darauf ein positives Signal für die Wiederbelebung Tomiokas.

Elf Jahre ohne Pflege haben schwerwiegende Schäden hinterlassen

Doch so wie die Zukunft der verlassenen Städte in der Region ungewiss ist – nach Tomioka sind bisher gerade mal etwa 1500 Menschen dauerhaft zurückgekehrt – so ungewiss ist auch die Zukunft von Yonomoris Kirschbäumen. Denn die Yoshino-Bäume sind anfällig für Krankheiten und benötigen konstante Pflege. Die aber fehlte in den elf Jahren, in denen Tomioka verlassen lag und die Straße nicht betreten werden konnte.

Um die Auswirkungen zu beurteilen, untersuchte die Japan Tree Doctors Association die Bäume in Yonomori, mit ernüchtendem Ergebnis. Viele der Bäume sind über die Jahre durch Schädlinge angegriffen worden und leiden unter der Baumkrankheit “Hexenbesen”. Ohne schnelle Gegenmaßnahmen, so das Urteil, werden viele von ihnen innerhalb eines Jahrzehnts absterben. Schon jetzt sei es für viele Bäume zu spät für eine Behandlung, in ihrer jetzigen Form wird die Landschaft nicht bewahrt werden können. Daran beteiligt ist auch die hohe Pflanzdichte der Kirschbäume. Denn was für den Tunneleffekt während der Blütezeit von Vorteil ist, sorgt unter der Erde mutmaßlich für starke Wurzelfäule.

Um das Markenzeichen der Stadt zu retten, hat die Stadt ein Expertengremium ein gesetzt. Denn die Bäume sind der Stolz der Stadt und ihrer Bewohner. Ziel ist es darum, den Straßenzug in Yonomori wenigstens für die nächsten zwanzig bis dreißig Jahre zu bewahren. Dazu gehören Schutzmaßnahmen für Bäume, für die noch Hoffnung besteht. Diejenigen, für die es schon zu spät ist, sollen schnell durch gesunde Exemplare ersetzt werden, um ein Ausbreiten von Krankheiten zu verhindern.

Ob die Maßnahmen den gewünschten Erfolg haben, kann nur die Zeit zeigen. Sie sind für Tomioka ein wichtiger Schritt, um den Menschen in der Region Fukushima und dem Rest Japans zu zeigen, dass neben dem Wiederaufbau von Gebäuden und Infrastruktur auch Kulturen und Traditionen neu belebt werden können. Und sie sind ein Zeichen an die Menschen aus Tomioka, die sich über eine Rückkehr in ihre Heimatstadt weiterhin unsicher sind.

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