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Auswirkungen des japanischen Einreiseverbots

Warten mit Ikigai

Eine kurze Zusammenfassung der letzten zwei Jahre, in denen eine mittlerweile verzweifelte junge Frau hofft, wieder nach Japan einreisen zu können. Es ist ein Warten mit Ikigai. Bei diesem Text handelt es sich um einen Gastbeitrag, den wir gerne veröffentlichen, da er erzählt, was das Einreiseverbot Japans für Auswirkungen hat.

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Diese Zusammenfassung meiner kurzen Erzählung mag auf den ersten Blick für Sie, verehrte Leserinnen und Leser, sehr unspektakulär wirken. Doch ich versichere Ihnen, mit jedem Absatz wird sich diese kleine Geschichte weiter in eine Abstrusität entwickeln, die nur Loriot hätte noch bildlicher darstellen können. Daher lassen Sie mich beginnen mit den Worten:

Ich hatte einen Plan

Über anderthalb Jahre hatte ich brav gearbeitet und mir sowohl ein finanzielles Polster zugelegt, als auch genug meiner wertvollen Urlaubstage angespart, um das vierte Mal nach Japan reisen zu können.

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Es sollte nach Shikoku gehen und, wie ich es immer mache, hatte ich auch dieses Mal jede Einzelheit meiner Reise vorbereitet. Ich hatte in meinem Journal mit liebevoller Handschrift und vielen farbenfrohen Stickern jeden Tag durchgeplant, jede Unterkunft gebucht und teilweise schon optimierte Zugverbindungen in monatelanger Kleinstarbeit herausgesucht.

Drei Wochen hätten es im März 2020 werden sollen; dann kam Corona und wie bei vielen Reisewilligen, darunter vielleicht auch Sie, wurde mein Flug und damit die gesamte Reise annulliert. Japan schloss die Grenzen – auf unbestimmte Zeit.

2020 kam und ging

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Nun gab es zwei Dinge, die mich in dieser Phase der Trauer um meine Reise unterstützt hatten: Ich hatte das Geld für den Flug und alle Unterkünfte zurückerhalten und war bereits seit einigen Jahren mit Erfolg im Selbststudium der japanischen Sprache vertieft.

Entsprechend hatte ich meine Ressourcen strategisch anders verteilt und Zeit und Geld in intensive Online-Kurse gesteckt. Diese Anstrengung zeigten zu Beginn des letzten Jahres erste Erfolge und ich befand mich auf dem besten Weg hin zu einem brauchbaren Japanisch.

Zudem hatte ein guter Bekannter es nach dem Ende seines Studiums geschafft, eine Anstellung bei einer japanischen Firma zu finden und war in der kurzen Spanne der Grenzöffnung im Oktober 2020 nach Tokyo ausgewandert.

So festigte sich in mir die Idee, das Auslandsjahr, das ich wegen finanzieller Gründe im Studium nicht hatte wahrnehmen können, nun doch noch antreten zu wollen. Ich informierte mich zu den Einreisebedingungen und schnell war klar, dass weiterhin keine
Touristen nach Japan einreisen durften.

Ich begann mich also um einen Platz an einer der vielen ausgezeichneten japanischen Sprachschulen inklusive Studienvisa zu bemühen. Auch hier muss man sagen, dass das leichter geschrieben als getan ist, denn die japanische Bürokratie steht der deutschen in nichts nach. Ja, ich wage sogar zu behaupten, dass sie schlimmer ist.

Warum, fragen Sie sich? Faxmaschinen gehören auch heute noch zur Standardausstattung der öffentlichen Verwaltung und außerdem werden weiterhin Hanko- Stempel (Namensstempel, die in Japan die gleiche Funktion haben wie in Europa die Unterschrift) benutzt, die in Zeiten der maximalen Abstandsregeln noch unpraktischer geworden sind, als sie es vorher schon waren.

Doch durch ein Quantum Glück schaffte ich es durch die bürokratischen Irrwege und schwang mich mutig über Hindernisse wie internationale Überweisungen oder beglaubigte Dokumentenkopien. Letzten Endes hatte ich mein COE (certificate of eligibility) erfolgreich beantragt und es fehlte nur noch eines … mehr Geld.

In der Theorie hatte ich meine Fixkosten so weit es ging minimiert und alles für das Studium in Japan durchgerechnet. Schnell war klar, ohne Job würde das Angesparte nicht reichen. Zudem ging ich in Deutschland einer Beschäftigung nach, die mir Spaß machte und die ich nicht aufgeben wollte. Nachdem ich mehrere Monate Homeoffice-Erfahrung gesammelt hatte, fasste ich einen Entschluss und legte meinem Chef meinen Plan vor.

Ich würde in dem, genau mit einem Jahr berechneten, Japanaufenthalt in Teilzeit über Remote weiterarbeiten. Vor Ort könnte ich also vormittags die Uni besuchen und am Nachmittag ab siebzehn Uhr noch vier Stunden pro Tag in der Firma mitarbeiten. Durch die Zeitverschiebung wäre dies in Deutschland immer morgens. Ein perfekter Deal und zu meinem größten Erstaunen war das Glück wieder mit mir, denn mein Chef bewilligte die Regelung.

Der Juni und mein Abreisetermin rückten immer näher. Alles war geklärt, mein Hab und Gut minimiert und aussortiert. Ich saß buchstäblich auf gepackten Koffern, doch – nichts passierte. Die Grenzen blieben dicht. Weder Berufstätige mit einem Arbeitsvertrag noch Kinder von japanischen Staatsbürgern, die nicht in Japan geboren waren, noch Partner:innen oder, wie in meinem Fall, Student:innen konnten einreisen. Die japanische Regierung unterschied nicht zwischen Einreisewilligen, die ein offizielles Visum hatten und denen, die als Touristen ins Land wollten. Niemand durfte einreisen.

Na ja, ganz stimmte das nicht; Japaner durften aus- und wieder einreisen. Sie durften im Ausland Urlaub machen, woanders Freunde oder Familie besuchen oder auch zu alltäglichen, wichtigen und internationalen Business-Besuchen fliegen.

Je mehr die Monate verstrichen, während ich wartete, desto offensichtlicher wurde die Ungleichheit und Ungerechtigkeit dieses Systems. Ich hatte alles getan, um mich auf das, nun ja, nennen wir es ‚ordentliches Einreisen‘, vorzubereiten.

Ich war doppelt geimpft, geboostert, hatte alle Sonderimpfungen (Tollwut, Hep. A+B, japanische Enzephalitis) mitgenommen. Auch eine Quarantäne von vorab zwei Wochen in Deutschland und im Anschluss an den Flug zwei Wochen in Japan wären irgendwie machbar gewesen. Doch es gab weiterhin keine Möglichkeit einzureisen, selbst mit den größten Schutzvorkehrungen und PCR-Tests nicht – außer, man war Japaner:in, versteht sich.

Doch langsam regte sich Widerstand. Angeleitet von Davide Rossi, dem Gründer einer bekannten Sprachschule, hatten sich über die sozialen Medien Menschen gefunden, die von der japanischen Ausgrenzung betroffen waren, um sich Gehör zu verschaffen. Unter dem Hashtag #Educationisnottourism wurden binnen kürzester Zeit viele kleinere und größere Aktionen ins Leben gerufen, die auf diesen Missstand aufmerksam machen sollten. Auch die japanischen Medien wurden so erreicht.

Für einen kurzen Moment sah es tatsächlich so aus, als würde sich etwas tun, als sich die Grenzen im Herbst öffneten und die geordnete Einreise angekündigt wurde. Nun konnten  einige Hundert Menschen mit einem Visum, das zu Beginn 2020 ausgestellt wurde, einreisen.

Ganze drei Wochen lang. Dann waren die Grenzen (seit dem 30. November 2021) wieder geschlossen, denn Omikron rollte an. Und nicht nur ich verlor einen entscheidenden Funken Hoffnung.

2021 kam und ging, doch das Bangen blieb

Mittlerweile haben viele Studenten ihr Visum verloren, einige können sich das Warten nicht mehr leisten. Andere, so wie ich, haben sich fürs Erste mit Online-Kursen abgefunden, die zwar viel Wissen vermitteln, die Lernenden jedoch zu japanischen Arbeitszeiten an den Schreibtisch bitten, wenn es in Deutschland gerade einmal drei Uhr morgens ist, und das intuitive Lernen und Benutzen einer Sprache im Land nicht ersetzen können.

Und das Warten hat seinen Preis. Hier spreche ich nicht nur über die Kosten für weitere Kurse, oder das nicht enden wollende Ausharren (viereinhalb Stunden am Stück) in der Telefonwarteschleife der Lufthansa, um den Flug das vierte Mal umzubuchen. Ich spreche damit von konkreten und massiven Einschnitten in die geistige Gesundheit, die viele meiner Kommilitonen und ich aushalten müssen.

Eine jüngst dargelegte Studie zeigt deutlich, dass über 85 Prozent der Studierenden durch das Warten, die ständigen Verschiebungen und das Hingehalten werden in ihrer mentalen Gesundheit beeinträchtigt sind. Das Ausmaß der Verzweiflung für viele junge Menschen in aller Welt, und auch ganz real hier in Deutschland, wird deutlich, wenn man hinzurechnet, wie schwer es seit Beginn der Pandemie geworden ist, einen Platz bei Therapeut:innen zu finden oder wie viel weniger Ausbildungsplätze oder offene Stellen es gibt.

Ich bitte Sie daher, liebe Leser:innen, sollte es Ihnen möglich sein, geben Sie Ihr Wissen weiter und machen Sie mit uns zusammen auf diese ungerechte Situation aufmerksam. Was mich angeht, so sitze ich auch im nächsten Monat weiter auf gepackten Koffern, stehe morgens um drei Uhr zum Online-Unterricht auf und arbeite zusätzlich in meinem Job. Ich versuche, weiter meinen Alltag zu bestehen, ohne die Hoffnung zu verlieren. Denn das, so wollen es die Kami (japanische Gottheiten) scheinbar, ist jetzt mein Ikigai – das, wofür es sich zu leben lohnt.

Oder um es mit den Worten von Paulo Coelho zu sagen: „Warten ist schmerzhaft. Vergessen ist schmerzhaft. Aber nicht zu wissen, welches man tun soll, ist die schlimmste Art des Leidens.“

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